Udo Sist betreibt im Internet den Youtube-Kanal Normalo TV, auf dem er Behinderte interviewt. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Interview | Udo Sist „Ich kann mir gut vorstellen, dass man da irgendwann einen Nervenzusammenbruch bekommt“

Der Potsdamer Youtuber Udo Sist kritisiert die Arbeitsbedingungen im Oberlinhaus, die Ökonomisierung der Pflege und die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung.

Herr Sist, Sie gehen seit sieben Jahren zweimal die Woche zur Physiotherapie im Oberlinhaus. Kennen Sie auch das Thusnelda-von-Saldern-Haus? 

Ja, zwei Jahre lang habe ich meine Physiotherapie auch in diesem Haus gemacht. Ich bin dort das erste Mal dank dem Training auf die Füße gekommen und konnte mit Stützen laufen, das war ein absoluter Feiertag für mich. 

Sie haben auf Youtube gesagt, dass Sie von der Tat letzte Woche zwar schockiert waren, dass Sie aber nicht davon überrascht waren – warum? 

Wenn man dort so oft Sport macht, bekommt man viel mit. Man hört, was die Mitarbeiter auf dem Flur erzählen, man bekommt ihren Frust mit. Es ist ein sehr anspruchsvoller Job, den die Leute dort machen und ich hatte immer wieder den Eindruck, dass die herrschenden Rahmenbedingungen die Mitarbeiter sehr unter Druck setzen. Es ist ja auch nicht die erste Tragödie in so einer Einrichtung. Ich habe schon vor zwei Jahren spekuliert, wann es einmal zu so einer Tat im Oberlinhaus kommen würde, aber dass es so schlimm sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. 

Udo Sist am Haus des Oberlinvereins, in dem das Verbrechen begangen wurde.  Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Udo Sist am Haus des Oberlinvereins, in dem das Verbrechen begangen wurde.  © Andreas Klaer

Aber kann man so eine Gewalttat wirklich mit Überforderung erklären? 

Nein, das alleine kann es nicht erklären. Aber wenn jemand überfordert ist, dann muss der Arbeitgeber ihm diese Überforderung nehmen. Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen müssen aus meiner Sicht viel besser durch ein gesundheitsbetriebliches Management begleitet werden. 

Sie haben gesagt, Sie könnten nachvollziehen, dass die mutmaßliche Täterin „durchgedreht“ ist. 

Stellen Sie sich vor, diese Frau musste sich als Mitarbeiterin seit Beginn der Pandemie ständig testen lassen, etliche Hygieneschleusen durchlaufen und ständig Angst haben, dass Corona in der Einrichtung ausbricht. Das stelle ich mir extrem belastend vor. Zusammen in Kombination mit einer dünnen Personaldecke, Schichtdienst und geringer Entlohnung kann ich mir gut vorstellen, dass man da irgendwann einen Nervenzusammenbruch bekommt

Was hat Sie an der Berichterstattung über die Tat gestört? 

Mich stört, dass dem ganzen Thema zu wenig Platz eingeräumt wird. Menschen mit Behinderung kommen in den Medien kaum vor. Der RBB hat sich zehn Minuten Zeit für eine Spezialsendung über die Tat genommen und danach ernsthaft den Film „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt, wo es um einen reichen Rollstuhlfahrer geht, der keine Frau findet. Diese Zeit hätte man besser nutzen können, indem zum Beispiel Menschen mit Behinderung zum Thema befragt hätte. Es wird generell zu wenig über uns und unsere Lebensbedingungen gesprochen. Vermutlich wissen die meisten Medien auch nicht, dass am 5. Mai der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ist. 

Sie interviewen seit vielen Jahren Menschen mit Behinderungen und hören dabei viel aus anderen Pflegeeinrichtungen. Sieht es dort ähnlich prekär aus? 

Man hört selten etwas Positives. Bei den 53 Menschen, die ich interviewt habe, war der Tenor immer gleich: Ich möchte nicht in so einer Einrichtung leben, ich möchte zuhause leben. Aber wenn man keinen barrierefreien Wohnraum hat, wird man mit 18 Jahren einfach ins Pflegeheim geschoben. Ich habe auch einmal im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses gewohnt und bin im ersten Lehrjahr ausgezogen, weil mich die Bevormundung dort erdrückt hat. 

Sie selbst wohnen in einem Haus im ersten Stock, wo in zwei Monaten der Fahrstuhl ausgebaut wird, der dann für sechs bis acht Wochen nicht verfügbar ist. Was hat Ihnen der Vermieter als Ausgleich angeboten? 

Mir wurde 20 Prozent Mietminderung angeboten und für die sechs bis acht Wochen 750 Euro entweder für Lebensmittel-Lieferkosten oder damit ich mir eine temporäre Unterkunft suche. Vorschläge wie ein Baufahrstuhl oder ein Treppenlift wurden alle abgelehnt. Von der Hausverwaltung hieß es: „Na dann bleiben sie einfach die sechs bis acht Wochen drinnen.“ Hier im Haus leben mehr als acht Rollstuhlfahrer, die sind dann wochenlang eingesperrt, es ist nicht mal der Brandschutz gewährleistet. Das ist das Allerletzte.

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem neuen Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung.

Gehen Sie weiterhin zur Physiotherapie ins Oberlinhaus? 

Ja, die machen da eine super Arbeit, sonst würde ich da nicht hingehen. Ich war gerade am Freitag da, das war total seltsam für mich. 

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es künftig weitere Gewalttaten in der Pflege geben wird? 

Wenn die Ökonomisierung in diesem Bereich weiter voranschreitet, dann ja. Dadurch erhöht sich der Druck auf alle Beteiligten und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für solche Taten. 

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, wo muss man anfangen? 

Man müsste die Ökonomisierung aus diesem System rausnehmen und zum Beispiel verbieten, dass Pflegeeinrichtungen Aktiengesellschafen werden, die Dividenden an Aktionäre ausschütten. Ich habe meine Ausbildung als Kaufmann im Gesundheitswesen gemacht und weiß durchaus, wie es in da aussieht. In diesem Bereich darf es nicht ums Geld gehen. Das wäre ein Anfang, der wirklich helfen könnte.


Zur Startseite