Matthias Dombert ist seit Juni Vorsitzender der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft. Foto: pr
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Garnisonkirchen-Fördergesellschaft: Matthias Dombert im Interview "Wir bauen hier keine preußische Militärkirche"

Matthias Dombert, neuer Chef der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft, spricht im PNN-Interview über den Wiederaufbau des Turms, eine Zusammenarbeit mit den Künstlern im Rechenzentrum und die große Bedeutung des kommunistischen Widerstands gegen das Nazi-Regime.

Herr Dombert, reicht eine einzelne Taube, um im Streit um die Garnisonkirche Frieden zu stiften?

Das Bild stammt ja nicht von mir, ich weiß auch nicht, ob ich die Taube bin. Aber was vielleicht dazu beiträgt, Frieden zu stiften, ist eine stärkere Verdeutlichung unseres Anliegens, ein Versöhnungszentrum zu errichten.

Ihr Vorgänger als Chef der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft, Ex-Oberst Burkhart Franck, galt jedenfalls eher als Hardliner, als Falke, der den Konflikt um den Wiederaufbau der Kirche – wenn auch unwillentlich – eher noch befördert hat. Sie als Zivilist und Rechtsanwalt sollen nun die Grabenkämpfe beenden.

Das Faszinierende an der Garnisonkirche ist, dass es wie kein anderes Projekt in der Potsdamer und Brandenburger Gesellschaft Pro und Contra provoziert. Das hier (zeigt auf vier dicke Ordner - Anm.d.Red.) ist allein der Posteingang zur Garnisonkirche von vier Tagen. Da sind Briefe aus Süddeutschland ebenso dabei wie Post aus den USA. Jeder hat zu dem Thema eine Meinung. Für mich ist die Kirche zunächst einmal städtebaulich wichtig. Ich glaube aber auch, dass wir in Deutschland Orte des Erinnerns und der Auseinandersetzung brauchen. Und ein solcher Ort soll die Garnisonkirche werden, als Teil der Nagelkreuzgemeinschaft und als Versöhnungszentrum.

Die Kritiker werfen den Initiatoren des Aufbaus aber vor, dass man sich vom ursprünglichen Gedanken eines Versöhnungszentrums mehr und mehr entfernt hat. Auch der Nagelkreuz-Aktivist Paul Oestreicher hatte sich dagegen ausgesprochen, die Kirche allein aus städtebaulichen Gründen wiederaufzubauen.

Das zeigt doch aber nur, wie breit gefächert das Meinungsspektrum ist. Mein persönlicher Ansatz ist der städtebauliche. Ob der Versöhnungsgedanke zuletzt in den Hintergrund getreten ist, kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Ich werde jetzt den Blick nach vorn richten. Im September fahre ich gemeinsam mit der Garnisonkirchen-Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst nach Coventry, das Zentrum der weltweiten Nagelkreuz-Bewegung. Wir Deutschen werden im Ausland sehr um unsere Erinnerungskultur beneidet. Die Garnisonkirche soll ein Teil dieser Kultur werden. Dabei geht es nicht zuletzt um Jugendarbeit. 50 000 Schüler kommen jedes Jahr nach Potsdam. Die will ich auch in die Garnisonkirche holen, damit sie sich dort mit der Geschichte auseinandersetzen können. Ich glaube, dass das vielleicht auch einen Teil der Kritiker überzeugen könnte.

Kein Projekt in Potsdam ist so umstritten wie die Garnisonkirche. Kann man daran überhaupt noch etwas ändern?

Ich freue mich wirklich auf den Bürgerdialog. Dabei geht es zunächst gar nicht darum, die Gegner zu überzeugen, sondern sich in vernünftiger Atmosphäre über die unterschiedlichen Sichtweisen auszutauschen. Ich habe zuletzt viel mit Kritikern des Projekts gesprochen. Viele können sich durchaus vorstellen, dass der Platz dort bebaut wird. Dabei geht es natürlich um das Wie.

Allerdings findet der Bürgerdialog im Moment gar nicht und ab September hinter verschlossenen Türen statt. Echte Bürgerbeteiligung sieht anders aus.

Der Begriff hat sich so eingeschlichen. Jetzt reden wir über eine Bürgerbeteiligung der Akteure, also der unterschiedlichen Interessengruppen, die sich mit der Garnisonkirche beschäftigen. Und dieses Gespräch werden wir konstruktiv führen.

Mal abgesehen von der Bürgerinitiative, die die Kirche per se ablehnt – auch in der Potsdamer Bevölkerung genießt das Vorhaben offenbar nicht den nötigen Rückhalt, immerhin haben die Gegner binnen weniger Monate 14 000 Unterschriften gesammelt.

Potsdam wird wahrgenommen als Stadt der Schlösser, Parks und anderer Sehenswürdigkeiten. Ich glaube, dass sich die Garnisonkirche ganz unproblematisch dort mit einreihen ließe. Ich habe keine Befürchtungen, dass es uns nicht gelingen wird – auch im Rahmen der Bürgerbeteiligung – noch stärker als bisher für unser Projekt zu werben.

Echte Begeisterung konnten Sie in der breiten Bevölkerung bislang aber nicht wecken.

Meine vorrangige Aufgabe als Chef der Fördergesellschaft ist das Einwerben von Spenden. Und da gibt es eine Faustformel, die lautet: Zwei Drittel der Spenden fließen erst, wenn der Bau begonnen hat. Ich bin ziemlich sicher, dass die Potsdamer eine wesentlich positivere Haltung annehmen werden, wenn der Wiederaufbau tatsächlich gestartet ist. Das war ja auch beim Landtagsschloss der Fall.

Nicht wenige meinen, Fördergesellschaft und Wiederaufbaustiftung agieren zu sehr aus dem Elfenbeinturm heraus. Wie wollen Sie das ändern?

Wir werden ganz sicher den Aufbau der Ausstellung überdenken. Ich halte es für wenig glücklich, wenn die Besucher der Schau die zahlreichen, auch prominenten Spenderziegel, darunter den von Queen Elizabeth II., erst hinter einer Wand zu sehen bekommen. Das müssen wir ändern. Zudem werden wir noch gezielter publik machen, wie und wofür man konkret spenden kann, etwa für die Restaurierung vorhandener Originalbauteilen, für die Anfertigung von Kopien oder für Ziegel. Und wir werden die Jugendarbeit verstärken.

Und wie wollen Sie den Potsdamer auf der Straße erreichen?

Das können wir nur, indem wir etwa das Modell der Kirche zeigen und die Menschen über das Bauwerk und das, was wir damit vorhaben, informieren. Die Garnisonkirche ist kein Thema, bei dem man Flugblätter verteilen kann. Es geht um Öffentlichkeitsarbeit im Internet, aber auch um Veranstaltungen. Da werden wir auch andere Akzente setzen.

Sollte man bei einer so festgefahrenen Debatte nicht Potsdams Bürger befragen, ob sie die Kirche überhaupt wollen?

Wir haben eine gültige Baugenehmigung. Unser Stiftungszweck ist es, Geld für den Aufbau der Garnisonkirche zu sammeln. Wenn wir das nötige Geld zusammenbekommen, werden wir bauen.

Der Kirchturm steht also nicht zur Disposition. Anders sieht es mit dem Kirchenschiff aus. Oberbürgermeister Jann Jakobs hat dem DDR-Rechenzentrum, das für das Schiff abgerissen werden müsste, praktisch eine Bestandsgarantie gegeben und es der Kunstszene zur Verfügung gestellt. Sie könnten sicher viele Sympathien sammeln, wenn offiziell auf den Bau des Schiffs verzichtet würde.

Das Kirchenschiff genießt in der Fördergesellschaft einen hohen Stellenwert. Aber aus meiner Sicht ist der Bau derzeit völlig unrealistisch. Die Fördergesellschaft ist aber nicht der Bauherr, sondern die Stiftung. Planungen oder gar Anträge für den Bau des Kirchenschiffs liegen nicht vor. Erstmal kümmern wir uns um den Turm, dann erst führen wir weitere Diskussionen zu dem Thema.

Ein Künstlerzentrum in einem DDR-Gebäude direkt neben einem Versöhnungszentrum in barocker Gestalt – das ist etwas in Deutschland wohl Einmaliges und eine Chance für das Projekt.

Das ist in der Tat eine spannende Nachbarschaft, über die wir uns Gedanken machen werden. Dabei geht es sicherlich auch darum, wie wir mit den Künstlern zusammenarbeiten können.

Ein Hauptargument der Gegner des Wiederaufbaus ist der sogenannte Tag von Potsdam am 21. März 1933, als die Nazis die Kirche für ihre Zwecke missbrauchten. Wie wollen Sie erreichen, dass die braune Vergangenheit nicht auch den Neubau belastet?

Versöhnung heißt auch, den Bruch deutlich zu machen. Ich fürchte, ohne die Garnisonkirche, diesen Stein gewordenen Erinnerungsort, wird auch die Tatsache, dass die damaligen Eliten und das Volk die Nazis unterstützt haben, in Vergessenheit geraten. Um eine Auseinandersetzung auch mit der Geschichte des Tags von Potsdam zu ermöglichen, benötigen wir einen konkreten Ort – die Garnisonkirche. Die Gefahr, dass die Kirche zum Wallfahrtsort für Neonazis wird, sehe ich nicht. Und wir werden hier auch ganz sicher keine preußische Militärkirche wieder aufbauen.

Gleich nach Ihrer Wahl zum Chef der Fördergesellschaft im Juni hatten Sie angekündigt, als Zeichen der neuen Politik offensiv gegen Rechtsextremismus aufzutreten und sich für die Belange von Flüchtlingen einzusetzen. Bislang ist davon öffentlich noch nicht viel zu sehen.

Seit meiner Wahl zum Vorsitzenden führe ich Gespräche – und kann sagen: Ich fühle mich über alle Maßen bestätigt, ermutigt und bestärkt. Ich will den Blick wieder aufs Wesentliche lenken, auf die Spenden. Wir werden intern festlegen, wer wen anspricht. Es wird eine Gruppe für Mäzene geben und eine, die für Unternehmen zuständig ist. Ich kenne genügend Firmen in Brandenburg, die sich in Potsdam engagieren wollen. Eine dritte Gruppe wird sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern, um Werbung zum Anfassen, etwa an Ständen, wo wir die Spenderziegel verkaufen und das Kirchenmodell vorstellen. Und schließlich wird es Gruppen geben, die gezielt bestimmte Vereine oder auch Lobbyverbände ansprechen sollen, die sich für die Garnisonkirche interessieren könnten. Und was das Thema Flüchtlinge angeht, da stehe ich zu meinem Wort. Wir werden uns da engagieren. Geben Sie mir ein halbes Jahr Zeit.

Welche Schritte planen Sie als nächstes?

Wir wollen unser Veranstaltungsspektrum ausweiten und zum Beispiel Konzerte mit zeitgenössischer Musik anbieten, aber auch verschiedene Lesungen. Auch, was die Erinnerungskultur an den Widerstand angeht, müssen wir den Blick weiten. Ich bin gegen eine Verengung auf den rein militärisch-protestantischen Widerstand des 20. Juli. Auch der kommunistische Widerstand hat eine Bedeutung gehabt, die heute vielfach in den Hintergrund gedrängt wird. Ich werde mich dafür einsetzen, dass sich das ändert.

Neben der mangelnden Akzeptanz in der Öffentlichkeit und wohl auch als Folge davon sind die Spenden das Hauptproblem für den Wiederaufbau des Turms. Wie ist der Stand der Dinge?

40 Millionen Euro kostet der Turm. Davon haben wir gut 22 Millionen Euro zusammen, inklusive der vom Bund in Aussicht gestellten zwölf Millionen Euro. Das heißt, wir brauchen noch zwischen 17 und 18 Millionen.

Sie brauchen die Großspender, die Millionen geben. Haben Sie welche in Aussicht?

Wir brauchen einen Konsens. Die potenziellen Großspender schauen genau hin, wie umstritten ein Projekt ist. Wir müssen einen Neubeginn schaffen. Stadt, Aufbaustiftung und Fördergesellschaft müssen eine Erklärung abgeben, dass wir uns auf die Errichtung des Turms konzentrieren und darin den Versöhnungsgedanken leben wollen, indem wir die Aussöhnung mit der deutschen Geschichte, aber auch die Diskussion um diese Geschichte ermöglichen. Mit diesem Papier müssen wir an die Spender ran.

Noch immer heißt es offiziell, der Turm der Garnisonkirche soll zum 500. Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 2017 geweiht werden. Glauben Sie noch daran?

Eine Baugenehmigung gilt in Brandenburg sechs Jahre und kann nicht verlängert werden. Innerhalb dieses Zeitraumes muss das Vorhaben verwirklicht werden. Schafft der Bauherr dies nicht, hat er nach Ablauf dieses Zeitraumes noch ein Jahr Zeit, um sein Vorhaben fertigzustellen. Danach erlischt die Baugenehmigung.

 

Das Interview führte Peer Straube

ZUR PERSON: Matthias Dombert, 60, wurde in Walsrode in Niedersachsen geboren. Er studierte Jura in Münster und Bonn. Im April 1990 kam Dombert nach Potsdam und erhielt eine Zulassung als Rechtsanwalt. Von 1994 bis 2009 war Dombert außerdem Richter am Brandenburgischen Landesverfassungsgericht. 2009 wurde er Mitglied der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft, im Juni wählten ihn die Mitglieder zum neuen Vorsitzenden.

Am heutigen Freitagabend wird ab 20 Uhr am Standort der Garnisonkirche in der Breiten Straße ein Fest gefeiert, bei dem Originalbauteile der Kirche illuminiert werden. Zudem wird ein Film über die Kirche gezeigt. Der Eintritt ist frei.

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