Pilgerweg. In den ersten Tagen nach ihrer Öffnung herrschte auf der Glienicker Brücke ein steter Menschenstrom – wie hier am 12. November 1989, drei Tage nach der Öffnung. Foto: J.-M. Delbot
© J.-M. Delbot

30 Jahre Mauerfall in Potsdam "Wir ziehen hier jetzt den Stöpsel raus"

Carsten Holm

Für die Potsdamer begann der Mauerfall nach Mitternacht des 9. November in Drewitz. Einen Tag später wurde die Glienicker Brücke geöffnet.

Potsdam - Die Bilder von der Maueröffnung am Brandenburger Tor in Berlin gingen um die Welt, – aber auch für viele Potsdamer sind die Tage um den 9. und den 10. November 1989 voller Erlebnisse, die für sie kurz zuvor noch unvorstellbar waren. Am 4. Oktober sind rund 3000 Personen zu der noch illegalen Informationsveranstaltung des Neuen Forums in die Friedrichskirche am Weberplatz gekommen – aber kaum jemand ahnt, dass der Umbruch nah ist. Die PNN haben im Lauf der Zeit etliche Zeitzeugen befragt.

In Potsdam beginnt der Mauerfall nach Mitternacht am Grenzübergang Drewitz. Nicht einmal eine halbe Stunde ist vergangen, seit Günter Schabowski während einer Pressekonferenz am Donnerstag, dem 9. November, die Öffnung der Grenze verkündet hat, da hält es vier Potsdamer Jugendliche nicht mehr in ihrer Stadt. Sie rollen gegen 19.30 Uhr in einem Trabant auf den Grenzübergang Drewitz auf der heutigen Autobahn 115 bei Dreilinden zu. Die jungen Männer werden, wie sich Hans-Dieter Behrendt, Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, erinnert, wegen „Nichtvorlage einer Reiseberechtigung“ zurückgewiesen. Das ist gnädig. Denn nach den Dienstvorschriften hätten sie wegen „Verstoßes gegen die Grenzordnung“ festgenommen werden müssen. Bis 22 Uhr zählen die Grenzer dort 50 Autos und zahlreiche Bürger, und es werden immer mehr. Die Grenzer telefonieren mit vorgesetzten Dienststellen in Berlin, um Befehle zu erhalten. Aber auch dort herrscht Orientierungslosigkeit.

Nach anfänglichem Ärger entsteht spontan Volksfeststimmung in Drewitz: Ein Chor von Passanten und Grenzsoldaten stimmt „Hoch auf dem gelben Wagen“ an, der Refrain ist neu: „Aber der Trabi, der rollt.“ Auch die Lkw-Fahrer aus dem Westen stimmen in das immer lauter werdende Hupkonzert ein. Gegen 0.30 Uhr werden die ersten DDR-Bürger mit einem Stempel im Ausweis in den Westen gelassen. Die Mauer ist in Potsdam gefallen. Was die Ausflügler nicht ahnen: Der Stempel im Personalausweis gilt nicht nur als Reisegenehmigung. Er wird, so NVA-Oberstleutnant Behrendt, auch als Ausbürgerung verstanden. Auch im Verlauf des 10. November stehen viele Potsdamer in der Polizeiwache in der heutigen Henning-von-Tresckow-Straße noch brav Schlange für den Ausreisestempel.

Der Potsdamer Fotodesigner und Kameramann Klaus Fahlbusch macht sich am späten Abend des 9. November mit seinem Auto über den Grenzübergang Dreilinden auf den Weg nach West-Berlin. Auf den Straßen rund um die Gedächtniskirche sieht er Menschen, die „völlig außer sich“ sind und jubeln.

An der Glienicker Brücke bleibt es am Abend des 9. November ruhig. Fred Engel ist in der Nacht dort Grenzschützer, er erzählt, dass „Leute da standen und nicht durchgelassen wurden“. Einen Tag später – die Mauer ist mittlerweile offiziell gefallen – wächst der Druck: „Macht das Tor auf!“, riefen wartende Potsdamer. Irgendwann, erinnert sich Engel, habe der Kommandierende gesagt: „So, wir ziehen hier jetzt den Stöpsel raus!“ Gegen 18 Uhr öffnen die Grenzer die Tore, die den Durchgang durch die Brücke versperren. Die langjährige PNN-Redakteurin Hella Dittfeld ist dabei: „Dann heulte ich dicke Tränen.“ Engel hingegen ist klar: „Das ist das Ende der DDR.“ Er ist völlig überrascht. „Dass die DDR so runtergewirtschaftet war, konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt er.

Treffen am Grenzstreifen. Die Behörden der DDR und West-Berlins verstanden sich bereits nach kurzer Zeit prächtig, wie dieses Bild, ebenfalls vom 12. November, zeigt. Foto: J.-M. Delbot Vergrößern
Treffen am Grenzstreifen. Die Behörden der DDR und West-Berlins verstanden sich bereits nach kurzer Zeit prächtig, wie dieses Bild, ebenfalls vom 12. November, zeigt. © J.-M. Delbot

Die Redakteure der „Märkischen Union“, einer Tageszeitung der Ost-CDU, schließen in den Vormittagsstunden ihre Büros und reihen sich an der Dienststelle der Volkspolizei in der Bauhofstraße auf. „Menschenschlangen, die bedeutend länger waren als jene vor dem Konsum, wenn mal wieder Bananen im Angebot waren “, sagt Klaus Büstrin, später langjähriger Kulturchef der PNN. Die Polizei hat im Hof Tische aufgestellt, an denen es Stempel für die Ausreise gibt. Auf diesen Moment habe sie 29 Jahre gewartet, sagt eine Kollegin.

Eine lange Schlange bildet sich auch vor der Polizeistation in der Waldstadt. Die Nachricht von der Grenzöffnung hat sich verbreitet, aber selbst den Polizisten ist nicht klar, ob die Pässe vor der Fahrt in den Westen gestempelt werden müssen. Schon vor der Öffnung warten Hunderte dort, eine Polizistin muss jedoch erst einmal in die Innenstadt fahren, um einen Stempel zu holen. Dann spricht sich herum, dass es auch ohne Stempel geht.

Elisabeth Schöneich wohnt im Grenzgebiet am Neuen Garten. Die Nachricht von der Maueröffnung kann sie „kaum fassen“, mit ihrer Familie fährt sie am 10. November an die Glienicker Brücke und dann weiter nach Berlin zum Brandenburger Tor. Aber es treibt sie gleichzeitig die „Sorge um die Zukunft“ um.

Burkhard Rülicke trifft sich mit Freunden auf der Brücke, sie wollen schnell hinüber nach West-Berlin. Petra und Steffen Rüsike werden von einem Fernsehteam gefilmt, als sie mit ihrem Trabant über die Grenze rollen. Als sie wieder nach Potsdam zurückgekehrt sind, finden sie einen 20-Mark-Schein in ihrem Auto, den ein West-Berliner unbemerkt hineingeworfen hat.

Aber es gibt auch kritische Stimmen. Detlef Kaminski, einer der Protagonisten des Potsdamer Wendeherbstes und späterer Baustadtrat, erzählt später, er habe damals die Öffnung der Grenze „mit Wut und Frust“ erlebt. Ihm sei klar gewesen, dass viele Angehörige des SED-Regimes ihre Privilegien in die Bundesrepublik hinüberretten würden. Schließlich hätten sich damals viele DDR-Bürger mehr „für Bananen und Westeinkäufe“ interessiert als für die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. (mit jaha)

Zur Startseite