Strittig. Mediziner sind sich uneins bei Impfungen für Über-12-Jährige.  Foto: dpa
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Hohe Nachfrage bei Eltern Keine Kinderimpfungen im Impfzentrum

Zum Ferienende mehren sich Stimmen für den Piks bei Jüngeren – Potsdamer Mediziner sind sich uneins.

Potsdam - Das Ferienende rückt näher – und die Diskussion um eine Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen wird lauter. In Potsdam wird es eine Kinderimpfung im Impfzentrum vorerst aber nicht geben. Das sagte Stadtsprecherin Christine Homann auf PNN-Anfrage. Auch nach der Übernahme des Impfzentrums Metropolishalle von der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) durch die Stadt zum Monatswechsel soll dort - wie bisher – nur die Impfung für 16- und 17-Jährige mit Einverständnis ihrer Eltern möglich sein. Jüngere Kinder und Jugendliche könnten sich beim Kinderarzt impfen lassen. „Damit orientieren wir uns an den Empfehlungen der Stiko“, der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (RKI), erklärte die Stadtsprecherin.

Die Stiko spricht für Unter-18-Jährige bislang keine allgemeine Impfempfehlung aus. Zwar ist der mRNA-Impfstoff von Biontech seit Juni auch für Kinder ab 12 Jahren zugelassen. Die Stiko empfiehlt die Impfung für 12- bis 17-Jährige aber nur dann, wenn sie an schweren Vorerkrankungen wie Adipositas, Tumorerkrankungen, Herzinsuffizienz oder Diabetes leiden. Auch für Kinder und Jugendliche, in deren Umfeld Risikopatienten leben, die nicht geimpft werden können, gibt es eine Stiko-Impfempfehlung. Eine Impfung für andere Kinder und Jugendliche ist „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz“ möglich, heißt es.

Ostprignitz-Ruppin ist vorgeprescht

Die Stimmen für die Impfung von Kindern mehren sich nun im politischen Raum. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin ist bereits mit Kinderimpfangeboten vorgeprescht. Auch Landesgesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hat für die Impfung von 12- bis 17-Jährigen geworben. Sebastian Walter, Landtagsfraktionschef der oppositionellen Linken, sprach sich für die Impfungen von Kindern aus. Der gesundheitspolitische Sprecher der Linke-Fraktion, Ronny Kretschmer, verweist auf den Schulstart. Die Ansteckungszahlen stiegen im Zusammenhang mit der Delta-Variante an: „Deshalb ist es jetzt dringend notwendig, landesweit niedrigschwellige Impfmöglichkeiten für Kinder bereit zu halten.“

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Bei Potsdamer Eltern sei die Nachfrage nach Impfungen für Kinder groß, berichtet der Kinderarzt Andreas Knoblauch, der gemeinsam mit zwei Kolleg*innen eine Praxis in der Innenstadt betreibt. „Die Corona-Impfungen werden eigentlich für alle Altersgruppen nachgefragt, ab einem Alter von 12 Jahren aber sehr häufig.“ In seiner Praxis impfe man aber – gemäß der Stiko-Empfehlung - nur Kinder mit schweren Vorerkrankungen. „Aus meiner Sicht als Kinderarzt und aus den bisherigen eigenen Erfahrungen ist diese Empfehlung auch sehr sinnvoll“, sagt der Mediziner. 

Die Zahlen zu schweren Verläufen, Hospitalisierungen oder Todesfällen bei Kindern im Zusammenhang mit Covid rechtfertigten die Notwendigkeit einer Impfung nicht. Die Impfungen seien für das Praxisteam auch logistisch kompliziert, gibt er zu bedenken: Da es den Impfstoff nur in Ampullen mit zehn Dosen gibt, benötige man für ein sehr kleines Zeitfenster auch zehn Kinder, die geimpft werden.

Kinderarzt befürchtet Katastrophe

Der Potsdamer Kinderarzt Alexander Tauchnitz, der gemeinsam mit einer Kollegin eine Praxis im Kirchsteigfeld betreibt, sieht das anders. „Wir wollen, dass die Kinder geschützt sind, nicht nur die Eltern“, sagt er. In der Praxis habe man von Anfang an aktiv die Erwachsenen angesprochen, um sie zur Impfung zu ermuntern. Dass die Stiko die Impfung bislang nur für bestimmte Gruppen von Kindern empfiehlt, bedauert Tauchnitz. Das sorge bei Eltern für Unsicherheit und Ängste, sagt er. Nach seiner Erfahrung sei etwa ein Drittel der Eltern aufgeschlossen gegenüber einer Impfung, ein Drittel unsicher, ein Drittel lehne die Impfung ab.

Mit den absehbar steigenden Infektionszahlen werde man ohne eine entsprechende Impfquote im Herbst wieder in eine Situation kommen, wo Kinder keine Schulen und Kitas besuchen können und zuhause unterrichtet werden müssen und in der Folge auch Eltern nicht zur Arbeit gehen können, befürchtet der Kinderarzt: „Wenn wir nicht alle Kinder impfen, die geimpft werden dürfen, werden wir wieder in die Katastrophe hineinkommen.“ Alle Kinder, bei denen aus gesundheitlichen Gründen nichts gegen eine Impfung spricht, sollten diese auch erhalten, sagt der Mediziner. 

Kampf mit psychischen Problemen

So würde ihnen auch im Herbst normales Leben und der Kontakt mit Freunden ermöglicht. Aus der Arbeit in der Praxis wisse er, wie viele Kinder wegen des über Monate fehlenden Schulalltags mit psychischen Problemen zu kämpfen haben – weil sie Freundeskreise verloren oder mit Überlastungssymptomen zu tun haben oder in der Schule nicht mehr zurechtkommen. Die Nachfrage nach Terminen beim Kinder- und Jugendpsychologen allein bei ihm in der Praxis habe sich mehr als verdoppelt: „Das ist ein Kontext, der politisch nicht gesehen wird", sagt Tauchnitz.

Der Kinderarzt wünscht sich vor allem Klarheit von der Politik. Einerseits befürworte Gesundheitsministerin Nonnemacher Kinderimpfungen, andererseits würden impfwillige Kinder und Jugendliche derzeit vom Impfzentrum nach Hause geschickt, kritisiert er. Dass die Impfzentren für diese Altersgruppe eingebunden werden, sei aber wichtig. Gerade kleine Praxen bringe der organisatorische und bürokratische Aufwand bei Corona-Impfungen an Leistungsgrenzen – auch, weil parallel der „normale“ Betrieb weiterläuft. Ein Impftag mit bis zu 40 Impfungen bedeuteten in seiner Praxis sechs bis acht Stunden organisatorischen Aufwand. Er wolle sich auch weiterhin flexibel am Impfen in den Zentren beteiligen, sagt er: „So kann man viel Bürokratie aus den Praxen rausholen.“

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