Gordon Damitz ist in der Braumanufaktur Forsthaus Templin tätig. Foto: Ottmar Winter
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Auslandspraktika im Handwerk Bierbrauen mit Algen

Gordon Damitz von der Braumanufaktur Potsdam hat nach seiner Lehrzeit drei Wochen in Dänemark gearbeitet. Nur wenige Handwerksbetriebe bieten Auslandspraktika an.

Potsdam - Was für Biere braut man in Dänemark? Welche Rolle spielt das Reinheitsgebot? Und wie verlegt man eine Bierleitung durch eine Kneipe? Gordon Damitz hat in seinem dreiwöchigen Auslandspraktikum in Dänemark einige neue Erkenntnisse über seinen Beruf gesammelt: „Es war eine tolle Erfahrung“, sagt der 32-jährige Berliner, der in der Braumanufaktur Potsdam arbeitet. 

Im vergangenen Jahr hatte er seine dreijährige Ausbildung in der Biobrauerei beendet und zum Abschluss ein Auslandspraktikum gemacht, das durch das EU-Programm „Erasmus+“ ermöglicht wurde.

Seit mehr als zehn Jahren ist es eine gute Tradition der Braumanufaktur, ihre Lehrlinge zum Ende der Ausbildung in die befreundete Brauerei Fuglsang zu schicken, die sich in der dänischen Hafenstadt Haderslev nördlich der deutschen Grenze befindet. 

Der Kontakt kam durch Jörg Kirchhoff zustande, einem der Geschäftsführer der Braumanufaktur: Dieser hatte einst zusammen mit Claas Fuglsang studiert, dem früheren Chef der Fuglsang-Brauerei. „Es ist wichtig, mal über den Tellerrand zu schauen und andere Blickwinkel kennenzulernen“, sagt Kirchhoff. „Das Auslandspraktikum rundet die Lehre ab und die Lehrlinge sind danach weltoffener und sicherer.“ 

Fuglsang hat sogar eine eigene Mälzerei

Kirchhoff spricht aus Erfahrung: Er selbst hat während seiner Ausbildung zu DDR-Zeiten ein zweiwöchiges Praktikum in der Slowakei gemacht.

Die Brauerei in Haderslev ist um einiges größer als in Potsdam: 1865 gegründet, galt sie bis 2021 als Dänemarks älteste Brauerei in Familienbesitz; letztes Jahr wurde sie an Royal Unibrew verkauft, Dänemarks zweitgrößten Brauereikonzern nach Carlsberg. 

Gordon Damitz bei der Arbeit. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Gordon Damitz bei der Arbeit. © Ottmar Winter

„Es war ein viel größeres Gelände, die verschiedenen Bereiche haben oft per Telefon miteinander kommuniziert“, sagt Damitz. Fuglsang hat sogar eine eigene Mälzerei: „Das ist eine Arbeit, die ich sonst nicht mache, da wir in Potsdam ja keine Mälzerei haben.“ Beim Mälzen wird Rohgetreide gekeimt und anschließend „gedarrt“, also getrocknet, damit es die Enzyme bildet, die für das Bierbrauen nötig sind.

Viele jüngere sprachen englisch

Auch die Sprache war eine Herausforderung: „Ich hatte mir vorher ein deutsch-dänisches Wörterbuch geholt“, sagt Damitz. Viele der jüngeren Kolleg:innen hätten allerdings sehr gut englisch gesprochen und einige Ältere konnten auch Deutsch; in Haderslev lebt bis heute eine deutsche Minderheit. 

Da das deutsche Reinheitsgebot in Dänemark nicht gilt, unterscheidet sich das Bierbrauen in einigen Details: „In Fuglsang hat man zum Teil auch Maisstärke oder Zucker hinzugefügt, um auf die Stammwürze zu kommen“, sagt Damitz. 

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Um das Bier zu klären, also um Trübstoffe zu entfernen, verwendete die Brauerei getrocknete Algen, welche die Schwebeteilchen herausfiltern und die anschließend aus dem Bier entfernt wurden. „Die Dänen sind recht aufgeschlossen, was Herstellungsverfahren und Rezepte angeht“, berichtet Damitz. Der Qualität oder dem Geschmack tue das keinen Abbruch: „Ich fand das Fuglsang-Bier sehr lecker“, sagt Damitz. „Im Allgemeinen sind die dänischen Biere etwas herber und bitterer als in Deutschland.“

Andere Technik, andere Vorgaben

Während seines Praktikums musste Damitz auch mit anderer Technik arbeiten als in Potsdam; in der Fassfüllanlage wurden Fässer zum Beispiel nicht per Hand bewegt, sondern über einen Kran mit Luftdruck angesaugt. Dies hat arbeitsrechtliche Gründe: In Dänemark dürfen nur 15 Kilogramm per Hand gehoben werden, in Deutschland sind es maximal 50 Kilogramm. 

Einmal war Damitz auch auf Montage mit zwei Technikern, die in einer Kneipe eine Bierleitung vom Keller bis zur Zapfanlage verlegten: „Das war ein Schlauch mit 20 Zentimetern Durchmesser, dafür mussten erstmal mehrere Löcher durch die Wände gebohrt werden.“

Neben seinen Praktikumseinsätzen konnte Damitz auch Dänemark besser kennenlernen: „An den Wochenenden habe ich Ausflüge gemacht, zum Beispiel nach Kopenhagen.“ Das gesamte Praktikum habe ihn darin bestätigt, in Zukunft vielleicht in Norddeutschland oder Dänemark arbeiten zu wollen: „Die Menschen dort sind einfach sehr sympathisch, auch die Landschaft und das Meer haben mir gut gefallen.“

Die Kosten für das Auslandspraktikum übernehmen die EU, der Bund und der Ausbildungsbetrieb, nach dem Abschluss bekommen die Auszubildenden ein Zertifikat für ihr Praktikum, den „Europass Mobilität“. 

"Schade, dass nur so wenige Betriebe das anbieten"

2021 und 2022 haben insgesamt 44 Auszubildende aus Westbrandenburg, davon sieben aus Potsdam, ein solches Auslandspraktikum in Handwerksbetrieben in Spanien, Italien, Finnland, Malta oder Irland absolviert – viel zu wenige, findet Jörg Kirchhoff: „Ich unterstütze Auslandspraktika total und würde sie sogar zur Pflicht machen wollen. Ich finde es schade, dass nur so wenige Betriebe das anbieten.“

Ähnlich sieht es Dörte Thie, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Potsdam, die ebenfalls nach ihrer Lehrzeit ein Auslandspraktikum gemacht hat: „Das ist für das Handwerk eine hervorragende Möglichkeit, sich als attraktiver, innovativer Ausbildungsbetrieb zu präsentieren und junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen.“

In der Braumanufaktur soll die Tradition jedenfalls weitergeführt werden: Im kommenden Jahr werden erneut zwei Lehrlinge ihre Ausbildung abschließen und dann nach Dänemark fahren. Auch die Braumanufaktur selbst steht für Praktikant:innen aus dem Ausland offen: In der Vergangenheit waren bereits Lehrlinge aus Finnland in Potsdam zu Gast und durften erfahren, wie Potsdamer Stange und Co. gebraut werden.

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