Die Potsdamerin Maren Reisner hat die gemeinnützige GmbH „A Bleistift for Everyone“ gegründet. Foto: Martin Müller
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Entwicklungshilfe aus Potsdam Notizen für eine bessere Bildung

Nach einer Weltreise hat sich die Potsdamerin Maren Reisner dazu entschieden, für Kinder in Entwicklungsländern die Chancen auf Bildung zu verbessern - mit „A Bleistift for everyone“.

Potsdam - Erst vor gut einem Monat war Maren Reisner im Rahmen ihres Entwicklungshilfeprojekts in Pakistan. Dort hat sie Dörfer besucht, in denen ausschließlich Ziegelsteine hergestellt werden. „Wenn die Rohstoffe aufgebraucht sind, ziehen die Dörfer einfach weiter,“ erzählt sie. Ende September kam die 48-Jährige von ihrer Reise zurück in die Nauener Vorstadt, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt. Ein Mädchen sei ihr besonders in Erinnerung geblieben, das kleine Gesicht habe sie noch genau vor Augen. Es hatte sie zum Essen eingeladen. Als Reisner sie fragte, wo denn ihre Mutter sei, habe sie geantwortet, dass diese schon tot sei. Deswegen kümmere sie sich nun um ihre jüngeren Geschwister, mit gerade einmal siebeneinhalb Jahren.

„In Pakistan gehen die Kinder oft gar nicht in Schulen“, erzählt die gebürtige Baden-Württembergerin, während sie in ihrem Wohnzimmer Fotos von der Reise zeigt. Stattdessen helfen sie ihren Familien dabei, den gemeinsamen Lebensunterhalt zu bestreiten. Oft seien die Schulen auch viel zu weit weg, der Weg zu gefährlich. Deswegen unterstützt Reisner nun einen Träger, der in den Ziegeleidörfern drei mobile Schulen eröffnen will. Im Februar gründete sie die gemeinnützige GmbH „A Bleistift for everyone“. Vier Monate später ging die Homepage online, in deren Shop sie Bleistifte und Schreibblöcke verkauft. Durch den Kauf eines Bleistifts für 1,19 Euro erhält ein bedürftiges Kind ebenfalls einen Bleistift. Die Rechnung ist also einfach: eins zu eins. Von den Einnahmen durch die Blöcke wiederum geht je Block, der 2,99 Euro kostet, ein US-Dollar in ein Schulprojekt. In Potsdam sind die Bleistifte auch im Laden „Maßvoll“ erhältlich.

Reisner möchte Bewusstsein schaffen, dass Hilfe möglich ist

„Jeder, der eine gute Bildung hat, kann selbst entscheiden, wo er hinwill“, sagt Reisner. Sie möchte aber nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Ihr Ziel ist es auch, hier unter denjenigen die es sich leisten können, wie sie sagt, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Hilfe möglich ist. Mit „A Bleistift for everyone“ möchte sie zu einem dementsprechend nachhaltigen Konsum aufrufen. Der Bleistift erzeuge eine sichtbare Interaktion – zwischen demjenigen, der spendet und demjenigen, der die Spende erhält. „Kinder können so viel besser verstehen, was Spenden bedeutet“, findet Reisner. Die Gründerin kooperiert etwa mit der Marienschule, geht in die fünften oder sechsten Klassen, um über den Verein, über Möglichkeiten der Unterstützung aufzuklären.

Die Idee kam Reisner am Ende einer fast einjährigen Weltreise. Zusammen mit Mann und Söhnen - Letztere damals neun, zwölf und 14 - war sie unter anderem durch Nepal, Afrika und den Iran gereist. „Anstatt dass sie mit 17 Jahren Abitur machen, wollte ich ihnen in diesem Jahr etwas von der Welt zeigen“, erklärt Reisner. Die Familie arbeitete gemeinsam in verschiedenen sozialen Projekten vor Ort. So komme man schließlich am besten mit den Menschen in Verbindung, sagt Reisner. Sie konnte fast überall beobachten, dass viele Kinder in Schulen gehen, aber sie sah auch die miserablen Zustände der Einrichtungen: schlecht ausgebildete Lehrer, viel zu wenige Lehrer, mangelhafte sanitäre Anlagen, kein fließendes Wasser, kaputte Dächer – sie habe immer wieder darüber nachgedacht, wie man den Menschen am effektivsten und nachhaltigsten helfen könnte.

In Pakistan sollen mobile Schulen finanziert werden. Foto: M. Reisner Vergrößern
In Pakistan sollen mobile Schulen finanziert werden. © M. Reisner

Entwicklungshilfe, die im Alltag sichtbar ist

Die letzte Station der Weltreise hieß Kanada. Hier traf sie auf Me to We. Das soziale Unternehmen verkauft Produkte wie etwa Armbänder, die im alltäglichen Leben präsent sind, weil sie zum Beispiel auch in Supermärkten angeboten werden. Ein Code auf den Produkten macht es dem Konsumenten möglich, genau nachzuvollziehen, welches Hilfsprojekt er durch den Kauf des Produkts unterstützt. „Ich dachte, das ist clever – so ist das Thema Entwicklungshilfe überall sichtbar“, erinnert sich Reisner. Was brauchen alle gleich dringend – diese Frage habe sie sich dann gestellt.

Die Blöcke, die Reisner von der Firma Brunnen herstellen lässt, gibt es in vier verschiedenen Farben, die Bleistifte von der Marke Reidinger in sechs. Dass Reidinger nur Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet, sei ihr wichtig gewesen, so Reisner. 1200 Blöcke hat sie bisher verkauft, und 3500 Bleistifte. Das sei ein passabler Anfang, sie erhoffe sich jedoch regelmäßige Kooperationen mit Schulen. „In Deutschland gehen rund 11 Millionen Kinder und Jugendliche in die Schule“, so Reisner, und jeder Schüler benötige im Schnitt vier Blöcke im Jahr. Wenn nun von den Schulkindern nur zwei Prozent mit ihren Schreibblöcken arbeiten würden, könnten jährlich 750 000 Euro in Schulprojekte fließen.

Projekte in Pakistan und Tansania

Über 20 Jahre hat Reisner Werbefilme produziert – die Kompetenzen, die sie aus dieser Zeit mitbringe, seien für „A Bleistift for everyone“ sehr hilfreich. Auch Fotos und Filme mache sie selbst, um von den fortschreitenden Schulprojekten zu berichten. „Letztendlich ist das ja auch Werbung, aber für einen guten Zweck“, sagt sie. Neben den Schulprojekten in Pakistan unterstützt „A Bleistift for everyone“ derzeit auch eine Grundschule in Tansania. 1800 Kinder seien dort auf sieben Klassen aufgeteilt, die Klassen seien dementsprechend unvorstellbar groß. Mittels Spenden konnte Reisner gerade erreichen, dass das Wasser dort wieder läuft. Sie hofft, dass sie die Unterstützung in Zukunft aber durch den Verkauf von Blöcken generieren kann. 50 Stunden arbeitet sie derzeit für die GmbH. Nach ihrem Plan möchte sie die Aufgaben bald verteilen. Aber erst einmal sei es ihr Job, hier Bewusstsein zu schaffen und den Betrieb anzukurbeln.

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