Ein Comic, der das Leben und die DDR-Flucht eines Jugendlichen aus Brandenburg schildert. Repro: Gedenkstätte Lindenstraße
© Repro: Gedenkstätte Lindenstraße

Mauerbau-Schau in Gedenkstätte Potsdamer Stasihaft-Schicksale als Comic

Potsdams Gedenkstätte Lindenstraße arbeitet für eine Mauerbau-Schau mit namhaften Comic-Künstler:innen zusammen.

Potsdam - Es ist August 1966: Wegen versuchter Republikflucht wurde Hartmut Richter in Potsdam bereits zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt, doch nun wagt er einen erneuten Fluchtversuch. Der 18-Jährige springt in den Teltowkanal, muss sich vor DDR-Grenzern verbergen und lange im Wasser ausharren, bis er erfolgreich nach Westberlin schwimmen kann.

Haft in Potsdams Stasi-Knast in Comicporträts

Richters abenteuerliche Flucht, seine spätere Tätigkeit als Fluchthelfer und die Haft im Potsdamer Untersuchungsgefängnis der Stasi gehören zu einem von drei DDR-Schicksalen, die anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus von drei namhaften Comic-Künstler:innen porträtiert werden. Das rund 80 Seiten starke Comic-Buch wird nicht als normale Publikation im Handel erscheinen, sondern begleitet die Sonderausstellung „1961. Mauerbau und Geheimpolizei im Bezirk Potsdam“, die am 13. August in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße eröffnet wird. „Wir sind total gespannt darauf, wie das funktionieren wird“, sagt Sebastian Stude, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte.

Künstler wie Thomas Henseler (r.) haben die Comics gezeichnet. die Schau wurde von Sebastian Stude kuratiert. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Künstler wie Thomas Henseler (r.) haben die Comics gezeichnet. die Schau wurde von Sebastian Stude kuratiert. © Ottmar Winter PNN

Man habe sich bewusst gegen einen Ausstellungskatalog und für einen Comic als Begleitpublikation entschieden, sagt Stude: Das in diesem Kontext eher ungewöhnliche Format soll einen leichten und emotionalen Einstieg in das komplexe historische Thema Mauerbau, Flucht und Haft ermöglichen, das in der Ausstellung dann vertieft werden soll. Vor allem erhofft sich die Gedenkstätte, mit dem Medium ein jüngeres Publikum anzusprechen: Das Comic-Buch wird von der Landeszentrale für politische Bildung gefördert und kann daher allen Interessierten kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Comic-Zeichnerin Birgit Weye steuerte ihre Kunst bei

Für das Projekt, das die Gedenkstätte zusammen mit dem Forschungsverbund Landschaften der Verfolgung durchführt, konnte unter anderem Birgit Weyhe gewonnen werden, die derzeit zu den renommiertesten Comic-Künstler:innen Deutschlands gehört. Für ihren Comic „Madgermanes“, in dem sie die Schicksale mosambikanischer Vertragsarbeiter:innen in der DDR porträtierte, erhielt Weyhe 2016 die wichtigste deutsche Comic-Auszeichnung, den Max und Moritz-Preis. Sie erzählt im aktuellen Projekt die Geschichte von Carl-August von Halle, einem Westberliner Studenten, der DDR-Bürger:innen kurz nach dem Mauerbau durch die Berliner Kanalisation zur Flucht verholfen hatte. 1961 wurde er von einem Stasi-Spitzel verraten und kam ins Untersuchungsgefängnis in Potsdam.

Das Comic-Projekt in der Gedenkstätte Lindenstraße erzählt  Geschichten von ehemaligen Inhaftierten. Repro: Gedenkstätte Lindenstraße Vergrößern
Das Comic-Projekt in der Gedenkstätte Lindenstraße erzählt  Geschichten von ehemaligen Inhaftierten. © Repro: Gedenkstätte Lindenstraße

Alle Menschen, von denen der Comic erzählt, eint, dass sie in der Lindenstraße von der Stasi inhaftiert waren – in unterschiedlichen Jahrzehnten. Hartmut Richter, der 33 Menschen aus der DDR schmuggeln konnte, wurde 1975 verhaftet und wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ zur 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er von der Bundesrepublik freigekauft.

Im Comic minutiös Flucht geschildert

„Ich habe viel Rücksprache mit den Zeitzeugen gehalten“, sagt der Berlin Comic-Zeichner Thomas Henseler, der Richters Geschichte erzählt und mit „Grenzfall“, „Berlin - Geteilte Stadt“ und „Tunnel 57“ bereits mehrere Comics mit DDR-Bezug veröffentlicht hat. So schildert er nicht nur minutiös Richters eigene Flucht, sondern auch den monotonen Haft-Alltag in der Lindenstraße. „Tagsüber durfte ich sitzen, aber nicht liegen“, sagt Richter im Comic über die Haftbedingungen.

Comic und Schau sollen auf 1961 hinweisen

Ulla Loge, die 2015 den Wendecomic „Da wird sich nie was ändern!“ veröffentlicht hat, erzählt von Birgit und Detlef Grunzel, die Ende der Achtziger Jahre einen Ausreiseantrag stellten, weil sie sich im Westen eine bessere medizinische Versorgung für die chronische Erkrankung ihrer Tochter Steffi erhofften. Der Antrag wurde abgelehnt, woraufhin das Ehepaar öffentlich gegen die Entscheidung protestierte. 1988 wurden sie für ein Jahr inhaftiert, ihre Tochter wohnte so lange bei ihrer Oma. Direkt nach Ende der Haft durfte die Familie ausreisen, kurz bevor die Mauer fiel. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Steffi Grunzel erzählt.

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Comic und Ausstellung sollen ein Schlaglicht auf das Mauerbau-Jahr werfen. In keinem Jahr gab es mehr Ermittlungsverfahren in der Lindenstraße, als 1961, nämlich 573. Rund 200 Menschen saßen in diesem Jahr hier in Haft, 60 davon wegen „Propaganda und Hetze“. Um weitere Erkenntnisse über das Jahr des Mauerbaus in Potsdam zu gewinnen, ruft die Gedenkstätte Lindenstraße alle Zeitzeug:innen, die 1961 im Potsdamer Untersuchungs-Gefängnis inhaftiert waren, dazu auf, sich bei der Gedenkstätte zu melden. Auch Gegenstände, Dokumente oder Fotos, die in Zusammenhang mit der Haft oder dem Gefängnis stehen, werden fortwährend gesucht.


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