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Im Polizeigewahrsam schwer verletzt 19-Jähriger fordert Schmerzensgeld von Polizei

Gegen einen Potsdamer Polizisten wird ermittelt - er soll einen jungen Kenianer in Gewahrsam so verletzt haben, dass der eine Fingerkuppe verlor. Nun fordert der Verletzte Schmerzensgeld.

Potsdam - Die Vorwürfe wiegen schwer, gerade vor dem Hintergrund von Debatten um Rassismus bei der Polizei: Ein heute 19 Jahre alter Kenianer ist nach seinen Angaben vor eineinhalb Jahren in der Polizeiwache in der Henning-von-Tresckow-Straße so schwer verletzt worden, dass seine rechte Mittelfingerkuppe amputiert werden musste. 

Nun verlangt der Potsdamer zusammen mit seinem Anwalt Falko Drescher Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 10.000 Euro – und die Verurteilung der damals zuständigen Polizisten. Das bestätigte Jurist Drescher auf PNN-Anfrage.

Zunächst hat über den Fall dieses mutmaßlich überharten Polizeieinsatzes die Berliner "tageszeitung" berichtet. Strittig ist dabei schon der Ausgangspunkt, ein Polizeieinsatz am 27. Oktober 2019. Damals seien Polizisten alarmiert worden, weil der Kenianer betrunken andere Bürger mit Pfefferspray bedroht habe. Schon das stellt der Teenager laut Anwalt anders dar: Als Wortgefecht, das schon fast beendet war – und in dessen Folge eben nur sein Mandant nach seiner eigenen Geburtstagsfeier in Gewahrsam musste, kein anderer aus der Gruppe. 

Die Polizei hingegen gibt an, der Teenager habe sich nicht ausgewiesen und man habe Betäubungsmittel bei ihm gefunden. Gleichwohl sind laut Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen gegen den Jungen eingestellt worden, Grundlage dafür war das Jugendstrafrecht.

Den Finger eingeklemmt

Damals aber noch nicht, jedenfalls sollte der Kenianer über Nacht bei der Polizei bleiben – gegen seinen Willen. Als ihn ein Beamter in die Zelle bringen wollte, habe sich sein Mandant am Türrahmen festhalten wollen, sodann habe ein Polizist die Tür zugeschlagen und dem Gefangenen den Mittelfinger eingeklemmt. 

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Als der Heranwachsende die Schwere der Verletzung in der dunklen Zelle bemerkte, habe er um Hilfe gerufen, bis er bewusstlos wurde. Doch erst eine Polizistin in der Frühschicht habe gegen acht Uhr einen Rettungswagen geholt – was so zumindest auch die Polizei bestätigt. Warum dies allerdings erst Stunden später auffiel, ist unklar. 

Der Kenianer befindet sich in Betreuung des antirassistischen Vereins Opferperspektive, Helfer Julian Muckel war auch bei einer Rekonstruktion in der Polizeiwache zugegen – und fand es erschreckend, weil man „die Hilferufe hätte hören müssen“, wie er den PNN sagte. Anwalt Drescher sagte, auch das viele Blut in der Zelle hätte man sehen müssen.

Fahrlässige Körperverletzung?

Wie es zu der Verletzung kommen konnte, dazu habe es ein Ermittlungsverfahren des Landeskriminalamts gegen einen Polizisten gegeben, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums den PNN. Dieser sei hinreichend „verdächtig, sich der fahrlässigen Körperverletzung im Amt strafbar gemacht zu haben“. Dieses Verfahren sei aber noch nicht abgeschlossen, so die Staatsanwaltschaft. Zudem ist gegen den Beschuldigten laut Polizei ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

Ferner sei im Polizeipräsidium zuletzt die Schmerzensgeldforderung von Anwalt Drescher eingegangen, „die durch unsere Rechtsabteilung geprüft und bewertet wird“, so die Polizei. Wann ein Ergebnis dazu vorliege, sei unklar, so die Behörde. Für Helfer Muckel ist das alles kaum akzeptabel – beim Opfer dieser Polizeigewalt habe sich bis heute, trotz der Amputation, niemand entschuldigt, so einer seiner Vorwürfe.

Seit 20 Jahren aktiv

Zum Hintergrund: Der Verein Opferperspektive, der seit mehr als 20 Jahren Betroffene von rechter Gewalt berät, hat gerade nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd im Mai 2020 vermehrt mit Schilderungen über das Fehlverhalten von Polizisten zu tun. Das sagte Berater Muckel den PNN. Es gehe auch um Alltagsdiskriminierung, etwa als ungerechtfertigt empfundene Kontrollen durch die Polizei. 

Es gebe aber auch Berichte über konkrete Polizeigewalt in Flüchtlingsheimen, Muckel sprach von einer höheren einstelligen Zahl solcher Fälle. Er gehe nicht von einer Zunahme der Fälle aus, sagte der Berater – allerdings hätten Betroffene vermutlich mehr Mut, sich Hilfe zu suchen. Muckel forderte, auch für solche Fälle müsste es eine unabhängige Beschwerdestelle für polizeiliches Fehlverhalten geben.

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