Erfolgreiche Absolventen. Wahida Alomar (l.) ist eine der Absolventen, die in der vergangenen Woche von der Uni Potsdam das Zertifikat zum Abschluss des Qualifizierungsprogramms für geflüchtete Lehrer erhalten hat. In ihrer Heimat Aleppo, aus der sie 2016 mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen floh, hat sie als Grundschullehrerin gearbeitet. Foto: Sebastian Gabsch
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Geflüchtete Lehrer schließen Qualifikationsprogramm ab Aus dem Krieg ins Klassenzimmer

Geflüchtete Lehrer versuchen sich für das Seiteneinsteigerprogramm in Brandenburg zu qualifizieren. 21 Absolventen haben eine erste große Hürde genommen.

Potsdam - Wer Wahida Alomar kennenlernt, der trifft eine fröhliche Frau, deren Augen funkeln, wenn sie lacht. Die Frau in dem zartgestreiften weißen Kopftuch hat den Krieg gesehen, das unendliche Leid und den Kummer, den die Bomben über Aleppo brachten, ihre Heimatstadt. „Ich habe alles gesehen“, sagt sie und betont dabei das „alles“. Aber aufgeben, weggehen, das wollte die Grundschullehrerin erst mal nicht. Aber Anfang 2016 hielten sie und ihr Mann Mohamed Ibrahim es nicht mehr aus. Ihre zwei Söhne, heute sieben und acht Jahre alt, möglicherweise bei einem Angriff sterben zu sehen, das wollten sie nicht. Nach ihrer Flucht aus der Stadt, die zum Symbol des Syrienkrieges wurde, gelangte die Familie über die Türkei nach Griechenland. Wie so viele mit dem Schlauchboot und nicht mehr im Gepäck als die Hoffnung auf ein besseres Leben. Details aus der Zeit verraten möchte Alomar nicht. Denn das Gefühl, was jetzt in ihr vorherrscht, ist nicht mehr die Angst, sondern Dankbarkeit und große Freude über die Freundschaften, die sie in Deutschland geschlossen hat. „Die bedeuten alles für mich“, sagt sie.

Alomar ist eine von insgesamt 21 Absolventen, die in der vergangenen Woche das Qualifizierungsprogramm der Universität Potsdam für geflüchtete Lehrer abgeschlossen haben. Zumindest fast: Denn nur vier von ihnen haben die Sprachprüfungen für Deutsch auf C1-Niveau bestanden. „Das ist nicht so schlimm“, sagte der Vizepräsident für Lehre und Studium an der Universität, Andreas Musil. „Wir bieten weitere Deutschkurse an.“ In jedem Fall sind die Absolventen jetzt als sogenannte Assistenzlehrer gerüstet. Wenn sie zwei Jahre lang als solche an einer Schule arbeiten, können sie sich für das Seiteneinsteigerprogramm des Landes Brandenburg qualifizieren. „Genau solche Wege müssen wir gehen, um Integration weiter voranzutreiben“, sagte auch Brandenburgs Wissenschaftsstaatssekretärin Ulrike Gutheil bei der Zeugnisübergabe. Schulen seien der Garant für das tägliche demokratische Zusammenleben. Die Teilnehmer des Qualifizierungsprogramms hätten durch ihre interkulturelle Kompetenz eine Schlüsselqualifikation, die genau das garantiere.

Bei der Projektinitiatorin sind bereits 100 neue Bewerbungen eingegangen

Alomar gehört bereits zur zweiten Runde der Absolventen, über 100 neue Bewerbungen hat Miriam Vock, die das Projekt aus der Taufe gehoben hat, bereits auf dem Tisch. Bis 2019 soll nun aber das Programm noch mal überarbeitet werden. Nicht ohne Stolz blickt sie auf die Erfolgsgeschichte: Zu Beginn war das vom Land geförderte Programm einmalig in Deutschland und machte bundesweit Schlagzeilen. Inzwischen gibt es erste Nachahmer aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. „Gerade der sprachliche Teil ist höchst anspruchsvoll“, sagt Vock. Drei Semester lernen die hauptsächlich aus Syrien stammenden Teilnehmer neben Deutsch auch Pädagogik und Fachdidaktik, außerdem ist ein mehrmonatiges Praktikum an einer Schule Teil des Programms.

Grundschullehrerin sei sie von Herzen, berichtet Alomar. „Etwas anderes zu machen, kam nie infrage.“ Ihr Praktikum hat sie an der Grundschule im Kirchsteigfeld absolviert. Dort würde man sie jetzt gern als Assistenzlehrerin behalten, noch wartet Alomar auf die Zusage aus dem Schulamt. An der Grundschule seien viele syrische Kinder. „Manchmal ist das problematisch“, sagt Alomar. Die verschiedenen Kulturen an einem Fleck machten die Arbeit der Lehrer nicht leicht. Für die Integration und die Vermittlung zwischen den Kindern konnte sie sich einsetzen. Dazu gehörte beispielsweise auch, zu erklären, warum sie ein Kopftuch trägt. „Ich habe immer alle Fragen der Kinder beantwortet“, erzählt Alomar.

„Unsere Deutschlehrer haben uns alles gegeben“

Ihrer Meinung nach müsse es mehr solcher Programme in Deutschland geben. Die Nachahmer in Bielefeld und Kiel seien nur ein Anfang. „Denn wir alle sind Lehrer und wollen Kindern eine bessere Zukunft geben“, sagt die 33-Jährige.

Für sich, ihren Mann und ihre Kinder liegt die Zukunft in Potsdam. „Wenn die Lage in Syrien so bleibt, wie sie jetzt ist, wollen wir bleiben.“ Gerade zieht die Familie aus der Zeppelinstraße in eine größere Wohnung in der Nähe der Schule der beiden Söhne.

Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist für Alomar eine besondere. „Unsere Deutschlehrer haben uns alles gegeben“, sagt sie rückblickend auf die drei Semester an der Uni. Und zitiert in ihrer Dankesrede bei der Absolventenfeier die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren: „Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“ Damit seien nicht nur ihre künftigen Schüler gemeint, sondern auch die Absolventen selbst, findet Alomar. Sie alle wollen gestalten und zur Bildung und Integration beitragen. „Jetzt geht es an die Arbeit“, sagt Alomar.

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