Polizei und Geheimdienste lösten die Demonstration gewaltsam auf.  Foto: Bernd Blumrich
© Bernd Blumrich

7. Oktober 1989 Erinnerungen 30 Jahre nach der ersten großen Wendedemo

Am 7. Oktober 1989 gingen in Potsdam erstmals in der Wendezeit Hunderte auf die Straße – Olaf Grabner war Mitorganisator des Zuges. Die Polizei nahm nach der Demonstration mehr als 100 Bürger in der Innenstadt fest, auch den Fotografen Bernd Blumrich.

Am Morgen war sie dann doch da, die Angst. Es war der 7. Oktober 1989. In dem besetzen Haus in der Berliner Vorstadt, in dem Olaf Grabner mit seiner Schwester Jeanne und Freunden wohnte, hatten einige Mitstreiter übernachtet. „Alle waren furchtbar bleich und hatten Angst, überhaupt loszulaufen“, erinnert sich Grabner. Der heute 52-Jährige gehörte damals zur „Gruppe der Acht“, die die erste Potsdamer Demonstration des Wendeherbstes 1989 organisierte. 

14 Uhr war als Treffpunkt ausgemacht, an der Spieluhr am Brandenburger Tor wollte man zusammenkommen. Erkennungszeichen: Eine Blume. „Nelken waren’s nicht“, sagt Grabner, der heute bei Regensburg lebt, am Telefon und lacht. Nelken wurden bei den offiziellen Anlässen wie dem 1. Mai oder zum Geburtstag der DDR am selben Tag getragen. Die Demonstranten um Grabner wollten die DDR nicht feiern, sondern verändern.

Urlaub in Ungarn

Im Sommer war Olaf Grabner, 22 Jahre alt, noch in Ungarn im Urlaub gewesen – genau zu der Zeit, als die Grenze geöffnet wurde, erzählt er: „Das war eine ziemlich schwere Entscheidung, in welche Richtung ich nun nach Hause fahre.“ Ihm sei klar geworden: „Wenn sich nicht grundlegend was ändert in dem Land, gehe ich auch nach Westdeutschland.“ An eine deutsche Einheit sei damals gar nicht zu denken gewesen, sagt Grabner. Es sei vielmehr darum gegangen, „dass dieses Regime und diese bleierne und tödliche Zeit verschwindet“. Einen letzten Versuch wollte er der Sache geben, ein letztes Mal zurückgehen in die DDR, beschloss er: „Das war ja meine Heimat.“

Grabner arbeitete damals als Saisonkraft in der Gärtnerei Staudenkulturen in Bornim. Studieren durfte er nicht. Er war ein Typ, der aneckte, viele Bekannte in der Stadt hatte. Einer der oppositionellen Gruppen habe er aber nicht angehört, sagt er: „Das war nie meine Sache, mich in solche Gruppen einzusortieren.“

Auf dem Treppenabsatz vor „ihrem“ Haus tüftelten Olaf Grabner und sein Freund Udo Kreschel irgendwann im September die Idee für die Demo aus. In Berlin, hatten sie gehört, sollte es am 7. Oktober eine Demo geben: „Aber wozu nach Berlin fahren, wir können doch sowas auch hier in Potsdam machen?“ Von da an wuchs das Vorhaben in Gesprächen im Bekanntenkreis weiter.

Mit ihrer Idee stießen die Jugendlichen – Jeanne und Olaf Grabner, Udo Kreschel und Andreas Ortlieb – aber selbst im oppositionellen Lager auch auf Ablehnung. Vertreter des gerade erst ins Leben gerufenen Neuen Forums drangen auf Zurückhaltung. „Weil die das für viel zu früh hielten“, sagt Olaf Grabner: „Aber ich war jung und da wollten wir das etwas schneller regeln.“ Auch seine Schwester erzählt von den Bedenken im Neuen Forum, dem Wunsch nach Verhandlungen: „Aber wir wollten nicht verhandeln, wir wollten gewaltfrei auf die Straße gehen.“ Sogar in einigen jungen Gemeinden sei vor einer Teilnahme an der Demo gewarnt worden, erzählt Olaf Grabner.

Aufgeregte Stimmung

Mit den beiden Pfarrern Hans Schalinski und dem mittlerweile verstorbenen Martin Kwaschik fand die Gruppe wichtige Unterstützer. Er habe die Jugendlichen „doch nicht allein lassen“ können, sagte der nunmehr pensionierte Pfarrer Schalinski den PNN im Frühjahr. Zur „Gruppe der Acht“ gehörten außerdem die beiden Schriftsteller Hartmut Mechtel und Gabriele Grafenhorst.

Je näher der 7. Oktober rückte, umso aufgeregter wurde die Stimmung. Offiziell angemeldet war die Demonstration nicht. Die Organisatoren hatten zwar ein paar Flugblätter gedruckt, sich dann aber nicht getraut, sie zu verteilen, erinnert sich Olaf Grabner: „Wir haben auf Mund-zu-Mund-Propaganda gesetzt.“ Als ihm selbst irgendwann der Plan hinter vorgehaltener Hand zugesteckt wurde, freute er sich – die Nachricht hatte die Runde gemacht in Potsdam.
Trotzdem sei die Angst am 7. Oktober groß gewesen, erzählt Grabner. Zum Treffpunkt begab sich die „Gruppe der Acht“ getrennt voneinander, „damit wenigstens jemand ankommt“, sagt er. Was er erst viel später in den Stasi-Unterlagen erfahren sollte: In den Wohnungen in den Häusern in der Nähe saßen Scharfschützen. Aber es passierte – zunächst – nichts. „Dann standen wir plötzlich da und wussten nicht, was wir tun sollten“, erzählt Olaf Grabner. Hans Schalinski habe die Initiative ergriffen, sei losgelaufen in Brandenburger Straße – damals noch Klement-Gottwald-Straße – und habe ein Lied angestimmt.

Erst 50, dann wurden es mehr

Vielleicht 50 Menschen waren es am Anfang, schätzt Grabner. Aber die Straße füllte sich zusehends: „Woher die alle gekommen sind, ist mir schleierhaft.“ Die Organisatoren waren nervös, befürchteten ein Eingreifen von Stasi oder Polizei – gleichzeitig fühlten sie sich aber auch bestärkt durch die Menschenmenge. „Die Straße war ziemlich voll“, sagt Olaf Grabner. 200 bis 300 Menschen könnten es gewesen sein, schätzt Hans Schalinski. Und Jeanne Grabner erinnert sich an das Glücksgefühl, das sie beim Blick zurück auf den Zug ergriff: „Die ganze Brandenburger Straße voller Menschen – ein köstlicher Moment!“

An der Friedrich-Ebert-Straße schlug die Stimmung jäh um. „Da rollte sich urplötzlich ein Polizeikordon auf – wie so ein Reißverschluss“, erzählt Olaf Grabner. Man sei stehengeblieben, denn an einem Konflikt mit der Polizei war man nicht interessiert. In einer kurzen Abschlussrede beglückwünschte Olaf Grabner die Demonstranten und erklärte die Demo für beendet.

Als die Polizei wenig später einige der Demonstranten – unter anderem Punks – durch die Innenstadt trieb und festnahm, das Café Heider räumte, war Olaf Grabner schon nicht mehr vor Ort.

Wohl aber der Kleinmachnower Fotograf Bernd Blumrich, der den Polizeieinsatz mit seiner Kamera festgehalten hat – und am Ende selbst festgenommen wurde, wie der heute 69-Jährige den PNN erzählte. In einer Polizei-Turnhalle unweit des damaligen Thälmann-Stadions am Lustgarten wurden er und gut 100 weitere Bürgern festgehalten. Auch sein Film wurde konfisziert. Erst Sonntagabend, mehr als einen Tag später, wurde er wieder entlassen. Als Blumrich am Dienstag dann in der Zeitung die offiziellen Verlautbarungen lesen musste, bei den Festgenommenen habe es sich um „arbeitsscheue“ und „alkoholsüchtige“ Provokateure gehandelt, wendet er sich an den Bezirksstaatsanwalt mit einer Beschwerde. „Ich habe immer gearbeitet!“, sagt er, noch heute lässt ihn die schamlose Unterstellung nicht kalt. Erst nach der großen Demo am 4. November meldet sich die Staatsanwaltschaft, Blumrich wird eingeladen und bekommt in großer Runde vor Vertretern von Volkspolizei, Kriminalpolizei und Vertretern der Staatsanwaltschaft tatsächlich eine Entschuldigung – und seinen Film zurück. „Dann war ich froh.“

Am 4. November gingen Zehntausende auf die Straße

Bei der großen Demo am 4. November auf dem heutigen Luisenplatz, als Zehntausende Potsdamer auf die Straße gingen, sprach auch Olaf Grabner noch einmal zur Masse. Ein schönes Gefühl, wie er heute sagt: „Ich habe mein ganzes Leben lang Ärger gehabt – und dann durfte ich mich da als junger Mensch hinstellen und das, womit ich Schwierigkeiten hatte, laut herausrufen.“

Olaf Grabner, einer der Organisatoren der Demonstration am 7. Oktober 1989 in Potsdam. Foto: PRIVAT Vergrößern
Olaf Grabner, einer der Organisatoren der Demonstration am 7. Oktober 1989 in Potsdam. © PRIVAT


Eine politische Karriere, wie einige der Bürgerrechtler von 1989 einschlugen, kam für Olaf Grabner aber nicht in Frage: „Ich bin kein Politiker und wollte auch kein Politiker werden“, sagt der 52-Jährige heute: „Ich fühlte mich als Bürger, der einfach nicht mehr leben konnte unter diesen Umständen – und sich wehren wollte.“ Für ihn waren andere Dinge wichtiger: Wie es mit dem in die Schwierigkeiten geratenen Bornimer Gärtnerei weitergehen sollte.

Grabner sollte Potsdam kurz nach der Wiedervereinigung verlassen. Die Gärtnerei, zu der er eigentlich mehr aus Zufall gekommen war, ist zu seiner Leidenschaft geworden. Er erarbeitete sich auf verschiedenen Stationen einen Ruf in der Branche, gründete eine eigene Gärtnerei in Locktow in der Gemeinde Planetal in Potsdam-Mittelmark. Seit nunmehr 13 Jahren leitet er einen viel beachteten Nepal-Himalaya-Garten bei Regensburg in Bayern, für das Magazin „Architektur & Wohnen“ zählt Olaf Grabner zu den „Pionieren der deutschen Gärtner-Avantgarde“.

Auch wenn er heute noch familiäre Verbindungen nach Potsdam und Berlin hat, ist er kaum noch in der Region. An die Ereignisse des Jahres 1989 denke er heute nur noch selten: „Ich neige eher weniger dazu, an die Vergangenheit zu denken“, sagt er: „Das war ein relativ kurzer Moment damals – aber ich denke, es war der Bürger, der die Stimme erhebt, wenn es nicht mehr anders geht.“

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