Keine Kompromisse. Daniel – gespielt von Peter Trabner (l.) – pflegt die demenzkranke Mutter von Sven – Heiko Pinkowski (r.). In „Dicke Mädchen“ erzählt der HFF-Absolvent Axel Ranisch, wie sich zwischen den beiden Männern vorsichtige Bande knüpfen. Am heutigen Donnerstag startet der bereits mehrfach ausgezeichnete Film in den Kinos. Vergrößern
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Interview „Wir wollten einfach die Sau rauslassen“

Nur 517 Euro kostete der Film „Dicke Mädchen“: Zum Kinostart erklärt der Potsdamer Regisseur Axel Ranisch, wie er seine Oma dazu überredete und was Hühner und Filmemacher verbindet.

„Dicke Mädchen“, Ihr Abschlussfilm von der Babelsberger Filmhochschule HFF, gilt als Geheimtipp des Kinoherbstes, es gab schon 16 Auszeichnungen auf Festivals weltweit. Überrascht Sie der Erfolg?

Ja, unglaublich! Wir haben den Film gänzlich ohne Vorsatz gedreht. Niemand von uns hat daran gedacht, dass der auf Festivals läuft oder ins Kino kommt. Wir wollten einfach die Sau rauslassen und mal ganz frei alles machen. Und ich brauchte schlicht und einfach einen Diplomfilm.

Was war zuerst da: Der Filmtitel oder die Story?

Die Story. Der Filmtitel entstand, als wir die Szene am See gedreht haben.

... wo die beiden Hauptfiguren, Sven und Daniel, wuchtige Männer im besten Alter, unbeschwert im Wasser toben.

Der Sohn vom Schauspieler Heiko Pinkowski hat zugeguckt und sagte: Ihr benehmt euch wie zwei dicke Mädchen.

Einen der ersten Preise gabs beim Kinofest in Lünen: Bestes Drehbuch. Sie hatten gar kein Drehbuch!

Ich entschuldige mich bei allen Drehbuchautoren dieser Welt! „Dicke Mädchen“ ist ein Improvisationsfilm, es gab vorher nur einen Szenenablauf auf zwei, drei Seiten. Für die Jury in Lünen war das nicht entscheidend, denen ging es um den fertigen Film. Dass der dramaturgisch am meisten überzeugt hat, macht uns sehr stolz.

In „Dicke Mädchen“ geht um Demenz, Übergewicht, Homosexualität...

... Plattenbau, Einsamkeit...

Wieso ist es trotzdem kein Problemfilm geworden?

Ich finde es wichtig, dass solche Themen nicht problematisiert werden, sondern im Alltag ankommen. Wenn ein Film nur depri ist, verliert der Zuschauer die Lust und ich auch. Ich glaube, man muss versuchen, die größtmögliche Tragödie mit einem Augenzwinkern zu erzählen. Man kann auch nur befreit lachen, wenn man vorher richtig traurig gewesen ist.

Ihre 90-jährige Oma, Ruth Bickelhaupt, spielt eine Hauptrolle. Wie schwer war es, sie zu überreden?

Gar nicht schwer. Oma sagt nie nein, sie ist so ein offenherziger Mensch. Dabei habe ich ihr erst zwei Tage vorher gesagt, dass ich eine Rolle für sie habe und wir in ihrer Wohnung drehen wollen.

Der Film hat sagenhafte 517,32 Euro gekostet. Wie ist das möglich?

Rein praktisch war das keine Kunst. Ich hatte meine schrammelige Mini-DV-Kamera, den Rechner mit dem Schnittsystem. Das Geld ging im Prinzip für Verpflegung, Benzin und Kassetten drauf.

Verderben Sie sich damit nicht die Preise?

Diesen Film haben wir gemacht unter Komplettausbeutung: Ich habe die Schauspieler ausgebeutet, meine Freunde, meine Familie, mich selbst. Das geht natürlich nicht den Rest des Lebens, wir müssen irgendwann auch davon leben. Aber für den ersten Film war es super, weil wir keine Kompromisse eingehen mussten. Der Film trägt zu 100 Prozent meine Handschrift, ist meine Visitenkarte für den Markt. Das ist ein Geschenk, das ich mit keiner Million Euro Budget bekommen hätte. Denn sobald du Geldgeber hast, wollen sie mitreden.

„Dicke Mädchen“ startet gleichzeitig mit „Cloud Atlas“, dem teuersten deutschen Film aller Zeiten, in den Kinos.

Man sollte das nicht gegeneinander ausspielen. Die kochen auch nur mit Wasser. Aber mit sehr viel mehr Wasser. 

 

War es schwer, für „Dicke Mädchen“ einen Kinoverleih zu finden?

Nach unseren phänomenalen Starts auf den Festivals sind plötzlich viele Verleiher auf uns zugekommen. Als die den Film dann aber gesehen haben, mit allen technischen Eckdaten...

... wackelige Kamera, zweifelhafte Tonqualität...

...sind alle wieder abgesprungen. Nur ein Verleih - Missing Films - hatte den Mut, das zu machen.

Sie haben mit Ihren Mitstreitern die Produktionsfirma „Sehr gute Filme“ gegründet und sogar ein Manifest verfasst. Wollen Sie das Kino revolutionieren?

Nö. Wir wollen auch keine Filmgeschichte schreiben. Das ist ein sehr individuelles Manifest, das Erkenntnisse beinhaltet, die uns wichtig sind. Wenn sich da jemand anschließt, ist das natürlich trotzdem schön.

Sie schreiben Sätze wie: „Sehr gute Filme sind die Bio-Produkte der deutschen Filmlandschaft.“

Mit den Filmautoren ist es wie bei Hühnern: Wenn sie unter guten Bedingungen leben, dann entstehen auch schöne Eier.

Was sind gute Bedingungen?

Intuition steht ganz oben. Leider hört man oft nicht mehr darauf. In Deutschland hat Filmemachen viel mit Kontrolle zu tun, vor allem durch Geldgeber. Aber Kontrolle macht Intuition kaputt.

Wann kommt der nächste „Sehr gute Film“?

Nächstes Jahr. Der Film ist abgedreht. Es ist ein Märchenfilm mit ähnlicher Besetzung: Peter Trabner spielt den bösen Zauberer, Heiko Pinkowski ist ein grummeliger Räuberhauptmann. Oma spielt die Fee, mein elfjähriger Neffe die Hauptrolle. Parallel habe ich jetzt mit ZDF und Kordes & Kordes meinen Debütfilm gedreht: „Ich fühl mich Disco“, eine leicht biografisch angehauchte Vater-Sohn-Geschichte. Nach dem Erfolg von „Dicke Mädchen“ durfte ich dafür ähnlich frei arbeiten. Es gab keine vorgeschriebenen Dialoge. 2013 kommt der Film ins Kino.

Welche Diplomnote gab es eigentlich für „Dicke Mädchen“?

Summa cum laude – mit Auszeichnung! Meine Oma hat das am meisten gefreut.

Das Gespräch führte Jana Haase.

Axel Ranisch, geboren 1983, studierte Regie an der Babelsberger Filmhochschule. Für „Dicke Mädchen“ erhielt er 2012 den mit 20 000 Euro dotierten Deutschen Kurzfilmpreis.

 

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