Schon von Goethe und Napoleon geschätzt. Eigentlich aber waren Teltower Rübchen zunächst das Essen armer Leute, als Ergänzung für einen langen, harten Winter. Vergrößern
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Teltower Rübchen Axel Szilleweit: „Zur Weihnachtsgans legendär“

In Teltow geht die Rübchen-Saison zu Ende. Landwirt Axel Szilleweit spricht im PNN-Interview über die vergangene Saison - und hofft auf das nächste Jahr.

Herr Szilleweit, zu Beginn der Saison waren die Rübchen kaum größer als ein Daumen, hat sich das geändert?

Ja, dank des Regens und der natürlichen Feuchtigkeit sind die Rübchen noch etwas gewachsen. Auch die Sonne der letzten Tage bringt noch nennenswerten Zuwachs.

Dass es dennoch kein gutes Jahr wird, stand schon früh fest ...

Was sich bis Ende August nicht entwickelt hat, entwickelt sich auch nicht mehr. In diesem Jahr haben wir insgesamt geringe Erträge, wesentlich weniger als in den letzten Jahren. Das Problem war die anhaltende Trockenheit. Die Samen sind nicht aufgegangen. Es fiel kein Tropfen, außer im August, da gab es dann gleich einen ordentlichen Hagel, der uns die Ernte im wahrsten Sinne des Wortes verhagelt und alles aus der Erde gespült hat.

Wie viel weniger holen sie vom Feld im Vergleich zu guten Jahren?

Auch in guten Jahren schwankt die Ernte. Erntemenge ist ja nicht gleich vermarktungsfähige Ware. Obwohl wir Spezialnetze über das Feld ziehen und biologischen Pflanzenschutz verwenden, haben wir an einigen Rübchen Fraßstellen. Im Durchschnitt haben wir aber etwa zwei Tonnen pro Hektar, die wir verkaufen können, in diesem Jahr wird es gerade ein Viertel sein, also etwa eine halbe Tonne je Hektar.

Sie sind Landwirt im Haupterwerb, lohnt sich der Rübchen-Anbau überhaupt noch?

Das ist wirklich die Frage. Wir haben etwa 33 Hektar Acker, die wir bestellen, bauen Kartoffeln, Gurken, Tomaten, jegliches Saison-Gemüse an. Auf 70 Prozent unserer Flächen wachsen Teltower Rübchen, die in der Tat nicht so ertragreich sind wie anderes Gemüse. Sie sollten nicht zu eng stehen, weil sie sehr empfindlich sind, brauchen also mehr Platz. Mit so einer mageren Ernte wie in diesem Jahr haben wir Probleme, über den Winter zu kommen. Im Sommer kann ich das mit anderen Früchten kompensieren.

Sie sagten, die Trockenheit war das Problem, können Sie nicht zusätzlich bewässern?

Nicht alle meine Flächen sind bewässerungsfähig. Das Problem ist, dass in der Speckgürtel- und Wachstumsregion sich keiner wagt, Flächen langfristig zu verpachten. Im Schnitt pachte ich für fünf Jahre, die sind schnell um. Eine Investition, etwa in einen Brunnen, ist dann nicht möglich. Zudem verlieren wir auch immer mehr Fläche, weil zurzeit nahezu jeder Krümel Bauland wird.

Teltow braucht Sie aber und das Rübchen, schließlich ist es so etwas wie ein Prestigeobjekt ...

Das stimmt, aber allein deshalb kommt mir noch keiner entgegen. Wenn ich mehr Flächen zugunsten anderer Gemüsesorten hätte, hätte ich etwas mehr Sicherheit. Aber das ist aussichtslos.

Denken Sie daran aufzugeben?

Manchmal spiele ich mit dem Gedanken. Und dann hoffe ich, dass das nächste Jahr wieder feuchter und besser wird. In der Landwirtschaft ist man generell von allem abhängig, das Wetter ist nicht kalkulierbar. Zudem bin ich Lokalpatriot. Ich möchte schon regionale Produkte erzeugen, frisches Gemüse vom Feld direkt auf den Tisch. Es war von Anfang an klar, dass ich auf jeden Fall auch das Teltower Rübchen anbaue, dass es ein so großer Anteil am Betrieb wird, hatte ich aber nicht geplant.

Gibt es eine so große Nachfrage?

Ich könnte die volle Menge, die ich anbaue, auch absetzen. In diesem Jahr können wir den Bedarf nicht decken, da wäre es besser gewesen, es gäbe noch ein paar Bauern mehr, die das Rübchen anbauen. Wir versuchen dennoch, die Preise stabil zu halten. Hochpreisiges Gemüse wie die Rübchen können wir auch nicht noch höher ansetzen.

Wen beliefern Sie?

Viele Privatkunden aus dem Umland, ich habe aber auch Anfragen aus dem ganzen Land, aus Hamburg, München oder Bielefeld. Vor allem beliefere ich Berliner Restaurants. Viele Gastronomen kommen direkt hierher auf den Hof. Aber auch einige Großhändler und Bioläden beziehen die Rübchen. Supermärkte haben oft nicht die Voraussetzungen. Rübchen benötigen ein spezielles Kühlregal. In der Region verkaufen wir das Gemüse auf Berliner Märkten, etwa in Lichterfelde auf dem Kranoldplatz oder dem Winterfeld-Markt in Schöneberg.

Das Rübchen wird als ausgewiesene Delikatesse gepriesen, schon Napoleon soll von ihr geschwärmt haben ...

Das ist richtig, Napoleon hat sie sich liefern lassen, wie im Übrigen auch Goethe, mit der Postkutsche nach Weimar. Dazu gibt es einen interessanten Briefwechsel mit seinem Freund Carl-Friedrich Zelter, der die Lieferung des wohlgefälligen Gemüses veranlasst haben soll. Eigentlich war es zunächst das Essen armer Leute, die Bauern brachten nach der Getreideernte die Rübchensamen in den Boden, damit sie im Winter zusätzliche Nahrung hatten.

Was macht das Rübchen so besonders?

Ich denke, das muss jeder selbst ergründen. Geschmacklich geht es in Richtung Blumenkohl, Brokkoli, aber auch vom Spargel hat es ein bisschen was. Das Spezielle ist seine zarte Meerrettichnote.

Wie passt das Rübchen zu Weihnachten?

Als Beilage zur Weihnachtsgans oder der Ente ist sie legendär. Meine persönliche Empfehlung ist das aber nicht. Wir wollen nicht, dass Tiere geschlachtet werden, nur weil wir Rübchen anbauen. Das Teltower Rübchen eignet sich aufgrund seines fantastischen Eigengeschmacks hervorragend als Ersatz. Etwa auch als Rohkost oder Suppe.

Was ist Ihr Favorit?

Ich mag sie am liebsten als Cremesuppe. Man benötigt einen Gemüsefonds als Grundlage, frisches Gemüse oder Instantbrühe, Rübchen reinschnippeln, weich kochen, pürieren und passieren. Fertig.

Können Sie zum Fest noch frische Rübchen anbieten?

Bis Weihnachten werden wir noch gut hinkommen, aber dann steuern wir in diesem Jahr schon auf das Ende der Saison zu. Ein paar Rübchen müssen wir noch für die Grüne Woche Ende Januar in Berlin zurückhalten. Große Mengen werden wir nicht mehr haben, aber wir wollen zumindest noch eine Kostprobe anbieten.

 

Das Gespräch führte Solveig Schuster

ZUR PERSON: Axel Szilleweit ist Eigentümer des Obst- und Gemüsehofs Teltower Rübchen. Der Diplom-Landwirt ist zudem der einzige hauptberufliche Rübchen-Bauer der Region Teltow.

 

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