1910: Mädchen lernen in einem Rettungshaus in Rüdersdorf nähen. Aus diesen Häusern ging später das EJF hervor. Foto: Archiv EJF
© Archiv EJF

125 Jahre Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk Wie sich die Arbeit des evangelischen Hilfswerks verändert hat

Die Geschichte des EJF beginnt vor 125 Jahren mit Rettungshäusern für Kinder. Heute geht es um Hilfe zur Selbsthilfe: auch in vielen Potsdamer Einrichtungen.

Potsdam - Im 125. Jahr seines Bestehens hat das EJF ein Problem: Der Traditionsname passt nicht mehr. Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk kümmert sich längst um Menschen aller Altersgruppen. Es geht auch nicht mehr nur um Fürsorge, sagt die Potsdamer Verbundleiterin Cornelia Krönes. „Fürsorge benötigt jemand, der sich nicht selbst helfen kann. Wir leisten vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.“

Als das EJF – die Abkürzung des Namens soll natürlich erhalten bleiben – 1894 als Brandenburgischer Rettungshausverband gegründet wurde, ging es natürlich zunächst um handfeste Hilfe. Aber in den sogenannten Rettungshäusern fanden verwahrloste oder arme Kinder nicht nur ein Dach über den Kopf, sondern erlebten auch Erziehung in familienähnlichen Strukturen und bekamen eine Ausbildung.

Heime im Grenzgebiet kamen der DDR gelegen

Dieser Gedanke findet sich bis heute in der Arbeit, vor allem in den Kinderheimen, die, so wünschen es sich die Mitarbeiter, am besten nicht Heime genannt werden, sondern Wohngruppen. Der zum EJF gehörende Potsdamer Kinder- und Jugendhilfeverbund „Eva Laube“ etwa umfasst mehrere Gruppen für Kinder und Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen nicht in ihren Familien leben können, sowie für minderjährige Mütter mit ihren Kindern. Außerdem unterhält das EJF in Potsdam sieben Kitas, einen Hort und Kinderklub, eine Frühförderstelle, das Familienzentrum im Schlaatz und sechs Beratungsstellen.

Alles begann 1993, als das EJF die Kinderheime in der Stubenrauchstraße und in Sacrow aus städtischer Trägerschaft übernahm. Heime im Grenzgebiet kamen der DDR damals ganz gelegen: Die Kinder waren abgeschottet und unter Kontrolle, Elternbesuche nicht ohne weiteres möglich. Das Bildungsministerium hatte hier das Sagen.

Karin Lefold und Cornelia Kroenes (von links) im Spielzimmer des EJF-Kinderheims „Eva Laube“.  Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Karin Lefold und Cornelia Kroenes (von links) im Spielzimmer des EJF-Kinderheims „Eva Laube“.  © PNN / Ottmar Winter

Das Heim „Eva Laube“ lag unmittelbar am Grenzstreifen, zwischen Garten und Postenweg stand der Grenzzaun. Das 1950 in einer enteigneten Villa eingerichtete Heim war vornehmlich für Kinder von Studentinnen und Mitarbeiterinnen der Akademie für Staat und Recht, die häufig auch im Ausland unterwegs waren, gedacht. Auch viel beschäftigte Schauspielerinnen brachten ihre Kinder hierher, sagt Karin Lefold, die seit 1993 in der Verwaltung des Heims arbeitet. Die DDR ließ das Heim gut ausstatten, damit die künftigen Mitgestalterinnen der jungen Republik in Ruhe arbeiten konnten. Mit dem Mauerbau wurde es kompliziert: Nicht nur die Kinder brauchten jetzt Passierscheine, um zur Schule zu gehen, auch Besucher wie Handwerker. Es sei auch deshalb immer schwerer geworden, das Gebäude in Schuss zu halten. Diese Mangelverwaltung war dem Haus noch anzusehen, als das EJF übernahm, erinnert sich Lefold. „Es änderte sich damals viel, vor allem natürlich das Betreuungskonzept. Bis zur Wendezeit gab es ja noch Schlafsäle. Jetzt wurden Kinderzimmer eingerichtet und viele neue Erzieher eingestellt.“

Im Heim „Eva Laube“ leben 14 Kinder

14 Kinder zwischen acht und 18 Jahren leben aktuell im Heim „Eva Laube“. Die Großen in einer WG unterm Dach, wo sie den Alltag weitgehend selbstständig gestalten. Für die Wohngruppe der Kleineren gibt es neben eigenen Zimmern ein großes Gemeinschafts- und Spielzimmer.

Das Kinderheim „Eva Laube“ in der Nähe des Bahnhofs Griebnitzsee. Foto: PNN / Ottmar Winter Vergrößern
Das Kinderheim „Eva Laube“ in der Nähe des Bahnhofs Griebnitzsee. © PNN / Ottmar Winter

Seit 1993 hat das EJF immer mehr Einrichtungen in Potsdam eröffnet, zuletzt die Kita im Nuthewinkel. Für alle Kitas gibt es Wartelisten. „Sie sind gut nachgefragt, auch aufgrund ihrer besonderen Konzepte“, so EJF-Sprecherin Katrin Wilcken. „In manchen wird prinzipiell draußen geschlafen, in anderen gibt es Kneippbehandlungen.“ In diesem Jahr soll die Mutter-Kind-Wohngruppe in größere Räumlichkeiten umziehen, am alten Ort werden neue Plätze für betreutes Einzelwohnen von Jugendlichen eingerichtet.

Ob das EJF in Potsdam weiter expandieren wird, ist noch unklar. Man arbeite eng mit der Stadt zusammen und beobachte den Bedarf. Immer wichtiger werden dabei spezialisierte Angebote, sagt Verbundleiterin Cornelia Krönes. „Immer mehr Kinder benötigen therapeutische Hilfe, weil sie eine schwierige Lebensgeschichte hinter sich haben.“ Es gebe mehr Missbrauchs- und Drogenfälle, zudem wachse glücklicherweise die Sensibilisierung dafür. „Wir schauen heute genauer hin, vor allem bei Fällen von sexuellem Missbrauch. Beim Thema Kinderschutz wird heute viel früher regiert.“

Der Fachkräftemangel ist das größte Problem

Aktuell sei spannend, wie es in Sachen Kitagebühren-Rückzahlung weitergeht, sagt Wilcken. Bisher sei zudem ungeklärt, ob der erhöhte Arbeitsaufwand, der beim Bearbeiten der Anträge entstehen wird, in irgendeiner Art kompensiert wird.

Größtes Problem zurzeit: „Der Fachkräftemangel betrifft auch das EJF“, sagt Wilcken. Aktuell arbeiten 4300 Mitarbeiter in 120 Einrichtungen in acht Bundesländern, hauptsächlich in Berlin und Brandenburg. Das EJF bildet aus und unterhält eine eigene Weiterbildungsakademie. Man hoffe, bei Bewerbern mit tariflicher Vergütung, betrieblicher Altersvorsorge und einem garantierten Kitaplatz für eigene Kinder punkten zu können.

Zur Startseite