Autor Sebastian Stielke mit seinem Buch "100 Facts about Babelsberg". Foto: promo
© promo

Interview | Autor Sebastian Stielke „Hitchcock hat in Babelsberg viel gelernt“

"100 Facts about Babelsberg": Der Potsdamer Schauspieler über sein neues Buch zur Geschichte des traditionsreichen Potsdamer Filmstandortes.

Herr Stielke, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über den Filmstandort Babelsberg zu machen?
Es gibt viele Publikationen, die einzelne Aspekte oder Themen des Standorts behandeln, aber irgendwie keine, wo das alles zusammen und vereint dargestellt wird: Die Geschichte chronologisch vom ersten Glasatelier 1911 in Neubabelsberg über die Ufa und die Defa zum heutigen Filmstudio, dem Filmpark und den ganzen Firmen, die in der Medienstadt Babelsberg ansässig sind.

Es soll aber nicht nur um die glorreiche Vergangenheit gehen, sondern auch um die Gegenwart?
Ja. Viele ältere Potsdamer sind zurecht stolz auf die frühe Zeit des Filmstudios, aber wissen zum Teil nicht, was wir heute für ein Juwel hier haben. Viele wissen auch nicht, dass es in der Medienstadt Babelsberg etwa 200 Firmen gibt, die sich alle mit Film, Fernsehen, Rundfunk oder digitaler Technik beschäftigen, und das Filmstudio ist nur eine davon. Daneben gibt es natürlich den Filmpark, das Deutsche Filmorchester, die Filmuniversität, große Filmproduktionsgesellschaften und unzählige Startups. Die Medienstadt ist wie ein Stadtteil im Stadtteil.

Die Babelsberger Firma Big Image Systems kann riesige Stoffdrucke und Banner herstellen. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Die Babelsberger Firma Big Image Systems kann riesige Stoffdrucke und Banner herstellen. © Manfred Thomas

Welche dieser Firmen finden Sie besonders spannend?
Da gibt es zum Beispiel Big Image Systems, von der die meisten vermutlich noch nie etwas gehört haben. Die sitzen neben dem Funkhaus in der Wetzlarer Straße und haben den größten Drucker der Welt. Damit können zum Beispiel hochauflösende Landschaften oder Gebäude als Hintergrundkulisse für Filmdrehs ausgedruckt werden, bis zu einer Größe von zwölf mal 50 Metern.

Wozu macht man so etwas heute noch? Das kann man doch alles digital einfügen?
Bei diesen Hintergrundprospekten handelt es sich um unglaublich detailreiche Drucke, Schauspieler und Kameraleute bekommen so beim Dreh ein viel besseres Gefühl für die Umgebung, als wenn sich alles in der „grünen Hölle“ abspielt, also vor dem Green Screen.

Haupteingang zum Gelände des Studios Babelsberg. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Haupteingang zum Gelände des Studios Babelsberg. © Andreas Klaer

In welchen Bereichen ist Babelsberg sonst noch führend?
Beim Art Departement des Filmstudios, also Bildhauern, Dekorateuren, Metallbauern, Tischlern, Stuckateuren, und so weiter. Das ist in Studio Babelsberg einzigartig, dass alle diese Gewerke unter einem Dach sind und nicht ausgelagert wurden. Dieses Studio-Prinzip gibt es heute nur noch sehr selten, aber es ermöglicht schnelle Wege und bessere Planung. Alle diese Handwerker und Künstler haben hier ihre eigenen Werkstätten, wo Dinge noch nach alten Verfahren hergestellt werden.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?
Ich wusste nicht, dass Babelsberg zu Defa-Zeiten führend bei einigen technischen Entwicklungen war. Zum Beispiel hat die Defa das Stereolichttonverfahren schon in den 1950er-Jahren erfunden, Dolby erst in den 1970er-Jahren. Als einige Amerikaner und Engländer nach der Wende in den Filmstudios herumgeführt wurden, haben sie gefragt, von wann die Technik ist, und waren überrascht, dass sie aus den 1950er-Jahren stammte. Auch die sogenannte „entfesselte Kamera“ ist hier entstanden, also die bewegliche, vom Stativ losgelöste Kamera, mit der man subjektive Aufnahmen in Bewegung machen kann. Sie wurde zuerst eingesetzt 1924 im Stummfilm „Der letzte Mann“ von Friedrich Wilhelm Murnau.

Auch Alfred Hitchcock soll laut Ihrem Buch in dieser Zeit in Babelsberg gewirkt haben?
Ja, er war Mitte der 1920er-Jahre nach Deutschland gekommen und hat Murnau beim Dreh über die Schulter geschaut. Er hat hier vieles gelernt, was er später erfolgreich in den USA angewendet hat. Seine Karriere wurde maßgeblich durch Babelsberg und deutsche Filme beeinflusst.

Einer der 100 Fakten lautet, dass der Countdown in Babelsberg erfunden wurde – wie kam es dazu?
Das war im Fritz Lang-Film „Frau im Mond“ von 1929. Es war ein Stummfilm und man hat dort – lange bevor es richtige Raketen gab – eine Rakete gebaut, die den echten später sehr ähnlich sah. Lang überlegte, wie er den Raketenstart darstellen sollte und kam auf die Idee, einfach rückwärts die Sekunden zum Start runterzuzählen. In den 1960er-Jahren wurde er einmal von der NASA in eines ihrer Kontrollzentren eingeladen und dort sagte man ihm: „You are the inventor of the countdown!“ Sie haben es also wirklich von ihm übernommen.

Sebastian Stielke (40) ist Schauspieler und lebt in Potsdam. Bekannt ist er unter anderem aus deutschen TV-Serien wie „Soko Potsdam“ oder internationalen Serien wie „Homeland“

Das Buch: Sebastian Stielke: 100 Facts about Babelsberg. „Wiege des Films und moderne Medienstadt“. be.bra-Verlag, 240 Seiten, 16 Euro, zweisprachig Deutsch und Englisch, mit mehr als 400 Abbildungen

Zur Startseite