Feine Adresse. Der Palazzo Chiericati liegt direkt neben dem Barberini.

Potsdam Beckmann to go

Neue Galerie am Alten Markt: Im Kunstsalon am Barberini findet man Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts und eine Kollwitzsammlung

Ausgerechnet an einem Dienstag kam Hasso Plattner vorbei. Da ist der Kunstsalon am Barberini allerdings geschlossen und Plattner blieb nur der Blick durch die Glastür. Der Barberini-Stifter erspähte bei seinem kunstaffinen Nachbarn dennoch sofort die Perlen und interessierte sich für das 400 Jahre alte Weihwasserbecken aus Venedig, so groß wie ein hiesiger Taufstein. In Italien wird mit Weihwasser nicht gespart. Das Stück aus rosafarbenem Marmor, Löwenköpfe und Wappen inklusive, steht dekorativ im Eingangsbereich des Hauses Humboldtstraße 4, der „Palazzo Chiericati“, Erdgeschoss rechts, wo seit Herbst der Kunstsalon, Galerie und Verkauf, zu finden ist.

Am heutigen Dienstag findet der offizielle Eröffnungsempfang statt. „Dann kommt ein Blumenarrangement in das Becken hinein“, sagt Olaf Brauer praktisch. Die Antiquitäten im Salon sind kostbar, aber keine Mimosen. Auch den Renaissance-Tisch mit einem Auszugs-Mechanismus, der noch immer tadellos funktioniert, führt er auf Wunsch vor. Wer an der Tafel in den vier Jahrhunderten gesessen hat? Das ließ sich leider nicht feststellen, sagt Brauer. Der Archäologe und Kunsthistoriker aus Potsdam ist einer der Salonbetreiber. Seine Frau Andrea Brauer ist Geschäftsführerin. Zum Unternehmer-Quartett gehören noch die beiden Berliner Gudrun und Martin Fritsch. Man kannte sich aus dem Kunstumfeld, erzählt Fritsch. Und entschied sich, das gemeinsame neue Projekt in Potsdam durchzuführen. Erstens weil der Alte Markt zu den schönsten Plätzen Europas gehört, sagt Fritsch. Und zweitens, weil Berlin mit Galerien und Kunsthandlungen gut versorgt ist. „In Potsdam haben die Menschen jetzt richtig Appetit auf Kunst“, sagt Fritsch. „Den wollen wir bedienen.“

Fritsch hat Jahrzehnte im Berliner Kunstbetrieb verbracht. Zunächst im Auktionshaus Grisebach, später leitete und prägte er 30 Jahre lang das Käthe-Kollwitz-Museum. Dass das kleine private Museum Ende des Jahres in neue Räume ziehen oder sogar eingelagert werden muss, falls man keine passenden Räumlichkeiten findet, bereitet ihm durchaus noch Unbehagen. „Kollwitz war vielleicht die erfolgreichste deutsche Künstlerin des 20. Jahrhunderts“, sagt Fritsch. Auch deshalb ist Kollwitz im Kunstsalon reichlich vertreten. Die Werke stammen aus Fritschs privater Sammlung. Zeichnungen, Lithografien, Fotolithografien, Skulpturen. Ein Querschnitt durch das Œuvre einer Frau, die mit wenigen Strichen eine ungeheure Wucht an Gefühl darstellen konnte. Ein Schatz. Nicht von jedem Bild würde er sich trennen können, sagt Fritsch. Obwohl sie natürlich eine Kunsthandlung sind.

In der es vor allem Werke des 19. und 20. Jahrhunderts geben wird. Gegenständliches, Personenbilder, schöne Landschaften – das seien Themen, die die Menschen heute noch und wieder ansprechen, so Fritsch. Und wovon es noch genügend Kunst auf dem Markt gibt.

Ein Fokus liegt auf den Malern der Künstlergruppe der Berliner Secession um Walter Leistikow, Max Liebermann, Lovis Corinth. Auch Käthe Kollwitz – hier schließt sich ein Kreis – gehörte 1898 zu den Gründungsmitgliedern. Auch Max Beckmann (1894–1950) war in seiner frühen Zeit Mitglied der Gruppe, 1914 begründete er seine eigene, Freie Secession. Aus diesem Jahr stammt ein Bild, das jetzt im Kunstsalon gezeigt wird – nicht ganz zufällig, eröffnet das benachbarte Museum Barberini doch am kommenden Samstag seine Beckmann-Ausstellung. Das Bild „Stürzende Gladiolen“, jetzt im Salon ausgestellt, gibt es allerdings zu kaufen, sozusagen Beckmann zum Mitnehmen. Eine halbe Million soll es kosten, sagt Fritsch. Das Besondere ist, dass es kein typischer Beckmann ist. „Hier malt er noch schön“, sagt Fritsch, „bevor er kantig, eckig und oft brutal, anstrengend, wurde.“ Das fast impressionistisch anmutende Blumenstillleben malte Beckmann kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Neben Beckmann gibt es zur Eröffnungsschau Werke von Emil Nolde, Karl-Schmitt Rottluff, Max Klinger und einzelne Werke unbekannter Maler: unsignierte Wannseeufer oder Havelland- Szenen, die genauso schön aussehen wie ein Liebermann oder ein Leistikow, aber nur einen Bruchteil kosten. Noch mehr Lokalkolorit findet sich in einem Aquarell von August Wilhelm Prinz von Preußen mit dem Namen „Im Park Sanssouci mit Reiterstandbild“.

Im Eingangsbereich hängen das 19. und 20. Jahrhundert friedlich nebeneinander: italienische Landschaften und Ostseeküste des Berliners Max Kaus (1891–1977, der erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde; nackte „Badende Kinder“ von dem Niederländer Gerhard Henrik Grauss (1882–1929) und von Carl Joseph Begas, Hofmaler von Friedrich Wilhelm IV., ein Christusbild in romantischer, klarer Ansprache: „Jesus prophezeit den Jüngern den Untergang von Jerusalem.“

Zudem werden hier Bilder von Hans Pels-Leusden angeboten, der als Galerist in Berlin unter anderem das Auktionshaus Villa Grisebach und das Kollwitzmuseum gründete – in der Fasanenstraße, wo sich 1898 auch der erste Sitz der Berliner Secession befand. Alles, so scheint es, ist hier miteinander verbunden, nun auch bis nach Potsdam.

Ihre Kunden sind bei Weitem nicht nur Potsdamer, sondern vor allem Touristen, sagt Brauer. Viele schwappen nach dem Besuch des Barberini zu ihnen rüber für ein kleines, kontemplatives Kunst-Erlebnis auf 100 Quadratmetern – und vielleicht auch ein Souvenir. Wenn das erworbene Bild größer ist als der Koffer, kümmert man sich in der Galerie um den fachgerechten Versand, wenn es sein muss bis ans Ende der Welt. Auf Anfrage gehen die Galeristen auch auf Suche nach besonderen Kundenwünschen. Ihre Bilder finden sie auf Messen, bei Auktionen, auch mal auf einem Flohmarkt. „Es gibt noch Bilder“, sagt Fritsch, „der Markt für das 19. und 20. Jahrhundert ist noch lange nicht abgegrast.“ Und es sei Kunst, die man sich noch leisten kann. „Das Zeitgenössische ist schon zu sehr en vogue und somit eben teuer.“

Dass sich hier am Alten Markt gleich mehrere Galerien rund um das Barberini angesiedelt haben, finden die Saloninhaber gut. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagt Olaf Brauer lächelnd. Jetzt warten sie darauf, dass der schöne große Platz ein wenig wohnlicher und belebter wird.

Der „Kunstsalon am Barberini“ – der Name ist nicht geschützt, das haben sie prüfen lassen, erzählt Fritsch – soll auch belebt werden, Besucher sind jederzeit willkommen. Geplant sind zudem Veranstaltungen, Lesungen, kleine Konzerte, thematische Führungen, was eben so möglich ist auf dem kleinen Raum. Nicht nur über Käthe Kollwitz hätten die Experten viel zu erzählen.

Humboldtstraße 4, geöffnet Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr, Sonntag und Dienstag geschlossen. www.kunstsalon-am-barberini.de

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