Auf den Fotografien von Dietmar Saretz findet sich zum Beispiel ein Blick auf die Pfeiler des Kirchenschiffs. Vergrößern
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Aufnahmen von der Garnisonkirche Potsdam Den Farbfilm nicht vergessen

Rita Orschiedt

Der ehemalige Pfarrer der Friedenskirche Dietmar Saretz machte am 3. Mai 1968 letzte Bilder von der Garnisonkirche – wenige Wochen vor der Sprengung. Nun sind sie öffentlich.

Potsdam - Dietmar Saretz ist 90 Jahre alt. In einer Ledertasche trägt er gemächlich eine Box mit Farbdias in die Nagelkreuzkapelle, seine Frau und sein Sohn begleiten ihn. Vor fast genau 47 Jahren, Anfang Mai 1968, machte er Bilder, die heute wichtige historische Dokumente sind: Wenige Wochen vor der Sprengung der Garnisonkirche besorgte er sich vom damaligen Küster den Schlüssel, stieg auf maroden Leitern den Turm hinauf und fertigte die wohl letzten Farbfotos an.

Am gestrigen Montag übergab er rund 60 Bilder an die Stiftung Garnisonkirche. Neben Aufnahmen vom Inneren der Ruine fertigte er auch Stadtansichten vom Turm aus an und dokumentierte die beiden Sprengphasen.

Saretz dokumentierte die Tage vor und nach der Sprengung

Dietmar Saretz stammt aus Cottbus, war zuvor in Waldsieversdorf bei Berlin als evangelischer Pfarrer tätig und lebte von 1961 bis 1990 in Potsdam. Hier war er 17 Jahre lang Gemeindepfarrer der Friedenskirche und stand auch der Garnisonkirche nahe. Von Potsdams evangelischem Superintendenten Rolf Stubbe hörte Saretz damals die Nachricht über die bevorstehende Enteignung der Garnisonkirche durch den Staat. Er, passionierter Hobbyfotograf, zog daraufhin mit der Kamera los. „Mit einer Praktika von Zeiss“, fügt Dietmar Saretz hinzu, „der besten, die es damals gab.“ Damit dokumentierte er eindrücklich die Tage vor und nach der Sprengung.

Als die erste Sprengung misslang, kam es zu einer weiteren, die den kompletten Einsturz der Kirche zur Folge hatte. Sinnbildlich geschah dies zur Gottesdienstzeit an einem Sonntagvormittag – währenddessen predigte Saretz gerade in der Friedenskirche.

Seit Jahren Farbdias zu Hause gelagert

Die Idee zur Veröffentlichung der Bilder hatte Sohn Stephan Saretz. Er wusste, dass der Vater die Bilder damals gemacht und sie seit Jahren zu Hause als Farbdias gelagert hat. Bereits vor einem Jahr zeigte er sie am Rande einer Veranstaltung in der Nagelkreuzkapelle – damals fanden sie wenig Beachtung. Erst ein Treffen mit Peter Leinemann, Verwaltungsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, Anfang März trug Früchte. „Leinemann erkannte“, so Stephan Saretz, „als Erster die Tragweite der Dokumente und deren Nutzen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau.“ Er selbst sei Befürworter des Wiederaufbaus und habe sich in den vergangenen Jahren vermehrt mit den Hintergründen beschäftigt. Auch für die Architekten könnten die Zeitzeugen-Dokumente seiner Meinung nach wertvoll für die Planung eines Versöhnungszentrums sein.

An den Tag der Entstehung der Bilder erinnert sich der damals Siebenjährige noch genau. Die Mutter sei damals aus lauter Sorge nicht zur Chorprobe gegangen, während der Ehemann die maroden Leitern im Garnisonkirchenturm bestieg, um seine Aufnahmen zu machen.

Stolz auf die eigenen Aufnahmen

Auf diese ist Dietmar Saretz sichtlich stolz. Während sie gezeigt werden, sagt er leise zu seiner Frau: „Das sind alles meine Aufnahmen.“ Sonst sagt er wenig. Auch auf die Frage der Verantwortlichen, ob er für den Aufbau der Garnisonkirche sei, geht er nicht ein. Vielmehr betont er, dass er damals eher mit der Friedenskirche beschäftigt gewesen sei. „Natürlich ist er dafür“, sagt sein Sohn später. Für Saretz selbst scheint der Wiederaufbau aber nicht im Zentrum zu stehen – ihm geht es heute um seine langgehegte Diabox.

Der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe, der die Bilder als Mitglied des Stiftungskuratoriums entgegennahm, kennt Saretz bereits „seit 30, 40 Jahren“. Er arbeitete damals im Konsistorium in Berlin und hatte mit Saretz beruflich zu tun. „Der Wiederaufbau wäre eine Sehenswürdigkeit,“ schwärmt Stolpe beim Anblick der Bilder und betont gleichweg verärgert, die Argumentation der Gegner des Wiederaufbaus erinnere an die „SED von ’68“, der Fall Garnisonkirche sei Kulturbarbarei. Auch Mitteschön-Aktivistin Barbara Kuster, Jahrgang 1949, betont – wie alle Anwesenden– Argumente zum Wiederaufbau: „Die Mauern des Kirchenschiffs waren so massiv, das hätte man wieder aufbauen können.“

Nicht bewiesen, ob Saretz der letzte Fotograf der Garnisonkirche war

Neben den Bildern verwiesen die Verantwortlichen der Stiftung auf einen nun im Brandenburgischen Landesarchiv aufgetauchten, nicht veröffentlichten Originalbrief der Reglerwerke Teltow. Ein Kollektiv protestiere darin gegen den Abriss der Garnisonkirche und betitelte ihn als „Versündigung“. „Die Garnisonkirche abzureißen würde bedeuten, man muss dann auch Sanssouci abreißen“, hieß es laut Stiftung in dem vom Kollektiv "Kurt Tucholsky" unterzeichneten Schreiben an die damalige SED-Oberbürgermeisterin Hanke. Stiftung und Verein wollen das Schreiben nun nutzen, um für den Aufbau zu werben.

Ob Saretz tatsächlich der letzte Fotograf am Ort war, ist nicht bewiesen. Auch Lutz Hannemann fertigte – wohl am 1. Mai – Bilder an, die Sprengung war aber erst am 23. Juni. Interessanter als der genaue Zeitpunkt sind aber am Ende die Dokumente an sich. Und: Nach Angaben von Stephan Saretz verbergen sich im Zehlendorfer Keller seiner Eltern womöglich noch viel mehr wertvolle Dias.


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