Gedenkveranstaltung in der Nikolaikirche zum 70. Jahrestag der Bombardierung Potsdams. Foto: A. Klaer
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Erinnerung an die Nacht von Potsdam Nie vergessenes Grauen

Stefan Engelbrecht

Vor 70 Jahren zerstörten britische Bomben die Potsdamer Innenstadt. In Gedenken an die Opfer läuteten am Dienstagabend alle Kirchenglocken. Hunderte besuchten einen Gottesdienst in der Nikolaikirche.

Potsdam - Starke Emotionen, Trauer, nie vergessenes Grauen. Wer die Nacht von Potsdam am 14. April 1945 miterleben musste, wird dieses Ereignis wohl nie aus seinem Gedächtnis löschen können. Am gestrigen Dienstag gedachten Hunderte Menschen am 70. Jahrestag der Bombardierung Potsdams durch einen britischen Fliegerverband der zahlreichen Opfer. 1593 Menschen starben, Zehntausende wurden Obdachlos. Unter den zerstörten Gebäuden waren das Stadtschloss und die Garnisonkirche.

Im Rahmen eines Requiems in der voll besetzten Nikolaikirche mahnte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) am Abend, dass es zu kurz gegriffen sei, nur den 14. April im Blick zu haben, so schrecklich er auch sei. „Denn wer ,Nacht von Potsdam’ oder auch Bombennacht von Dresden sagt, der muss auch Guernica sagen. Der darf Warschau nicht vergessen und Rotterdam nicht und auch nicht Coventry.“

Potsdam blieb nicht verschont

Es sei der deutsche Rassen- und Größenwahn gewesen, der zu diesem verbrecherischen Vernichtungskrieg geführt habe, mit vielen Millionen Toten. „Und der auch Potsdam nicht verschonte“, betonte Jakobs.

An dem Gottesdienst in der Kirche nahmen unter anderem auch Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), der ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Wolfgang Huber, Brandenburgs Justizminister Helmuth Markov (Linke), die SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein (SPD) sowie der Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski (CDU) teil.

Der Krieg bestimmte den Alltag

Jakobs betonte, der Krieg habe im April 1945 den Alltag der Potsdamer bestimmt. So habe bereits die Rote Armee an der Oder gestanden, auf dem Sprung nach Berlin. Der Status von Potsdam – eine offene Stadt oder eine Festung – sei völlig unklar gewesen. Am Abend seien dann innerhalb von nur 30 Minuten 1752 Tonnen Bomben auf die Stadt gefallen.

Der „Tag von Potsdam“ und die „Nacht von Potsdam“ stünden in einem engen Zusammenhang. Auch das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai und die Konferenz von Potsdam im Juli 1945 stünden in diesem Kontext. Dort seien nicht nur wichtige Schritte der kommenden europäischen Teilung quer durch Deutschland vereinbart worden. Hier habe der damalige US-Präsident Harry S. Truman entschieden, Atombomben auf Japan abzuwerfen.

Verantwortung übernehmen für das, was war

„Wir müssen Verantwortung übernehmen für das, was war und das, was kommen wird“, betonte Jakobs. Dazu gehöre das Gedenken und Erinnern, aber auch das Aufarbeiten und Wiedererrichten, fügte er mit Blick auf die Diskussion um den Wiederaufbau der Garnisonkirche hinzu.

Im Anschluss an das Requiem unter Leitung von Björn O. Wiede berichteten im Potsdam Museum am Alten Markt Zeitzeugen von ihren Erinnerungen an die Bombardierung. Begleitet werden sollte der Abend von der Kammerakademie Potsdam. Zudem wurden ab 21.30 Uhr in der Nagelkreuzkapelle an der Breite Straße im Rahmen einer Gedenkliturgie Kerzen angezündet. Außerdem wurde das Triptychon „Der Wächter“ von Wolfram Baumgardt vorgestellt.

Alle Kirchenglocken läuteten

Pünktlich zum Beginn des Angriffs auf die Stadt um 22.16 Uhr vor genau 70 Jahren läuteten zudem wie in den vergangenen Jahren auch alle Kirchenglocken in Potsdam.

Die Ereignisse in der „Nacht von Potsdam“ sind durch mehrere historische Bücher gut dokumentiert, so auch durch den Potsdamer Autor Hans-Werner Mihan. Demnach starteten gegen 18 Uhr nördlich von London 724 Bomber der Royal Air Force. Um 22.15 Uhr gab es Luftalarm in Potsdam. Die Bomberformation der Briten war mehr als 50 Kilometer lang. Um 22.39 Uhr gab der australische Oberstleutnant Hugh Le Good im „Master Bomber“ den Befehl zum Angriff.

836 Beleuchtungsbomben – die sogenannten Christbäume – ließen die Residenzstadt taghell werden. Anschließend fielen in nur 30 Minuten 1752 Tonnen Bomben. Die meisten trafen den Bahnhof, die Gleisanlagen, die Freundschaftsinsel, das Stadtschloss und die angrenzenden Wohnhäuser des Zentrums.

Viele erstickten in ihren Kellern

Im Bahnhof detonierte ein Munitionszug. Ein leer abgestellter Lazarettzug wurde getroffen. Viele Menschen erstickten in den Kellern. 28 polnische und französische Zwangsarbeiter kamen in den Arado-Flugzeugwerken in Babelsberg um. Rund 70 Patienten des städtischen Krankenhauses in der Nähe des Bassinplatzes überlebten den Bombenangriff ebenfalls nicht. Insgesamt starben in dieser Nacht 1593 Menschen in Potsdam.

Die Briten hatten vermutlich das Ziel verfolgt, den Verkehrsknotenpunkt Potsdam auszuschalten. Von hier aus erfolgte der Nachschub an Material und Soldaten für die Oderfront. Zentrum des Angriffs war somit auch der Hauptbahnhof und nicht so sehr die Umgebung des Schlosses.

 

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