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Bedrohte DDR-Moderne in Potsdam Rückenwind für das Minsk

Ex-Bauausschusschef Christian Seidel stellt sich gegen die SPD-Linie und plädiert für den Erhalt des alten DDR-Baus. Auch Landeskonservator Thomas Drachenberg und Architekt Günther Vandenhertz sind gegen den Abriss des Minsk.

Potsdam - Das vom Abriss bedrohte frühere DDR-Terrassenrestaurant Minsk auf dem Brauhausberg bekommt weitere prominente Fürsprecher. Gegenüber den PNN sprachen sich der frühere Bauausschussvorsitzende und langjährige SPD-Stadtverordnete Christian Seidel, Brandenburgs Chefdenkmalpfleger Thomas Drachenberg und der bekannte Potsdamer Architekt Günther Vandenhertz für einen Erhalt des Gebäudes aus.

Damit sei eine Chance verbunden, „die vorhandenen Blockaden und Barrikadenkämpfe“ in der Stadt aufzubrechen, sagte Seidel im Hinblick auf den mit erbitterter Härte ausgetragenen Streit um das bauliche Erbe aus DDR-Zeiten, allem voran die alte Fachhochschule, die derzeit abgerissen wird. Seine Partei habe stets die Linie vertreten, dass vor 1989 errichtete Gebäude „nicht aus Prinzip“ abgerissen werden dürften, sondern nur an Orten, „wo sie den alten Stadtgrundriss bewusst ignorierten“, so Seidel. Letzteres gelte etwa für die alte FH, nicht aber für das Minsk. Seidel verwies darauf, dass das Bebauungsplanverfahren für den Brauhausberg den Erhalt des einstigen Terrassenrestaurants als Option ausdrücklich vorsehe. Allerdings seien die Grundstückslose so zugeschnitten worden, dass ein Erhalt des Minsk wirtschaftlich gar nicht tragfähig sei, wenn einem Bewerber nur dieses Areal zugesprochen würde. Seidel übte damit indirekt Kritik an der Auschreibungspolitik der Stadtwerke, die das Areal höchstbietend verkaufen wollen. Wie berichtet hatte ein bislang unbekannter Investor rund 27 Millionen Euro für alle drei Lose geboten. Die Entscheidung liegt auf Eis, weil Linke und Grüne Anträge gestellt haben, um das Vergabeverfahren neu aufzurollen und einen Erhalt des Minsk als bedeutendes Zeugnis der DDR-Architektur zwingend festzuschreiben. Eine Entscheidung über diese Anträge steht noch aus, der Bauausschuss hatte sie mit hauchdünner Mehrheit abgelehnt.

Die anstehende Entscheidung wird das "Gesicht" des Brauhausbergs über Generationen prägen

Seidel sprach sich ebenfalls für ein neues Verfahren aus. Er plädierte dafür, bei einer erneuten Ausschreibung mit dem Minsk-Grundstück auch die darunterliegende Freifläche zu verkaufen, um einem Investor die Möglichkeit zu geben, das DDR-Gebäude zu erhalten und die Grundstücke trotzdem wirtschaftlich verwerten zu können. Alle Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, prägten das Gesicht des Brauhausbergs für die nächsten Generationen, sagte Seidel. Ein Verkauf unter rein monetären Gesichtspunkten hieße, „bei der Stadtentwicklung Potsdams die weiße Fahne zu hissen“. Dazu liege das Areal „zu prominent in der Stadt“. Hier biete sich die Chance, neben dem Minsk Architektur zu etablieren, die auch dem blu-Bad etwas die Wucht nimmt. „Dieses Bad ragt da wie ein steiler Zahn in die Luft“, kritisierte Seidel.

Pikant: Der frühere Bauausschussvorsitzende stellt sich damit gegen die Linie seiner Partei in der Stadtfraktion um ihren Chef Pete Heuer, der sich vehement für einen Verkauf des Areals an den Meistbietenden einsetzt, was mit einem Abriss des Minsk verbunden wäre. Nur zwei Bieter im laufenden Verfahren sind bereit, das Gebäude zu erhalten. Damit wären für die Stadtwerke aber Einnahmeverluste von mehr als zehn Millionen Euro verbunden. Das kommunale Unternehmen will das Geld verwenden, um damit das mehr als 40 Millionen Euro teure blu zu refinanzieren. Nichtsdestotrotz würden auch bei Annahme eines geringeren Gebots die urprünglichen Kaufpreiserwartungen deutlich übertroffen – ein Argument, mit dem auch die Linke für ihre Position wirbt.

Bundesstiftung Baukultur: Minsk besonders erhaltenswert?

Für Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg ist das Minsk ein „bemerkenswerter Sonderbau der DDR-Architektur“. Zwar habe das Landesdenkmalamt eine Eintragung des Bauwerks als Denkmal 2011 ablehnen müssen. Dafür habe es jedoch gute Gründe gegeben, so Drachenberg. So sei von der spezifischen Inneneinrichtung praktisch nichts mehr vorhanden und die Bausubstanz aus Beton nur unter hohen Substanzverlusten zu erhalten. Das Minsk habe gemeinsam mit der DDR-Schwimmhalle sowie den aufwendig gestalteten Freiflächen mit ihren Blumenbeeten, Treppen und Wasserspielen ein gestalterisch herausragendes Ensemble gebildet. Mit der Vernichtung der Freiflächen im Zuge der Munitionssuche Mitte der 2000er-Jahre sei das Ensemble zerstört worden, was ebenfalls gegen einen Eintrag als Denkmal gesprochen habe, so Drachenberg. Die Hürden für einen solchen Schritt seien sehr hoch: Nur drei Prozent aller Gebäude in der Bundesrepublik genössen Denkmalstatus. Das heiße aber nicht automatisch, dass 97 Prozent der Bausubstanz abgerissen werden können. Nach Schätzungen der Bundesstiftung Baukultur könne man weitere 30 Prozent als „besonders erhaltenswert“ einstufen. In diese Kategorie falle seiner Meinung nach auch das Minsk. Das liegt aber in der alleinigen Verantwortung der Kommune. „Unter städtebaulichen Gesichtspunkten würde ich eine genaue Prüfung der Möglichkeiten für einen Erhalt des Gebäudes in jedem Fall befürworten“, sagte Drachenberg.

Für einen Erhalt des Minsk spricht sich auch der Potsdamer Architekt Günther Vandenhertz aus. Der heute 91-Jährige hatte Ende der 1960-er Jahre selbst einen Entwurf für das Restaurant vorgelegt, damit aber gegen seinen Kollegen Karl-Heinz Birkholz verloren. Dessen Vorschlag sei viel besser gewesen, erkennt Vandenhertz neidlos an. „Mir war klar, dass sein Entwurf günstiger ist für den Hang. Sein Konzept war wunderschön.“ Deshalb sei er „voll dafür“, das Gebäude zu erhalten. Ein Berg mitten in der Stadt sei etwas Besonderes, deswegen müsse dieser auch besonders bebaut werden. Das sei mit dem Birkholz-Entwurf mit der vorgelagerten Terrasse bestens gelungen.

Erst Anfang April hatten sich rund 35 renommierte Bauexperten und Denkmalpfleger aus ganz Deutschland mit einem offenen Brief an die Stadt, die Stadtpolitik und die Stadtwerke gewandt und ebenfalls die Rettung des Minsk gefordert.

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