Waschbärin Tilli und Füchsin Hilde wurden im Frühsommer von ihren Müttern verlassen aufgefunden. Ehrenamtliche der Potsdamer Tierrettung ziehen die Tiere nun groß. „Die beiden denken, sie sind Geschwister“, sagt Kathi Wiggert, die Tilli und Hilde füttert. Foto: Ottmar Winter
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Einsatz für Tiere Tierrettung Potsdam lebt vom ehrenamtlichen Engagement

Andrea Lütkewitz

Kathi Wiggert arbeitet für die Tierrettung Potsdam. 1500 Einsätze gab es in diesem Jahr bereits, einige traurige – aber auch viele mit einem guten Ende.

Potsdam - Wenn das Handy klingelt und ein Anrufer eine scheinbar streunende Katze in den Potsdamer Bahnhofspassagen meldet, dann weiß Kathi Wiggert meistens schon Bescheid: Tipsi ist wieder unterwegs. „Sie kommt immer wieder hierher, weil sie von Mitarbeitern und Passanten gefüttert wird“, sagt die Einsatzleiterin der Potsdamer Tierrettung. Schon sechs oder sieben Mal, so genau weiß sie es nicht mehr, sei das Tier von ehrenamtlichen Helfern des gemeinnützigen Vereins wieder zurück zu ihren Besitzern gebracht worden. Auch sie selbst habe sich schon zweimal darum gekümmert. Gut meinten es die Leute zwar mit den Leckerlis für die zierliche Katze, beförderten damit aber auch, dass diese lange von zu Hause wegbleibe und in Gefahr gerate. „Uns anzurufen, ist richtig“, sagt Wiggert, denn dafür seien sie und ihre Mitstreiter da. Allerdings wäre ihr Einsatz nicht nötig, wenn das Tier nicht immer wieder angelockt würde.

Kathi Wiggert. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Kathi Wiggert. © Ottmar Winter

Tipsi sei einer von rund 1500 Fällen, um die sich ihre Mitglieder in diesem Jahr bereits in aktiven Einsätzen gekümmert hätten, berichtet Wiggert. Wird ein Wild- oder Haustier durch einen Unfall verletzt, wirkt es krank oder streunt, sind Ehrenamtler der Tierrettung Tag und Nacht telefonisch erreichbar.

Erst am Montag halfen sie wie berichtet einem Schwan, der auf der Humboldtbrücke gegen die Oberleitung einer Tram geflogen war, und brachten das am Fuß verletzte Tier in eine Berliner Tierklinik.

Mehr als 8000 Anrufe habe die Tierrettung in diesem Jahr bislang entgegengenommen, die meisten seien Beratungsgespräche gewesen. „Vieles kann auch ohne die Anwesenheit der Tierrettung geschafft werden, zum Beispiel, einem Igel beim Überwintern zu helfen“, sagt Wiggert. Doch auch das Trösten und Beruhigen gehöre dazu, zum Beispiel, wenn jemand sein Haustier verliert oder erlebt, wie sich ein Tier verletzt. Außerdem hilft der Verein, wenn jemand in prekärer Lebenssituation Unterstützung bei Tierarzt- oder Futtermittelkosten braucht.

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Wegen der zunehmenden Zahl von Einsätzen ist Wiggert seit Februar dieses Jahres als bislang einzige Mitarbeiterin im Verein beschäftigt. Dafür gab die 43-jährige dreifache Mutter ihre Arbeit in der persönlichen Assistenz von behinderten Menschen auf. Heute wird ihr Alltag bestimmt von einem ständig klingelnden Handy. Kaum hat sie den letzten Anrufer verabschiedet, meldet sich auch schon der nächste, wie zum Beispiel ein Mann, der sich um einen Reiher am Caputher Gemünde sorgt. Das Tier habe sich in einer Angelschnur verheddert. „Ich schicke sofort einen Einsatz raus“, versichert ihm Wiggert und schreibt in eine WhatsApp-Gruppe des Vereins, was passiert ist. Fünf Minuten später fährt ein Mitglied los, um nach dem Tier zu sehen.

134 aktive Mitglieder gibt es aktuell, die mit dem eigenen Auto, dem Fahrrad oder auch den Öffentlichen ausrücken. Insgesamt sind es aber noch mehr: Im Oktober wurde das 300. Mitglied begrüßt, in der Anzahl mehr Frauen als Männer. Spenden und Mitgliedsbeiträge ermöglichen die Arbeit der Tierrettung, die ihren Anfang 2013 nahm, als Menschen in einem Wohngebiet in Potsdam-West mitansahen, wie jemand seinen Hund vom Balkon warf. Als das Tier schwerverletzt dalag, fehlte vor allem eins: Erste Hilfe. Zeugen des Vorfalls schlossen sich danach zusammen, der Grundstein für die heutige Tierrettung war gelegt.

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„Hat man uns damals noch als Spinner abgetan, die tote Tiere von der Straße aufsammeln, ist das heute ganz anders“, sagt Wiggert. Nicht nur Bürger suchten Hilfe bei der Tierrettung, auch Ordnungsamt, Feuerwehr und Polizei seien inzwischen starke Verbündete. Sind Tiere in Unfälle verwickelt oder geraten in missliche Lagen wie etwa im Sommer ein Waschbär, der sich in einen Lüftungsschacht im Brandenburger Landtag verirrt hatte, wird die Tierrettung aktiv einbezogen.

Sie übernimmt im Notfall die Erstversorgung, die Feuerwehr und Polizei nicht leisten können. In der Landeshauptstadt gibt es verschiedene Tierärzte, die den Verein unterstützen, außerdem werden die Helfer im Umgang mit Notfällen geschult. In enger Abstimmung wird beim Einsatz mit dem für Fundtiere zuständigen Ordnungsamt entschieden, wie es weitergeht – ob etwa Wildtiere oder Haustiere, deren Halter nicht ermittelt werden können, temporär von der Tierrettung aufgenommen werden, bis sie wieder ausgewildert oder neu vermittelt werden.

Möglich ist das, weil der Erste Vorsitzende des Vereins, Tierarzt Gordon Ebeling, dafür sein privates Grundstück zur Verfügung stellt. Seit 2014 betreibt der 33-Jährige gemeinsam mit seiner Frau eine mobile Tierarztpraxis und engagiert sich auch seitdem in der Tierrettung. Zahlreiche Tiere, darunter Katzen, Hunde, Igel oder Schweine, sind aktuell auf Ebelings Gelände untergebracht und warten auf ein neues Zuhause. Versorgt werden sie von Vereinsmitgliedern, die auch die Gehege reinigen oder Hunde ausführen. Zudem befinden sich hier die Büro- und Vereinsräume.

Zu den Wildtieren, die dort leben, gehören auch die wenige Monate alte Waschbärin Tilli und die junge Füchsin Hilde. Beide wurden im Frühsommer von ihren Müttern verlassen aufgefunden und teilen seitdem Stofftier und Futter. „Sie denken, sie sind Geschwister“, sagt Wiggert und lächelt. Im Moment begleiten sie die Einsatzleiterin manchmal in Schulklassen, wo sie Kindern Grundlegendes über Wild- und Haustiere näherbringt, denn eine Sensibilisierung im Umgang mit diesen gehört zu den Zielen des Vereins.

Waschbärin Tilli, die junge Füchsin Hilde und der gemeinsame Freund: ein Stoff-Biber. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Waschbärin Tilli, die junge Füchsin Hilde und der gemeinsame Freund: ein Stoff-Biber. © Ottmar Winter

Nicht immer jedoch geht es für ein Tier so gut aus wie für Tilli und Hilde, manchmal muss es durch einen Tierarzt oder einen Jäger „erlöst werden“, so Wiggert. „Das macht uns dann natürlich traurig, aber auch in einem solchen Fall sagen wir uns: Wir haben geholfen und ein Leiden verkürzt.“ Doch es gibt auch schöne Einsätze. So konnte zum Beispiel jüngst einer Frau die seit zwei Jahren vermisste Katze nach Hause gebracht werden. „Da weint man durchaus auch mal mit.“

Waschbärin Tilli Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Waschbärin Tilli © Ottmar Winter

So ungewöhnlich sind derartige Geschichten, dass auch das Fernsehen auf den Verein aufmerksam geworden ist: 2020 soll es eine neue Serie im rbb geben, in der die Tierretter bei ihren alltäglichen Einsätzen begleitet werden. Dann kann der Zuschauer dabei sein, wenn Katze Tipsi mal wieder am Bahnhof aufgegriffen wird oder wie Füchsin Hilde und Waschbärin Tilli gemeinsam ihre Reise in ein neues und artgerechtes Zuhause auf einem der Tier-Gnadenhöfe der Stiftung Gut Aiderbichl antreten – in den bayrischen oder österreichischen Bergen.


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