Familienministerin Franziska Giffey dpa
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Die Corona-Lage in Potsdam am Montag Von Potsdam das Spucken lernen

Das Testkonzept der Landeshauptstadt für offene Kitas in Corona-Zeiten könnte bundesweit Schule machen, wie ein Besuch von Bundesfamilienministerin Giffey in Potsdam zeigte. Das Land beteiligt sich dabei an den Kosten. Derweil bleibt die Inzidenz in Potsdam unter dem Wert von 35

Potsdam - Die Potsdamer Schnelltest-Strategie zum Offenhalten von Kitas in Corona-Zeiten wird zu einem möglichen Modell für ganz Deutschland. Jedenfalls sieht Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in der Anwendung der Spucktests eine gute Möglichkeit zur möglichst sicheren Öffnung von Kitas und Schulen. „Das kann eine Lösung sein, um die Zeit bis zum Impfen zu überbrücken“, sagte Giffey am Montag nach einem Informationsbesuch in der Awo-Kita „Abenteuerland“ in der Friedrich-Wolf-Straße in der Waldstadt.

Zuvor war ihr demonstriert worden, wie sich Potsdams mehr als 2000 Erzieher:innen zweimal pro Woche mit von der Stadt finanzierten Spucktests auf eine Infektion untersuchen sollen. Dabei wird etwas Speichel mit einer Lösung vermischt und auf einen Teststreifen gebracht. 15 Minuten später steht ein Ergebnis fest – wird eine Infektion angezeigt, folgt Quarantäne und ein PCR-Test mit Rachenabstrich, ob sich der Verdacht bestätigt. Bisher hatten sich einzelne Positiv-Schnelltests im Nachhinein alle als falscher Alarm erwiesen. Allerdings sei das immer noch besser, als mögliche Infektionen nicht zu erkennen, sagte Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm.

Ein Corona-Schnelltest-Kit wurde beim Besuch von Ministerin Giffey präsentiert. dpa Vergrößern
Ein Corona-Schnelltest-Kit wurde beim Besuch von Ministerin Giffey präsentiert. © dpa

„Spucken kann jeder“

„Ich halte das wirklich für einen Weg“, sagte auch Ministerin Giffey. Und: „Spucken kann jeder.“ Bei den Kindern seien „Risiken und Nebenwirkungen“ der langen Schließungen zu beobachten – wie Vereinsamung, depressive Stimmung und Bewegungsmangel, sagte die Familienministerin. So könnten mehr Kinder wieder in den Regelbetrieb. „Das ist sehr spannend, auch für die Anwendung in anderen Bereichen.“ Es gehe darum, solche Schnelltests in der Breite verfügbar zu machen. Dies könne ein „Gamechanger“ in der Pandemie sein. Auch Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sagte, für ihn seien solche Tests auch in anderen Teilen der Wirtschaft denkbar – etwa für Fitnessstudios oder den Handel, wie er bei Twitter schrieb. Vor der Anwendung der Tests hatte die Stadt Potsdam ihre Kitas im Januar wegen hoher Corona-Werte geschlossen, zusammen mit Eltern- und Kitaträgervertretern wie der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hatte das Rathaus schließlich die jetzt gelobte Teststrategie entwickelt.

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Potsdam war mit der Anschaffung solcher Tests vorgeprescht, die bisher nur für medizinisches Personal zugelassen sind. Die Erzieher:innen hätten eine Einweisung zur sachgerechten Nutzung durch den Hersteller erhalten, hieß es bei dem Termin. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) erwartet Anfang März erste Sonderzulassungen für solche Laien-Schnelltests. Bislang wurden fast 30 entsprechende Anträge gestellt.

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Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) © dpa

Mehrere SPD-Politiker plädieren auch für Schnelltests

Die Erwartungen sind dabei bundesweit hoch, auch angesichts der Sorge vor den als ansteckender geltenden Virus-Mutationen. In den vergangenen Tagen twitterte zum Beispiel der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, er sehe in der Massenproduktion und dem Einsatz von qualitativ hochwertigen Corona-Selbsttests eine mögliche Maßnahme gegen eine dritte Corona-Welle – „wenn solche Antigentests zweimal die Woche in Schulen und Betrieben gemacht werden“. Die offizielle Zulassung müsse schneller erfolgen, forderte Lauterbach. So können die Tests schon Infektionen erkennen, bevor Symptome auftreten.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, erklärte: „Gerade die Selbsttests können ein wichtiges Mittel sein, um weitere Öffnungsperspektiven zu schaffen.“ Diese Tests sollten für öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kitas unentgeltlich von Bund und Ländern beschafft und schnell bereitgestellt werden, forderte Landsberg.  Und laut dem SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans könnte die massenhafte Ausweitung von Schnelltests selbst aktuelle Grenzkontrollen „wieder überflüssig machen“. Dafür müsse nun das Bundesgesundheitsministerium sorgen, so der SPD-Chef.

Das Ministerium fördert nun auch Schnelltests

In Potsdam war die Kommune in Vorleistung für tausende Tests gegangen. Giffey sagte, der Bund werde solche Modelle unterstützen – allerdings sei das vorwiegend die Aufgabe der Länder. Schubert sagte, notfalls werde die Stadt dies auch dauerhaft stemmen. Allerdings sei das auch eine Gerechtigkeitsfrage gegenüber jenen Kommunen, die weniger Finanzmittel zur Verfügung hätten. Das Bildungsministerium hat inzwischen aber eine teilweise Kostenübernahme in Aussicht gestellt: So würden bis Ende April für alle Beschäftigten in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen jeweils zwei durchgeführte Antigen-Schnelltests innerhalb von sieben Tagen gefördert – und zwar mit pauschal neun Euro. Das Ganze ist dabei freiwillig. Potsdam hatte auch Schnelltests für Schulen angekündigt, die aber noch weitgehend geschlossen sind. Erst nächsten Montag sollen zumindest Grundschulen öffnen. Bisher können sich Lehrer:innen in der Mark nur beim Arzt testen lassen – und bislang nicht zu Hause. Eine Sprecherin des Ministeriums machte aber auf PNN-Anfrage deutlich, dass auch das Thema Testen eine laufende Diskussion sei – also Änderungen möglich wären.

Expertin: Schnelltest kein Freifahrschein

Mit Blick auf die Verwendung der Tests erklärte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, Sandra Ciesek, die Anwender müssten auch die Grenzen des Verfahrens kennen. Die Tests dürften kein Freifahrtschein sein, auf andere Schutzmaßnahmen zu verzichten. „Aber jeder richtig erkannte Fall hilft Infektionsketten zu stoppen.“ In Potsdam müssen die Erzieher:innen in Kitas auch eine von der Stadt gestellte medizinische Maske tragen und weitere Hygieneregeln beachten.

Kritik aus der Linken

Übrigens: Eine Kritik kam am Montag von dem Linke-Stadtverordneten Hans-Jürgen Scharfenberg. Diese bezog sich nicht auf die Teststrategie, sondern den Pressetermin mit Giffey, bei dem zunächst neben Journalisten auch Stadt- und Ministeriumsmitarbeiter mit Masken in einem Raum versammelt waren, Abstandsregeln kaum eingehalten werden konnten. So ein PR-Termin sei ein Widerspruch angesichts des erklärten Ziels von mehr Corona-Sicherheit, bemängelte Scharfenberg gegenüber den PNN.

Neun Infektionen mit Virus-Mutationen

Unter den Corona-Infektionen der vergangenen Wochen sind in Potsdam unterdessen zwei weitere Fälle von der britischen Virusmutation B117 ausgelöst worden. Das haben Untersuchungen ergeben, teilte die Stadtverwaltung am Montagnachmittag mit. Damit gibt es nun neun B117-Befunde. Die gute Nachricht bisher: Alle ermittelten Kontaktpersonen hätten sich laut aktueller Untersuchungslage nicht mit dem als infektiöser geltenden Virus angesteckt, so die Stadtverwaltung. Und: „Bislang gibt es keine schweren Verläufe.“ Die meisten Ansteckungen seien bisher auf Reisen zurückzuführen, die Mutationen wurden nach Genomsequenzierungen gefunden.

Derweil liegt die Inzidenz in Potsdam weiter knapp unter dem Wert von 35. Eine am Montag gemeldete Neuinfektion bedeutete eine Sieben-Tage-Inzidenz von 33,3, wie das Rathaus erklärte. Der 35er-Wert ist mit Blick auf die aktuellen Beschlüsse von Bund und Ländern in den Fokus geraten. So sollen erste weitere Öffnungsschritte aus dem Lockdown bei einer stabilen Inzidenz von maximal 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner erfolgen – allerdings durch die Länder, nicht durch Kommunen selbst. Demnach könnten bei Werten unter 35 der Einzelhandel mit einer Begrenzung von einem Kunden pro 20 Quadratmeter wieder öffnen, ebenso Museen und Galerien sowie die noch geschlossenen körpernahen Dienstleistungsbetriebe.

Im Land Brandenburg liegt die Inzidenz bei 73, also mehr als doppelt so hoch wie Potsdam. Insofern stehen für Potsdam zunächst auch keine Sonderregelungen in Aussicht, wie eine Stadtsprecherin auf Anfrage deutlich machte: „Die aktuelle Eindämmungsverordnung des Landes Brandenburg enthält für Landkreise und kreisfreie Städte keine expliziten Öffnungsklauseln, sofern die Inzidenz von 35 unterschritten wird.“ Potsdam selbst hatte etwa für weite Teile der Innenstadt eine Maskenpflicht erlassen, auch diese wird zunächst fortgeführt.

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