Der ursprüngliche Plan: In Krampnitz sollen bald 10.000 Menschen wohnen. Foto: PNN / Ottmar Winter
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Krampnitz Tram-Verschiebung löst Krise aus

Die geplante Tramtrasse nach Krampnitz wird sich um mehrere Jahre verzögern. Das wirkt sich auch auf die Entwicklung des neuen Stadtteils aus. Wie geht es dort nun weiter?

Krampnitz - Überraschung, Krisengespräche, Alternativvorschläge und sogar Forderungen nach einem Projektstopp – die Reaktionen auf die wahrscheinlich mehrjährige Verzögerung für den Bau einer Tramtrasse für den neuen Stadtteil Krampnitz waren am Dienstag vielfältig. Wie berichtet hatte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Montagabend vor den Stadtverordneten mitgeteilt, dass es für die Fertigstellung der Tramstrecke in Richtung des früheren Kasernengeländes nicht mal mehr einen Termin gibt. Bisher war von Ende 2025 die Rede. Nun suchen Stadtpolitik, Verwaltung und Projektbeteiligte noch nach einer gemeinsamen Linie bei der Frage, wie es mit Potsdams wichtigstem Stadtentwicklungsprojekt der nächsten Jahre weitergeht.

Deutsche Wohnen: "Das versetzt uns nicht in Panik"

Am gelassensten reagiert der Großinvestor Deutsche Wohnen. Dem Immobilienkonzern gehört in Krampnitz der Großteil der denkmalgeschützten Kasernengebäude, die er sanieren und ab Ende 2021 vermieten will. 1400 Wohnungen sollen es allein bei der Deutsche Wohnen sein. „Wir analysieren die neue Situation“, sagte ein Unternehmenssprecher den PNN. Man sei in Abstimmung mit der Stadt. „Das versetzt uns nicht in Panik.“ Die Verzögerung beim Bau der Tram sei keine große Umstellung. Das Quartier mit Wohnen am Wald sei so oder so attraktiv. Man sehe keinen Bedarf von den Plänen abzurücken.

Ein genauer Plan, wie es nun mit der Verkehrserschließung im Norden weitergeht und was die Verzögerung für die Entwicklung des Stadtteils bedeutet, ist bisher nicht bekannt. Überrascht wirkte am Dienstag der eigentlich für das Viertel zuständige Entwicklungsträger – die kommunale Immobilienholding Pro Potsdam. Man analysiere die Lage, hieß es. Im Rathaus will man die Planungen nach PNN-Informationen auf neue Füße stellen. Von einer Bündelung in einer Stabsstelle ist die Rede. Auch dürfte die Entwicklung etwas gebremst werden. Solange die Tram nicht einsatzbereit ist, soll nur Wohnraum für die Hälfte der zuletzt geplanten 10.000 Bewohner entstehen. Das entspräche etwa 2300 Wohnungen.

Potsdams Stadtpolitiker reagieren kritisch

Potsdams Stadtpolitik reagierte mit Kritik und Unverständnis auf die Nachricht. Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg sagte, zum Stand der Dinge und zu den Ursachen müsse am heutigen Mittwoch im Hauptausschuss aufgeklärt werden. „So etwas kann doch nicht von einer Stunde auf die andere entstehen.“ Die Linken-Landtagskandidatin im Norden, Tina Lange, forderte einen Baustopp in Krampnitz, Fahrland und Neu Fahrland. Das von Schubert angekündigte Bremsen der Grundstücksvergabe reiche nicht aus, sonst besteht die Gefahr, dass Leute längst in Krampnitz wohnen, „wenn vielleicht die Tram-Planung am Ende ganz scheitern sollte“. Lange ist auch in der Bürgerinitiative in Fahrland, die gegen neue Wohnbauprojekte und zugleich für mehr Infrastruktur kämpft.

CDU/ANW-Fraktionschef Matthias Finken erklärte, notwendig sei nun ein Umdenken: „Krampnitz weiterhin so extrem autoarm zu planen wie bisher, ist nicht zu verantworten.“ So könne man die Stellplatzzahl – bisher ein halber Platz pro Wohnung – erhöhen. Wichtig sei auch ein Dialog „auf Augenhöhe“ mit jenen Grundstücksbesitzern, deren Areal die Stadt für die Tramtrasse ankaufen will. Sonst drohten langwierige Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang, warnte Finken.

Kay Martin: Rathaus habe die Kontrolle verloren

Auch aus der FDP kam Kritik: Deren Kommunalwahlspitzenkandidat im Norden, Kay Martin, ätzte, das Rathaus unter Schubert habe die Kontrolle über das Projekt verloren. Die Trasse müsse nun Chefsache und der Planungs- sowie Bauprozess beschleunigt werden. Das Bürgerbündnis sprach von einem „schweren Rückschlag im Bestreben der Stadt, die angespannte Lage des Wohnungsmarkts zu verbessern.“ Man setze sich für eine personelle Aufstockung und technische Modernisierung der Verwaltung ein, um solche Projekte künftig zügig und pannenfrei vorantreiben zu können.

Eine komplette Umplanung forderte Tamas Blenessy, Kandidat für Die Andere: Es müssten Oberleitungsbusse wie in Eberswalde (Barnim) auf eigenen Vorrangspuren eingesetzt werden: Das sei die finanziell günstigere Variante. Auch der CDU-Landtagskandidat Clemens Viehrig fragte angesichts der Kosten: „Muss es eine Tram sein? Könnten auch Elektrobusse, O-Busse oder eine eigene ÖPNV-Spur ein Lösungsweg sein?“

Pete Heuer: Tramausbau und Wohnungsbezug im Gleichgewicht

Unterstützung bekommt Schubert von SPD-Fraktionschef Pete Heuer. Es sei die richtige Entscheidung, die Baugeschwindigkeit in Krampnitz soweit zu reduzieren, dass Tramausbau und Wohnungsbezug wieder im Gleichgewicht sind. „Die Stadt muss nun alles daran setzen, die Planungsrückstände bei der Tram aufzuholen, um der Wohnungsknappheit begegnen zu können“, sagte Heuer. Er stellte auch einen Bezug zur kürzlichen Demission der Geschäftsführung des Verkehrsbetriebs her: „Offenbar wurden die Voruntersuchungen zur Trassenführung, die den Stadtverordneten vor einigen Jahren vorgelegt worden waren, nicht konsequent weiterverfolgt“, so Heuer.

In den vergangenen Monaten hatten sich die Anzeichen gemehrt, dass etwas nicht stimmt. So ließ die Bauverwaltung von Dezernent Bernd Rubelt (parteilos) erst im Frühjahr eine Vorlage abstimmen, um entlang der Krampnitz-Trasse die Bodenpreise einzufrieren – ein Schritt, den man auch Jahre vorher schon hätte machen können. Auch das Bundesverkehrsministerium hatte im April auf Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Norbert Müller erklärt, es sei für die Tram noch keinen Finanzierungsantrag bekannt, sondern nur „erste Grundlagen zur Berechnung der Nutzen-Kosten-Untersuchung“. Nach der in der vergangenen Woche überraschend erfolgten Ablösung der ViP-Geschäftsführung hatte schließlich Stadtwerke-Chefin Sophia Eltrop erklärt, „eine vordringliche Aufgabe müsse nun ein verlässlicher Zeitplan für die Nahverkehrserschließung von Krampnitz“ sein. Doch den gibt es so eben: nicht.

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