Großer Schritt in die richtige Richtung. Ein Gefühl für Körper und Bewegung bekommen, Halt und Balance finden, Kräftigung von Körper, Geist und Seele – das sind Ziele und Inhalte des Big-Step-Programms. Foto: Manfred Thomas
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Potsdam Ankommen, um zu starten

Marathon, Ironman, Mount Everest. Oft sind es Extreme, die sich zum Ziel gesetzt werden, um Veränderungen im Leben herbeizuführen. Doch die große Aufgabe ist es, klein anzufangen

Es war ein ganz persönliches Drama, was sich am vergangenen Samstag beim Ironman in Frankfurt (Main) abspielte. Daniel Wittlake, ein 28 Jahre alter Mann aus Niedersachsen, wollte es packen: 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und 42 Kilometer laufen. Ein Ironman! Als ob das nicht ohnehin eine riesige Herausforderung ist, die jahrelanges Training, eine absolute Fitness und Top-Gesundheit erfordert, hat Wittlake außerdem ein schwerwiegendes Problem: Er wiegt fast 170 Kilo. Zu groß war die Last und zu gering nach viel zu kurzer Vorbereitungszeit die körperliche Leistungsfähigkeit, um einen der härtesten Sportwettkämpfe überhaupt durchzustehen: Wittlake schaffte – Respekt! – die Schwimmdistanz und gab nach 65 Rad-Kilometern völlig erschöpft und mit schmerzenden Knien auf.

Was auch immer den 28-Jährigen glauben ließ, unter diesen Voraussetzungen eine derart extreme sportliche Leistung zu schaffen und wer auch immer ihn dabei beraten hat – es ist eine fatale und fahrlässige Fehlein- und Selbstüberschätzung gewesen.

Doch Wittlake ist kein Einzelfall. Nicht wenige Menschen, die sich über Jahre ungesund ernährt und wenig Sport getrieben haben, neigen dazu, diese Gewohnheiten radikal ändern zu wollen: mit Diäten, übertriebenem Training, zu hoch gesteckten Zielen. Scheitern ist dann programmiert, ebenso der gefrustete Rückfall in alte Gewohnheiten. Klein anzufangen scheint keine Option mehr in einer Welt, in der alles extremer wird: Handys immer dünner, Häuser immer höher, Farben immer bunter. „Just in time“ ist schon zu spät. Und Wandern ist längst kein Spaziergang mehr, es muss schon extrem sein: Der Jakobsweg ist Mindestmaß, eine Alpenüberquerung Standard, der Mount Everest nur eine Frage des Budgets.

Big Step, eine Bewegungsinitiative von Michael Klotzbier und gotorun – unterstützt von „Brandenburg läuft“ –, will genau das Gegenteil von „Höher! Schneller! Weiter!“ Klotzbier wog im Sommer 2014 selbst noch 160 Kilo; inzwischen sind es 100. Auch der 37-jährige Berliner dachte zunächst gleich in Extremen, wollte Marathon laufen. Gedauert hat es zwei Jahre, ehe er so weit war – noch immer zu früh, um tatsächlich mit allen Freuden und Sinnen und ohne Risiko 42 Kilometer zu laufen. Inzwischen betont er umso mehr, dass „es viele kleinen Schritte zum großen Ganzen braucht“.

Aus seinen Erfahrungen sowie den Erkenntnissen und dem Wissen seiner gotorun-Trainer ist das Big-Step-Programm entstanden. Viele kleine Schritte sollen wegführen von dem, was einen krank macht, stresst und unfit fühlen lässt. Das Wegführen beginnt mit einem Ankommen bei sich selbst. Sich bewusst machen und erkennen, was ungesunde Gewohnheiten sowie deren Ursachen und Gründe sind, ist der erste Schritt. Diese Selbstreflexion ist nicht immer einfach, mitunter braucht sie Zeit und auch den Austausch mit anderen. Diese Gemeinschaft will Big Step schaffen. Bei sich ankommen heißt auch, sich und den eigenen Körper wieder spüren: durch einfache Übungen zur Körperwahrnehmung, durch Entspannungstechniken, durch Bewegung. Ankommen heißt Bestandsaufnahme und Protokollieren: Was esse ich, wie esse ich, warum esse ich? Das sind die Basis und der Anfang, um herauszufinden, was einen wirklich nährt und welche Ernährungsform die passende ist. Ankommen heißt auch, das aktuell Machbare und Mögliche, die Rahmenbedingungen und Umstände zu akzeptieren. Aus diesem ehrlichen Umgang mit sich selbst lassen sich Ziele formulieren, die realistisch sind.

Ziele sind dabei das eine, Wünsche oder Träume das andere. Für Daniel Wittlake mag es ein Traum sein, einmal einen Ironman zu schaffen. Sein aktuelles Ziel aber ergab sich aus seinen Umständen. Vor einem Jahr wog er etwas mehr als 200 Kilo, wegen Entzündungen in Sprunggelenken und Knien wurde er mit Cortison behandelt, mehrere Monate verbrachte er im Krankenhaus. Gewichtsreduktion, langfristige und dauerhafte Ernährungsumstellung, Herausfinden der passenden Ernährungsform, Entwickeln von Körper- und Bewegungsgefühl sowie einer physischen und mentalen Belastungsverträglichkeit, Reduktion und Abbau der Entzündungsquellen in den Gelenken, Entwicklung und Stärkung von Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und zunehmend durch körperliches Wohlbefinden auch Geist und Seele stark machen – das waren und sind gebotene Aufgaben, aus denen sich Ziele ergeben. Sich ganzheitlich zu sehen und wahrzunehmen, daraus Veränderungen abzuleiten und Stärken zu entwickeln sowie herauszufinden, was gut tut, Genugtuung und Erfüllung bringt, ist anstrengend und braucht Zeit. Es ist ein Big Step.

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