In dem 2015 eröffneten Pflegeheim des Konzerns Korian leben derzeit 84 Menschen. Foto: Andreas Klaer
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Vorwürfe gegen Pflegeheim Vernachlässigt und vergessen?

Angehörige erheben Vorwürfe gegen ein Pflegeheim in Werder (Havel). Die Aufsichtsbehörde hat noch im September Mängel festgestellt. Ohne weitere Prüfung dürfen keine neuen Bewohner aufgenommen werden.

Werder (Havel) - Vorwürfe gegen den Träger des Pflegeheims „Haus am Zernsee“ sorgen in Werder (Havel) weiter für Aufregung. Nachdem der „Spiegel“ jüngst über Missstände berichtet hatte, melden sich weitere Angehörige von dort betreuten Menschen zu Wort. Sie werfen dem Heim ebenfalls eine schlechte Versorgung und sogar Vernachlässigung der Bewohner vor.

Eine von ihnen ist Sylvia Pitz. Sie war vor 20 Jahren aus Süddeutschland nach Werder (Havel) gezogen und hatte ihre Mutter vor drei Jahren im „Haus am Zernsee“ aufnehmen lassen, um sie näher bei sich zu haben. Die Mutter war bereits in ihrer Heimat kurzzeitig in Pflege gewesen, Pitz wollte jedoch sichergehen, dass sie gut behandelt wird und hielt es für wichtig, dass sie die Pflegeeinrichtung schnell erreichen könne.

Manchmal wurde ihre Mutter einfach vergessen

Jeden zweiten Tag habe sie ihre Mutter im Heim besucht, sagt Pitz. Dabei fiel ihr oft auf, wie überfordert das anwesende Personal gewesen sei. Mal stellte sie fest, dass die Seniorin nach vier Tagen immer noch dasselbe fleckige T-Shirt trug, mal sei ihre Mutter im Tagesablauf schlicht vergessen worden: „Nachmittags werden eigentlich alle Bewohner mit ihren Rollstühlen in den Speisesaal gefahren, aber das fiel für meine Mutter manchmal einfach aus, weil die Pflegekräfte nicht daran gedacht hatten“, schildert Pitz gegenüber den PNN. Wies sie auf Missstände hin, seien diese abgestritten worden. „Es wurde dann zum Beispiel behauptet, das T-Shirt sei erst am Morgen gewechselt worden, was einfach nicht stimmte – es war voller Flecken und ich hatte meine Mutter erst zwei Tage vorher darin gesehen.“ Sprach sie Mängel an, habe sie sich als nervige, fordernde Angehörige hingestellt gefühlt – dies sei schlimm gewesen. „Sobald Sie etwas sagen, werden Sie vom Personal regelrecht gehasst“, sagt Pitz.

Betrieben wird das „Haus am Zernsee“ vom europaweit agierenden Konzern Korian, der mit 28.000 Plätzen eigenen Angaben nach der größte Heimbetreiber in Deutschland ist. Die Einrichtung öffnete Ende 2015. Nach nur einem Jahr soll jedoch der erste Heimleiter seinen Posten wieder verlassen haben, so der „Spiegel“. Seine Nachfolger seien jeweils nur kurz auf der Position geblieben.

Trümmerbruch wurde ignoriert

Vor rund einem Jahr, erinnert sich Pitz, habe ihre Mutter bei einem Besuch besonders angeschlagen gewirkt, habe kaum Appetit gehabt, leicht gefiebert und über unerträgliche Beinschmerzen geklagt. Als Pitz sie zum Arzt brachte, habe dieser festgestellt, dass die Seniorin einen Trümmerbruch oberhalb ihres künstlichen Kniegelenks erlitten habe. „Meine Mutter kann aber allein nicht mal aufstehen, es muss also jemand dabei gewesen sein, als sie sich das Bein brach“, meint Pitz. Zu jener Zeit sei das Heim gerade ohne Leitung gewesen und auf Nachfragen bei den Pflegekräften habe Pitz immer nur einen Satz gehört: „Ich war nicht da und im Protokoll steht nichts.“

Gegenüber dem „Spiegel“ hatte die Beraterin und Verlagsmanagerin Barbara Freitag geschildert, wie ihre Mutter im „Haus am Zernsee“ angeblich jahrelang vernachlässigt worden sei. Regelmäßig sei die 92-Jährige nach der Abendtoilette mit dem Kopf im Waschbecken eingeschlafen, weil niemand sie zu Bett gebracht habe. Ihre Medikamente habe sie nicht pünktlich bekommen, eine eitrige Augenentzündung sei nicht fachgerecht behandelt worden und habe sich immer weiter verschlimmert. Eines Nachts sei sie selbst auf der Suche nach einer Pflegekraft durch die Gänge des Heims geirrt, doch es sei niemand zu finden gewesen, so Barbara Freitag. Das mobile Telefon, über das die Mitarbeiter der Station jederzeit hätten erreichbar sein müssen, habe vergessen im Badezimmer gelegen. So rief sie schließlich die Polizei.

Bis heute gilt ein Aufnahmestopp

Direkt nach diesem Vorfall hat der Betreiberkonzern Korian die damalige Heimleitung entlassen, zudem wurde ein Aufnahmestopp vereinbart, der bis heute gilt. Dies teilte die Aufsicht für unterstützende Wohnformen (AuW), ehemals Heimaufsicht, auf PNN-Anfrage mit. Die Aufsicht ist beim brandenburgischen Landesamt für Soziales und Versorgung angesiedelt. Nach AuW-Angaben waren 2018 sechs Mal Mitarbeiter zu Prüfungen vor Ort – normal sei eine Prüfung pro Jahr. Die Prüfungen haben laut Aufsicht „wiederholt Mängel in verschiedenen Bereichen“ ergeben.

Letztmals war die Aufsicht am 24. September 2019 in dem Heim – angesichts wieder aufgetretener Mängel habe es eine Anhörung des Heimträgers gegeben. Im Ergebnis „habe sich die Einrichtung abermals selbst einen Aufnahmestopp auferlegt“. Bevor wieder Menschen neu in das Heim aufgenommen werden dürfen, werde „eine weitere Prüfung erfolgen“, so die Aufsichtsbehörde. Zudem müsse der Träger weitere Maßnahmen „insbesondere zur personellen Stabilisierung der Einrichtung“ umsetzen. Als Fortschritt wertet die AuW, dass nunmehr die betriebliche und fachliche Leitung des Hauses „aktuell neu mit Mitarbeitern besetzt“ seien, die die „gesetzlichen Anforderungen an die Eignung erfüllen“. Eine Anspielung darauf, dass im Frühjahr 2019 der 70-jährige Hans-Jochen Knöll, Pensionär und ehemals Mitarbeiter des brandenburgischen Finanzministeriums, kommissarisch die Führung des „Haus am Zernsee“ übernommen hatte – ohne entsprechende vorgeschriebene Qualifikation. Knölls Schwiegervater lebt in der Einrichtung.

Situation soll sich verbessert haben

Wie die Aufsichtsbehörde mitteilt, will das Heim künftig ohne Leiharbeiter auskommen – offenbar ein Grund für die Missstände. Der Konzern Korian verweist darauf, dass er im vergangenen halben Jahr „trotz Fachkräftemangels“ 25 Mitarbeiter eingestellt habe; insgesamt habe das Haus 71 Mitarbeiter, die 84 Bewohner betreuen. In einer Erklärung von Korian heißt es zudem, dass die „Spiegel“-Berichterstattung einen länger zurückliegenden Zeitraum beleuchte. Seitdem habe sich „die Situation erheblich verbessert“. Aus „datenschutzrechtlichen Gründen und zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte“ dürfe man keine Angaben zu Einzelfällen machen.

Sylvia Pitz hingegen glaubt nicht, dass sich die Zustände im „Haus am Zernsee“ in naher Zukunft deutlich verbessern werden. Es gebe einfach zu wenig qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt. Für ihre Mutter käme dies ohnehin zu spät. Sie starb Mitte des Jahres. (mit SCH)


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