Auf dieser Fläche an der Plantage soll das Kreativquartier entstehen.  Foto: Andreas Klaer
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Großvorhaben in Potsdams Mitte Name für neues Kreativquartier gesucht

Online können Potsdamer über den Namen des geplanten Kunst- und Kreativquartiers abstimmen. Der Investor bekommt für sein Projekt Rückendeckung aus der Stadtpolitik - und Kritik aus der Kreativszene.

Potsdam - Der Investor für das geplante Kunst- und Kreativquartier in der Innenstadt will die Potsdamer aktiv bei der Namenssuche für das zuletzt umstrittene Großprojekt einbeziehen. Das kündigte das Unternehmen Glockenweiss am Dienstag in einer Pressemitteilung an. Demnach gibt es nun eine Online-Abstimmung mit sechs Namensvarianten. Wählen kann man zwischen dem bisherigen Arbeitstitel "Kreativ Quartier", dazu kommen „STRÖM“, „KQSMOS“, „Seele Potsdam“, „Port“ oder „Neue Werke Potsdam“.  Abgestimmt werden kann bis zum 25. Juni online unter www.kreativquartier.blog/name. Ziel sei ein Name, der "die Idee und Vision dieses Quartiers" auch überregional ausstrahle und es auch "innerhalb der Stadtgesellschaft bekannt machen könne".

Die Namensgebung wird schon länger vorbereitet, laut Glockenweiss hätten fünf Agenturen aus der Region Vorschläge gemacht. "Eine hochkarätige Jury" habe zwar bereits einen Favoriten definiert, nun solle aber auch noch ein Meinungsbild der Potsdamer eingeholt werden, hieß es. Das Votum der Jury - in der unter anderem der Projektentwickler, die Potsdamer Kulturdezernentin Noosha Aubel (parteilos) und der ehemalige Berliner Staatssekretär für Kultur und heute Geschäftsführer von Motor Music, Tim Renner, sitzen - geht demnach zu einem Drittel in die Bewertung ein.

Zuletzt stand das Projekt in der Kritik

Der Aufruf ist in einer Zeit wachsender Kritik an dem Vorhaben mit insgesamt sieben Gebäuden auf einer der letzten großen Innenstadt-Brachen platziert worden. So hatte sich zuletzt im Kulturausschuss eine zunehmende Entfremdung zwischen Vertretern der Kreativbranche aus dem abrissbedrohten Rechenzentrum, für die das Quartier auch gebaut wird, und dem Unternehmer gezeigt. Von einem Renditeprojekt war da die Rede, mit Gemeinwohl habe das nichts mehr zu tun.

Rückhalt aus der Politik

Allerdings kann sich Glockenweiss auf Unterstützung aus der Stadtpolitik berufen, besonders auf die rot-grün-rote Rathauskooperation. Gemeinwohl dürfe nicht mit Gemeinnützigkeit gleichgesetzt werden, sagte SPD-Fraktionschefin Sarah Zalfen auf PNN-Anfrage: „Eine über 80 Millionen Euro teure Investition muss bezahlt werden und damit darf auch Geld verdient werden.“ Das Viertel werde dem städtischen Gemeinwohl dienen. Wichtig sei, dass tausende Quadratmeter für subventionierte Mieten angeboten werden müssten, so Zalfen, was grundbuchlich gesichert sei.

Im sogenannten Langen Stall soll es auch ein Café als Treffpunkt geben.  Foto: Glockenweiß GmbH Vergrößern
Im sogenannten Langen Stall soll es auch ein Café als Treffpunkt geben.  © Glockenweiß GmbH

Kritik hatte es aber auch daran gegeben, dass Weiß zur Finanzierung auch auf einen Nachhaltigkeitsfonds setze, der nach den Vorstellungen der EU strenge Mindestanforderungen für Transparenz, Klimaschutz und soziale Kriterien erfüllen müsse und laut Kritikern aus der Versicherungsbranche kommt. Dieser sogenannte ESG-Fonds könnte später sogar Eigentümer werden, hatte Weiß bestätigt. Dabei geht es um die Assiduus Development mit Sitz in Berlin, hinter der unter anderem die Ideal-Versicherungsgruppe steht.

Kritiker aus der Kreativszene hatten dem Investor vorgehalten, Vertreter dieses auf Rendite orientierten Fonds würden heute schon bei Treffen zur Ausrichtung des Vorhabens mit am Tisch sitzen. Grünen-Fraktionschefin Saskia Hüneke sagte dazu den PNN, Geld aus solchen Fonds müsse doch nicht schlecht sein – zumal die Beschlüsse der Stadtverordneten „einen Rahmen geben“. Ähnlich äußerte sich Zalfen. Auch Rathaussprecherin Christine Homann sagte den PNN auf Anfrage, die Finanzierung sei dem Investor überlassen. 

Kritik am Zeitplan

Moniert hatten die Kreativen auch das strenge Zeitkorsett für den Bau, der in Teilen schon Ende 2023 fertig sein soll – als Ersatz für das Rechenzentrum. Das stünde dem Kirchenschiff der Garnisonkirche im Weg und soll vor allem deshalb abgerissen werden. Allerdings hatte sich vor Corona immer mehr Widerstand gegen solche Pläne formiert. Mit drohenden Haushaltslöchern ist jedoch unklarer denn je, wie eine mögliche, aber auch mehrere Millionen Euro teure Sanierung denkbar wäre. In diesem Jahr hatten Gespräche mit Vertretern diverser Interessengruppen in der Stadt begonnen, wie man das Umfeld des nahen Garnisonkirchturms nach der Fertigstellung nutzen könnte.

Für Kritik hatte bei den Kulturschaffenden auch die künftige Betreiberschaft gesorgt. So hatte Glockenweiss erst einen Generalmieter gesucht – und will nun doch selbst die Mietverträge unterzeichnen und das wirtschaftliche Risiko damit auch tragen. Die Mietparteien vorschlagen sollen, quasi als eine Dienstleistung, die Stiftung SPI, die bereits das Rechenzentrum verwaltet, und eine neu gegründete Genossenschaft aus dem Künstlerhaus. 

Rathaus: Vorgehen statthaft

Dieses Vorgehen ist laut Rathaus auch statthaft. Es sei festgelegt, dass ein Kurator und ein Beirat unter Beteiligung der Stadt und der Nutzer die Auswahl zukünftiger Mieter der subventionierten Flächen „beratend unterstützen“. All das entspreche weiter den Planungen – es gehe in dem Quartier auch um „erwerbsorientierte Nutzungen“. Ziel sei Lebendigkeit und ein „starker Produktionsstandort, in dem die Kultur- und Kreativwirtschaft identitätsstiftend ist“, so Stadtsprecherin Homann. SPD-Fraktionschefin Zalfen hob auch den nun geplanten Bau von Musikprobenräumen hervor. Damit werde einen Drittel des Bedarfs in Potsdam gedeckt, hatte Weiß gesagt. 

Gleichwohl steht die Kritik der künftigen Nutzer im Raum, wobei der Investor stets auf den straffen Zeitplan verwiesen hatte. „Die Kunst ist wohl, immer wieder die Balance zu finden – da muss auch Raum für Kritik sein“, meinte Zalfen. Angesichts dessen sei ein hoher Grad an Kommunikation und Transparenz wichtig. 

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Auch die Linken-Stadtverordneten Sascha Krämer und Hans-Jürgen Scharfenberg forderten in einer Mitteilung die „intensive Beteiligung der Kultur-und Kreativszene an der Vorbereitung und Umsetzung des Vorhabens“, die aber ohne „unternehmerisches Gespür“ nicht gelingen werde, wie sie anmerkten. Die konfrontative Ausrichtung mancher Debatte biete daher Anlass zur Sorge. Gefragt seien Ruhe und Besonnenheit, um die Sichten zusammenzuführen, so die beiden Linken-Politiker.

Diskussionen auch um die Namensgebung

Wie schwierig manche Abstimmung sein kann, zeigte sich schon an der aktuellen Namenssuche. Eigentlich war bereits Ende vergangener Woche ein Aufruf angekündigt. Doch nach PNN-Informationen mussten unter anderem die Nutzer des Rechenzentrums erst mit ins Boot geholt werden, weswegen die Abstimmung jetzt erst beginnt. 

Die konkreten Vorschläge werden unterschiedlich begründet. Zu "Port" etwa heißt es: "Vor Ort in Potsdam – der Heimathafen für Kreativität". "KQSMOS" soll hingegen für ein "inspirierendes Vorreiter-Projekt kosmischen Ausmaßes" stehen. Der Name kann aber freilich auch als Hommage an das Rechenzentrum und dessen markantes Wandmosaik „​Der Mensch bezwingt den Kosmos“ des Künstlers Fritz Eisel verstanden werden.

ZUM HINTERGRUND

Gemäß der Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung und der Verträge mit dem Rathaus bestehen für das neue Kreativquartier diverse Nutzungsrestriktionen. Diese hat die Stadtverwaltung auf PNN-Anfrage genannt. So müssen 18.434 Quadratmeter Nutzung durch Kultur- und Kreativwirtschaft ausgewiesen werden. Davon ist eine Nutzfläche von 8073 Quadratmetern zu einer durchschnittlichen Anfangsmiete von neun Euro pro Quadratmeter anzubieten. 

Dabei muss sich eine Erhöhung am „gesamtdeutschem Verbraucherindex“ orientieren, wie das Rathaus erläutert. Die Bindungs- und Nachweispflicht für solche Auflagen beträgt 20 Jahre ab Fertigstellung der Gebäude. Zudem werden diese Nutzungsvorgaben laut Stadt durch Vertragsstrafen abgesichert – und durch einen Grundbucheintrag.

Wichtig auch: Die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts ist zum Oktober 2023 festgeschrieben, dann müssen mindestens 4300 Quadratmeter mietpreisgebundene Nutzfläche vorhanden sein – als Ersatz für das Rechenzentrum, das in der Folge abgerissen werden soll, was aber hochumstritten ist.

Festgehalten wurde in den Auflagen auch die Durchführung eines Werkstatt- und Dialogverfahrens zur Konkretisierung des städtebaulichen und architektonischen Konzeptes, was laut Stadt erfolgt ist. Auch die Durchführung eines Interessenbekundungsverfahrens zum Betrieb der Flächen der kleinteiligen Kunst- und Kreativwirtschaft hat die Stadt bestätigt. Allerdings stößt auch hier das Ergebnis auf Kritik aus der Kreativszene.

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