Blumrich dokumentierte Demonstrationen wie die Massenkundgebung am 4. November 1989. Foto: Bernd Blumrich
© Bernd Blumrich

"Freundliche Übernahme" Wende-Dokumentar Blumrich übergibt Bilder an Stiftung

Die Bundesstiftung Aufarbeitung will die Wende-Fotosammlung von Bernd Blumrich übernehmen. Noch vor einigen Jahren wäre das für den Dokumentar nicht denkbar gewesen.

Es sind Tausende Fotos, die Bernd Blumrich allein in den Jahren 1989 und 1990 in Potsdam und anderen Orten gemacht hat. Im Online-Archiv des Kleinmachnower Fotografen findet man sie in dem Ordner „Wendezeit“, daneben weitere Tausende zu anderen Themen und Zeiten. Eine Fundgrube, ein Bilderbuch, das regionale Geschichte und vor allem den radikalen politischen Umbruch spiegelt. Kaum ein anderer Fotograf der Region Potsdam hat so umfassend fotografiert und dokumentiert. Immer wieder zeigt Blumrich, heute 70 Jahre alt, seine Bilder in Publikationen, Ausstellungen, Büchern und Kalendern. Sie sollen gesehen werden. 

Jetzt hat die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Interesse an dem Bilderschatz gezeigt. Die Stiftung würde gerne Blumrichs Fotobestand aufkaufen, archivieren, veröffentlichen und Nutzern, Wissenschaftlern, Autoren, Forschungs- und Bildungseinrichtungen zur Verfügung stellen. Im Archiv der Stiftung finden sich bereits mehrere Sammlungen namhafter Fotografen, zum Beispiel von Klaus Mehner und Harald Hauswald.  

„Die Bilder von Blumrich wären eine wichtige Ergänzung“, sagt Matthias Buchholz, Leiter des Archivs. „Das Besondere an ihnen ist, dass der Fotograf sie stets in einen Kontext stellt. Man spürt, dass er etwas erzählen will.“ Seine Bilder enthalten außergewöhnlich dichte und genaue Hintergrundangaben zu Ort, Zeit, Anlass und abgebildeten Personen. Das mache sie für die Recherche sehr wertvoll.  

Den Blick durch die Mauer an der Bertinistraße fotografierte Blumrich im Februar 1990. Foto: Bernd Blumrich Vergrößern
Den Blick durch die Mauer an der Bertinistraße fotografierte Blumrich im Februar 1990. © Bernd Blumrich

Freude über Interesse der Stiftung

Zudem habe Blumrich über die politisch vollzogene Wiedervereinigung hinaus seine Umwelt fotografiert. Auch nach 1990 hielt er lokale Ereignisse eines sich schnell verändernden Landes fest. Neue Gebäude und Straßen, gesellschaftliches Leben, politische Karrieren. „Die Zeit danach, die Transformation, dauert im Grunde bis heute an. Das wollen wir in der Arbeit der Stiftung künftig verstärkt thematisieren“, so Buchholz. „Wir wollen wissen, was hat die Zeit mit den Menschen gemacht und warum gibt es so viele Verwerfungen und Unzufriedenheit, obwohl die Menschen auch stolz sein könnten auf das Erreichte?“ 

Bernd Blumrich freut sich sehr über das Interesse der Stiftung an einer freundlichen Übernahme. „Vor zehn Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Aber jetzt ist es mir wichtig, dass sie in gute Hände gelangen, an einen guten Ort.“ Es wird eine radikale Trennung, denn Blumrich gibt auch seine Negative weg. Die schmalen Filmstreifen, von denen im Labor analoge Papierabzüge gemacht wurden, sind empfindlich. Sie müssen in klimatisierten Räumen gelagert werden, damit das organische Material nicht mit der Zeit zerfressen werde, so Blumrich. Unter optimalen Bedingungen können sie aber sehr lange halten. Der Aufwand lohne sich: „Das Negativ ist die Mutter aller Dinge, fälschungssicher und nicht widerlegbar.“ Jedes Foto steht fest in einer Reihe von Aufnahmen – jenem Negativstreifen – und ist nummeriert, was eine genaue zeitliche Einordnung ermöglicht. 

Fotograf Bernd Blumrich. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Fotograf Bernd Blumrich. © Ottmar Winter

Blumrich übernimmt die Digitalisierung

Für das Archiv sollen und müssen dennoch alle Bilder zunächst digitalisiert werden. Ein großer Arbeitsaufwand. Blumrich macht das selbst: „Für 24 Negative brauche ich eine Stunde, plus Beschriftung und notwendige Bearbeitung, zum Beispiel Fussel entfernen und Ton und Dichte optimieren.“ Die Stiftung nutzt für die Speicherung möglichst langzeitstabile und sichere Speichermedien. Bis zu 25.000 Bilder könnten es werden. Noch sind Einzelheiten zu klären, aber bis Ende des Jahres könnte das Projekt abgeschlossen sein. 

Die Fotos werden allerdings weiterhin in Blumrichs eigenem Archiv zu sehen sein, das nun noch einmal wächst, da neu digitalisierte hinzukommen. Auch wenn das Wendejahr 30 Jahre her ist – für den Fotografen ist das alles noch lange nicht auserzählt. „Ich wünsche mir Aufklärung, was wirklich am 9. November 1989 geschah und warum es friedlich blieb. Es spielt sich eben nicht alles in Berlin ab, sondern es gab Menschen, die ganz woanders saßen und mutige Entscheidungen trafen. Da gäbe es noch viel aufzuarbeiten.“ 

Rückzug als Wende-Dokumentar

Blumrich begann bereits im Sommer 1989 während eines Urlaubs in Ungarn Symptome und Anzeichen politischer Stimmungen zu fotografieren. Später setzte er das in Potsdam fort. Manchmal unter riskanten Umständen: Nach der Demonstration am 7. Oktober 1989 wurde er von der Stasi verhaftet und wie viele Demonstranten eine Nacht festgehalten. Ein ihm entwendeter Film wurde ihm später zurückgegeben – auch dank Blumrichs selbstbewusstem Auftreten. Bis zur Währungsunion fotografierte er fortan die Entwicklungen der neuen demokratischen Gruppen und Aktionen der Bürger. Ein dichtes Jahr. Im Sommer 1990 zog er sich als Wende-Dokumentar zurück. „Die normalen Pressefotografen übernahmen jetzt das Geschäft“, sagt er. Das empfand er nicht mehr seine Aufgabe.  

Blumrich selbst sah sich immer auch als Künstler. Das weiß man in der Stiftung Aufarbeitung zu schätzen. „Seine Bilder sind von guter fotografischer Qualität, was Bildaufbau und Wirkung betrifft. Sie haben was zu sagen“, so Archivleiter Buchholz. „Es ist deshalb auch unser Anliegen, das Gesamtwerk des Fotografen mit seinem künstlerischen Gesamteindruck zu bewahren und sichtbar zu machen.“
 

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