Die Wollestrasse 52 in Potsdam-Babelsberg. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Bewohner geben auf Der Kauf der Wollestraße ist gescheitert

Die Bewohner der Wollestraße 52 wollten ihr Haus vom Sanierungsträger Stadtkontor kaufen. Doch nach langen Verhandlungen haben sie jetzt überraschend das Handtuch geworfen.

Potsdam - Noch im Dezember hatte es eigentlich so ausgesehen, als könnte es klappen. Als könnten die Bewohner der Wollestraße 52 in Babelsberg ihr Haus vom Sanierungsträger Stadtkontor kaufen und als Gemeinschaftsprojekt betreiben, statt einen Verkauf an einen Investor zu riskieren, der womöglich teuer saniert und die Mieten drastisch erhöht. Von der Stadtpolitik kam noch am 4. Dezember Rückenwind – die Stadtverordneten stimmten einem von den Linken initiierten Antrag zu, mit dem die Mieterprivatisierung möglich gemacht wurde. 

Doch kurz vor dem nächsten anberaumten Notartermin warfen die Mieter nun doch das Handtuch und erklärten das Projekt für gescheitert. Unter den gegebenen Bedingungen sei es „leider nicht mehr zu verwirklichen“, schreiben sie in einer Mitteilung. „Damit endet ein fast fünfjähriger Prozess mit dem traurigen Resultat, dass es nicht gelungen ist, ein weiteres Haus in Potsdam dem Immobilienmarkt zu entziehen und gemeinschaftlichen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“ 

Der Kaufvertrag war aus Sicht der Bewohner "nicht akzeptabel" 

Vor allem der Kaufvertrag, den der Sanierungsträger Stadtkontor als bisheriger Eigentümer vorgelegt habe, sei nicht akzeptabel gewesen, schreibt der Hausverein Wollestraße 52 e.V., der eigens für den Erwerb der Immobilie gegründet wurde – er wollte die Immobilie gemeinsam mit dem Mietshäusersyndikat erwerben, das deutschlandweit Mietern beim Kauf von Häusern hilft. Der Vertrag habe unter anderem ein Rückkaufsrecht durch Stadtkontor und „ausufernde Vertragsstrafen“ vorgesehen sowie eine Bürgschaft zur Absicherung verlangt – für den Fall, dass es Probleme bei der Sanierung, dem Denkmalschutz oder der Mietpreis- und Belegungsbindung gibt, so der Hausverein. 

Vor allem die Bürgschaft über knapp 140.000 Euro für mögliche Vertragsstrafen war es letztlich, die das Projekt zum Scheitern brachte. Gegen die Übernahme dieser Bürgschaft habe es im Mietshäusersyndikat ein deutliches Veto gegeben, so Holger Zschoge, der die Mieter für das Syndikat beraten hatte. Eine solche Bürgschaft sei völlig unüblich. „Ich habe schon viele Kaufverträge verhandelt, aber so einen Entwurf habe ich noch nie gesehen.“ Es handele sich nicht um einen Vertrag zwischen zwei Partnern, sondern um eine Ansammlung von Restriktionen. 

Der Sanierungsträger weist die Vorwürfe zurück

Beim Stadtkontor sieht man das anders. Es handele sich nicht um einen besonders restriktiven Vertrag, so die zuständige Prokuristin Kerstin Zwirn. Sie räumte aber ein, dass er komplex war – unter anderem auch, weil das Konstrukt mit dem Mietshäusersyndikat für Stadtkontor neu war. 
Auch den Vorwurf des Hausvereins, dass Stadtkontor für die lange Dauer beziehungsweise sogar Verzögerungen bei den Verhandlungen verantwortlich sei, wies Zwirn zurück. „Aus meiner Sicht haben wir erst im Mai 2017 das erste ernsthafte Schreiben bekommen“, so die Prokuristin. Davor sei Stadtkontor noch nicht bereit und in der Lage gewesen, die Immobilie zu verkaufen. 

Die Bewohner hatten sich nach eigenen Angaben schon 2013 und 2016 an den Sanierungsträger gewandt, aber keine Reaktion erhalten. Durch die Verzögerung habe sich der Kaufpreis erhöht und ein enormer Sanierungsstau angesammelt. Auch sei fraglich, ob die Firmen, die die Sanierung übernehmen sollten, nun noch zu den bisherigen Konditionen tätig werden könnten. Das hätte zu weiteren Mehrkosten und Verzögerung und damit der Gefahr einer Vertragsstrafe führen können, so der Hausverein. 

Uneinigkeit über Höhe der Sanierungskosten

Ohnehin waren die Sanierungskosten offenbar auch ein Streitpunkt zwischen Stadtkontor und Käufern. „Unsere Architekten aus dem Syndikatsverbund haben bis zum Schluss immer neue Forderungen zu alten Türen, Dielen, Materialien erfüllen müssen, die natürlich die Baupreise hochgetrieben haben“, so Zschoge. Der Sanierungsträger habe die Baukostenplanung praktisch nie akzeptiert, stattdessen sei immer wieder gefordert worden, höhere Baukosten einzuplanen. „Selbst als am Ende fast zwei Drittel aller Bauleistungen schon durch Firmenangebote untersetzt waren, wurde dies nicht akzeptiert.“ 
Die Forderungen seien auch vom städtischen Denkmalschutz gekommen, erwiderte Prokuristin Zwirn. Schließlich handele es sich bei der Wollestraße 52 um ein Einzeldenkmal. Auf die höher zu veranschlagenden Sanierungskosten habe man gedrungen, um die Käufer vor zu optimistischen Annahmen zu bewahren und das Risiko einer finanziellen Schieflage zu minimieren. Schließlich sei Stadtkontor als treuhänderischer Sanierungsträger dazu verpflichtet dafür zu sorgen, dass das Gebäude denkmalgerecht saniert werde. 

Die Bewohner sind am Ende der Kräfte

Zwirn war am Montagmorgen eigener Aussage zufolge überrascht über das Scheitern des Kaufes. „Ich habe damit nicht gerechnet. Das Projekt war kompliziert, aber wir waren eigentlich schon sehr weit.“ Mitte Januar hätte eigentlich der Notartermin stattfinden sollen, bei dem der Kauf besiegelt werden sollte. 

Aus Zschoges Sicht ist das gescheiterte Projekt ein Beispiel dafür, „wie in Potsdam seit vielen Jahren mit Ideen und Konzepten gemeinschaftlichen und sozialen Wohnens umgegangen wird“. Der Hausverein teilte mit, man habe viel Zeit, Geld und ehrenamtliches Engagement investiert und sei nun ausgebrannt und am Ende der Kräfte. „Dennoch wollen wir als Gruppe versuchen, auch in Zukunft eine gemeinschaftliche Wohnform zu finden und gemeinsam zu gestalten.“

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