Städte sind in den vergangenen Jahren immer heller geworden - hier die Breite Straße um Mitternacht. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Bürgerprojekt des Geoforschungszentrums Wie hell leuchtet Potsdam?

Das Geoforschungszentrum Potsdam ruft Bürger:innen auf, nachts Lichter zu zählen, um mehr über Lichtverschmutzung herauszufinden.

Potsdam - Aus dem Weltall kann man dank Satelliten relativ gut messen, wie hell Städte nachts leuchten. Was man aus dieser Entfernung jedoch nicht messen kann, ist die Anzahl der Laternen, Strahler, Werbetafeln oder Fenster, die dieses Licht verursachen. „Wir wollen diese Messungen in Werte umwandeln, die man auch als Normalbürger verstehen kann“, sagt Christopher Kyba vom Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ). „So dass man zum Beispiel sagen kann: In meiner Innenstadt gibt es etwa 2000 Lichter in der Nacht.“

GFZ-Forscher Christopher Kyba. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
GFZ-Forscher Christopher Kyba. © Andreas Klaer

Um dies herauszufinden, sollen interessierte Bürger:innen den Wissenschaftler:innen helfen und ab Herbstbeginn in zehn deutschen Städten nachts Lichter zählen, auch Potsdam ist dabei. „Nachtlicht Bühne“ heißt das Projekt, das zweite Wort steht dabei für „Bürger-Helmholtz-Netzwerk“, denn gefördert wird es durch die Helmholtz Gemeinschaft.

Städte werden immer heller - aber woran genau liegt es eigentlich?

Von den Ergebnissen erhoffen sich die Wissenschaftler:innen genauere Daten über die Lichtverschmutzung in deutschen Städten, die seit Jahren immer mehr ansteigt und dadurch nicht nur die Beobachtung von Sternen erschwert, sondern auch die Natur empfindlich stört: Viele lichtscheue Tiere finden keine schützende Dunkelheit mehr, das Pflanzenwachstum wird beeinträchtigt und an Straßenlaternen verenden Nacht für Nacht tausende Insekten, so Kyba. Vor allem möchte das GFZ herausfinden, inwiefern die von Satelliten gemessenen Helligkeitswerte mit den tatsächlich vorhandenen Lichtern übereinstimmen: „Es geht um ein besseres Verständnis davon, was diese Satellitendaten bedeuten“, sagt Kyba.

Starten soll das Ganze Anfang Herbst, wenn es schon früh dunkel, aber noch warm genug zum Rausgehen ist – und vor allem: bevor die Weihnachtsbeleuchtung in den Innenstädten hängt. Im August wird das GFZ in einer Auftaktveranstaltung über das Projekt informieren, doch wer jetzt schon interessiert ist, kann sich über die E-Mailadresse [email protected] direkt an Christopher Kyba wenden. Circa 20 bis 50 Personen werden für die Zählungen gebraucht, die im September und Oktober stattfinden sollen.

Per App die Straßen ablaufen und Lichtquellen notieren

Ablaufen soll das Ganze mithilfe einer App: Dabei wird die Stadt in sogenannte Transekten eingeteilt, also die Strecke von einer Straßenecke zur nächsten. Während man sie abläuft, können die Lichter eingetragen werden: Straßenlaternen, helle Schaufensterscheiben, Werbetafeln, Fenster. Ist man mit einer Transekte durch, kann man das Ergebnis speichern und die nächste in Angriff nehmen. Auf diese Weise entsteht nach und nach eine große Lichtkarte der Stadt.

„So etwas wurde noch nie gemacht“, sagt Kyba. „Städte haben zwar Daten über die öffentliche Beleuchtung, aber alles andere wird nicht erfasst. Das wird die erste derartige Datenbank zu Lichtemissionen in der Stadt sein.“ Kyba ist gespannt, welche Unterschiede sich zwischen den teilnehmenden Städten und Dörfern zeigen werden. Neben Potsdam nimmt auch Dresden und die „Sternenstadt“ Fulda teil, die seit Jahren aktiv daran arbeitet, seine Lichtverschmutzung zu reduzieren.

Mitmachen können normale Bürger:innen ohne Vorkenntnisse

„Wir wissen, dass Städte seit Jahren immer heller werden, aber warum?“, fragt Kyba. Das Zählen der Lichter soll darüber Auskunft geben, eine Ursache könnte zum Beispiel die Zunahme von beleuchteten Werbeflächen sein. Auch für den Stromverbrauch der Städte seien die Daten eine interessante Quelle, so Kyba.

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Bei „Nachtlicht Bühne“ handelt es sich um ein Citizen Science-Projekt, also Forschung, an der ganz normale Bürger:innen ohne wissenschaftliche Ausbildung teilnehmen können. Ein ähnliches Projekt ist die seit Jahren vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) veranstaltete „Stunde der Gartenvögel“, bei der Citizen Scientists in ganz Deutschland Vögel zählen.

Projekt läuft insgesamt drei Jahre

Um Doppelungen zu vermeiden, ist bei „Nachtlicht Bühne“ jedoch genau festgelegt, wer die Lichter welcher Transekte zählt. Je nachdem, wie groß der Zulauf ist, können mehr oder weniger Transekten verteilt werden. Falls es sehr viele Teilnehmer:innen gibt, könnten Straßen auch zweimal gezählt werden, um so noch genauere Daten zu bekommen. Das Projekt läuft insgesamt drei Jahre: 2020 wurde es vorbereitet, 2021
findet die Zählung statt, 2022 die Auswertung.

Neben dem Lichter-Zählen gibt es noch ein zweites Citizen Science-Projekt im Rahmen von „Nachtlicht Bühne“: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt zusammen mit der Technischen Universität Berlin eine App, mit der der man Sichtungen von Meteoren, also Sternschnuppen, melden kann. Da der Nachthimmel mit Kameras nicht lückenlos erfasst werden kann, ist das DLR hier auf die Mithilfe von Hobby-Sternengucker:innen angewiesen.

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