Interimsdirektorin Gabriele Thöne. Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Belästigungsvorwürfe am Potsdamer Rabbiner-Kolleg „Die Struktur sollte entpersonalisiert sein“

Yvonne Jennerjahn

Seit einigen Wochen erschüttern Vorwürfe von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch das Abraham-Geiger-Kolleg. Interimsdirektorin Gabriele Thöne über den Stand der Aufklärung.

Frau Thöne, Sie haben seit rund zweieinhalb Monaten den Auftrag, Vorwürfe über sexuelle Belästigung und möglichen Machtmissbrauch am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam aufzuarbeiten. Was für Erkenntnisse haben Sie seitdem gewonnen?
Die Aufklärung läuft unter anderem über die vom Zentralrat der Juden eingeschaltete Anwaltskanzlei, die sich mit den Vorwürfen von sexueller Belästigung und Machtmissbrauch befasst. Dort können sich Betroffene auch anonym melden. Da kann ich vor allem begleiten, meine Tür steht aber ebenfalls allen Betroffenen und natürlich vor allem auch den Studierenden und dem Personal offen. Daneben bin ich mit dem normalen Alltag, der Verwaltung beschäftigt. Mein Schwerpunkt ist aber zu schauen, was für Schlüsse gezogen und welche neuen Strukturen geschaffen werden sollten. Aus jedem Sachverhalt kann man etwas lernen und dann zum Beispiel gerade auch Präventionsmaßnahmen einbauen in eine neue Struktur.

Haben sie inzwischen Hinweise bekommen, die die Vorwürfe des Machtmissbrauchs untermauern?
Ich sehe das sehr, sehr differenziert. Man muss immer genau hinschauen, ob eine Entscheidung im Rahmen bestehender rechtlicher Normen, Compliance-Werke und religiöser Anforderungen getroffen wurde. Die eine Frage dabei ist, konnte man so entscheiden? Die andere Frage ist, muss man so entscheiden? Da sehe ich häufig, dass der Rahmen gehalten wurde. Es kann aber trotzdem sein, dass Entscheidungen auf eine Weise kommuniziert werden, die dann als unangemessen angesehen wird. Ich will damit nichts kleinreden. Da beginnt dann meine Aufgabe zu fragen, ob da etwas geändert werden muss.

Beim Thema Machtmissbrauch denke ich, dass in vielen Fällen eine ganz andere Frage dahintersteht, nämlich die der Machtkonzentration. Mit Machtkonzentration geht auch immer die Möglichkeit einher, dann Entscheidungen nach eigenem Gusto fällen zu können und den Rahmen, in dem man sich bewegt, äußerst anzuspannen. Das ist dann ein Hinweis für eine Neustrukturierung, dass man solche Möglichkeiten möglichst ausschließen und Macht auf mehr Schultern verteilen muss.

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In welche Richtung sollte denn eine Neustrukturierung des Abraham-Geiger-Kollegs gehen?
Die Struktur sollte wesentlich breiter aufgestellt und entpersonalisiert sein. Das heißt, dass man möglichst nicht nur einen Gesellschaftsvertreter, einen Entscheider und so weiter oben hat, sondern eine breitere Basis. Da kann man sich andere Strukturen überlegen als die derzeitige gemeinnützige GmbH, zum Beispiel eine Stiftung oder einen Verein, aber das sind, wie gesagt, nur Beispiele. Dann muss man fragen, ob es ein Allein-Geschäftsführer sein muss oder ob vielleicht mehrere sinnvoller sind, und wie die Stimmenverhältnisse intern aufgeteilt werden. Es stellt sich auch die Frage, wie Meinungen der Studierenden und Alumni gehört werden und mit einfließen können. Und natürlich auch, wie handlungsstarke Beratungs- und Aufsichtsstrukturen miteinbezogen werden können. Diese Fragen standen aus meiner Sicht sowieso an, das nennt man eigentlich evaluieren.

Für mich ist wichtig, dass wir unseren Lehrbetrieb halten, stärken und dass wir schauen, wie wir jetzt in neue Strukturen gehen. Das Abraham-Geiger-Kolleg mit seinem Geist und seiner Idee der Verankerung des liberalen Judentums ist bedeutend und einmalig für Zentraleuropa. Das gilt es zu erhalten und zu stärken! Die Organisationsform hingegen muss sich ständig weiterentwickeln und sich an aktuelle und mit Blick auf künftige Anforderungen und Standards ausrichten.

Wann wird über die neuen Strukturen entschieden?
Ich habe erst einmal sehr intensiv zugehört und bin jetzt in der nächsten Phase des Aufgreifens und Umsetzens dieser Gedanken und Hinweise in eine Struktur. Die muss ich dann rechtlich prüfen lassen. Ich möchte gerne im September so weit sein, dass wir über die Eckpunkte des neuen Konstrukts öffentlich sprechen können. Das ist mein Ziel, daran arbeite ich.

Bis wann könnte so ein neues Konzept dann umgesetzt werden?
Es gibt etliche Partner, Kooperationen und Verbindungen, die ich einbeziehen muss. Man braucht erst einmal ein Grobkonzept, das rechtlich Bestand haben kann. Ich denke, wenn wir da so zum Jahresende hinkommen, wäre das sehr, sehr gut. Das sind Projektmeilensteine. Im Moment interessiert mich prioritär der nächste Projektmeilenstein, und der heißt rechtliche Überprüfung der Eckpunkte eines möglichen Konzepts. Dann müssen wir nachjustieren, verfeinern. Dann erst kommt die Umsetzung. Und diese Realisierung kommt ebenfalls in einzelnen Schritten: Gremien müssen besetzt werden, Rechtsformen müssen ihre Anerkennung haben, ein Team zur Umsetzung muss da sein und so weiter. Das ist ein Weg, an dem man immer wieder an vielen Stellen Stopp sagen und nochmal prüfen muss, was man gemacht und ob man alles bedacht hat.

Wie wirkt sich das alles auf die Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg aus?
Das ist eine hochkomplexe und hochintensive Ausbildung unter anderem verbunden mit Gemeindearbeit und einem Aufenthalt in Israel. Wir wollen zum Ende des Jahres acht Absolventen ordinieren, die Planungen laufen noch. Zum Wintersemester sind meines Wissens sechs neue Studierende zugelassen.

Hat sich das Interesse an der Ausbildung geändert?
Nein, aus unserer Sicht nicht. Diejenigen, die jetzt kommen und sich bewerben, aus verschiedenen Ländern, verfolgen das natürlich alles auch. Vom liberalen Judentum haben wir große und starke Unterstützung. Dieser internationale Aspekt ist mir sehr wichtig. Das zeigt die Bedeutung, die wir im Kontext des Ganzen haben. Die Welt ist globalisiert und vernetzt. Es ist wichtig, dass die Philosophie des liberalen Judentums auf der ganzen Welt geteilt wird und jede Stimme, jedes Land eine Färbung mit einbringen kann. Diese Fülle, diese Diversität muss sich in den Strukturen wie in den Inhalten abbilden.

Die Vorwürfe, die dann zu ihrer Einsetzung geführt haben, wurden Anfang Mai von der Zeitung „Welt“ bekanntgemacht, inzwischen wurde auch nachgelegt. Es hieß unter anderem, Gründer und Rektor Walter Homolka kontrolliere das Kolleg „de facto nach wie vor“. Wie ist Herr Homolka derzeit mit dem Kolleg verbunden?
Also ich sehe nicht, dass er das hier kontrolliert. Ich habe die Vollmachten, hier wird jeden Tag sehr intensiv gearbeitet. Ansonsten ist Herr Homolka natürlich frei in den Dingen, die er tut, wie jeder Mensch. Er kann auch Gottesdienste besuchen, aber eben nicht als Vertreter der Institution, sondern als Privatperson. Das ist meine Firewall.

Walter Homolka, der Gründer des Abraham-Geiger-Kollegs. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Walter Homolka, der Gründer des Abraham-Geiger-Kollegs. © Andreas Klaer

Es wurde auch berichtet, die Ausbildungsverträge seien gewissermaßen Knebelverträge, die den Studierenden Vorgaben machen. Wie sehen sie das?
Wer eine Ausbildung beginnt, unterschreibt auch einen Ausbildungsvertrag. Da sind grundsätzlich bestimmte Klauseln üblich, zum Beispiel wie man nach außen auftritt. Und bei einer religiösen Ausbildung muss man auch Religionsfragen berücksichtigen. Wir müssen jetzt schauen, ob unsere Regelwerke noch mit dem Anspruch, den wir heute haben, übereinstimmen. Das Selbstverständnis einer Institution muss auch gelebt werden, dafür sind die Regelwerke aber nur Hilfsmittel, die immer wieder nachgeschärft werden müssen.

Das Interview führte Yvonne Jennerjahn (epd)

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