Erinnerungen an die Bombennacht Unter dem Schutt lag leblos unsere Nachbarin

Hans-Rüdiger Karutz

Fritz Wernicke, geboren im April 1929, erlebte die Bombennacht als 16-Jähriger. Danach sollte er Potsdam gegen die Rote Armee verteidigen.

Unsere Familie – meine Mutter, Schwester und ich – lebten zur Zeit des Angriffs im Hause Neue Königstraße 2 (heute Berliner Straße, d. Red.) – das erste große Haus rechts hinter dem Berliner Tor. Das Torwärter-Häuschen steht noch heute. Im Erdgeschoss betrieb Kaufmann Mende mit seiner Frau einen Kolonialwarenladen. Meine Schwester Annemarie war aus Hamburg zurück, wo sie die grauenhaften Angriffe als Flakhelferin am Such-Scheinwerfer erlebt hatte. Als die Warnung über den Rundfunk kam – immer mit diesem dramatischen „Achtung! Achtung!“ –, gingen wir ohne Eile in den Luftschutzkeller. Viele dachten: „Die gehen wieder nach Berlin, wir sind nicht gemeint.“ Aber diesmal war alles anders.

"In einer Villa sollten wir uns auf die Verteidigung Potsdams gegen die anrückende Rote Armee vorbereiten"

Mir schien es wie Weihnachten: Der Luftschutzwart, die Helfer und unsere Nachbarn standen noch auf dem Hof, als der Himmel über Potsdam plötzlich taghell leuchtete. Die Leuchtbomben flackerten direkt über uns. Im Keller rumste es in Abständen von Sekunden, die Wände schwankten, als wären wir auf hoher See. So ging das eine gefühlte Ewigkeit, dabei dauerte der Angriff nur gut 20 Minuten. Das Nachbarhaus war getroffen, unseres heil geblieben – nur alle Fenster und Türen flogen durch den Luftdruck heraus. Wir stürzten nach oben – bloß raus, raus, nicht verschüttet werden! Oben ringsum Flammen und Trümmer: Unter einem Schutthaufen ragte die Leiche unserer Nachbarin, die Mutter meines Freundes Paul Engler, heraus. Er war zu Fuß aus Berlin gekommen, weil sein Haus zerstört und der Vater verschüttet worden war.

Meine Mutter und Schwester wurden aus Potsdam evakuiert, mich holten nach dem Angriff ein paar Hitler-Jugend-Führer direkt von der Straße – wie ein Kidnapping. Sie zwangen mich einfach mitzukommen. In einer Villa am Reiterweg sollten wir uns auf die Verteidigung Potsdams gegen die anrückende Rote Armee vorbereiten. Die Stadt war ja zur „Festung“ erklärt worden, also gleichsam frei zur Vernichtung. Mir drückten sie ein altes Gewehr in die Hand, wir sollten in ein Wehrertüchtigungslager nach Kleinmachnow. Dazu kam es aber nicht mehr. Drei Kameraden und ich erhielten stattdessen einen Marschbefehl nach Mecklenburg – unser Weg sollte also mitten durch die noch immer im Westen Berlins kämpfenden Truppen gehen. Man gab uns zwei Pistolen und eine Handgranate mit auf den Weg – das war alles. Keine Einweisung, geschweige denn Ausbildung – nichts. Zu Fuß sind wir dann aus Potsdam heraus. Wir kamen schließlich – immer noch zusammen und halb verhungert – in die Nähe von Itzehoe. Dort waren schon die Briten und nahmen uns gefangen. Ich habe dann monatelang bei einem Bauern als Knecht gearbeitet. Später ging es wieder nach Potsdam zurück – und ich saß plötzlich wieder auf der Schulbank, als 17-Jähriger. Später begann ich meine Gärtnerlehre in der Stadtgärtnerei in Potsdam.

Aufgezeichnet von Hans-Rüdiger Karutz

Anmerkung: Fritz Wernicke stieg zu DDR-Zeiten zu einem der ersten offiziellen „Grünen“ auf – in der Funktion eines Landforstmeisters war er im damaligen Ministerium für Landwirtschaft und Forsten für den Naturschutz zuständig

 

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