Noch unberührtes Naturidyll: Wird auf den Rieselfeldern künftig ein ICE-Bahnwerk stehen?  Foto: Andreas Klaer PNN
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Standortpläne Künftig ICE-Wartung in Stahnsdorf?

Die Deutsche Bahn hat Rieselfelder in Stahnsdorf für ein Instandhaltungswerk ins Auge gefasst. Anwohner:innen wehren sich dagegen.

Stahnsdorf - Ein Sonnenblumenfeld, alter Baumbestand, Naturidylle: Noch herrscht Ruhe auf den alten Rieselfeldern zwischen den Stahnsdorfer Ortsteilen Güterfelde, Marggraffshof, Schenkenhorst und Sputendorf. Anwohner:innen und auch Berliner:innen schätzen die Gegend als Naherholungsort. Doch Pläne der Deutschen Bahn könnten das ändern. Wie aus einem Schreiben des Unternehmens hervorgeht, das den PNN vorliegt, zählen die alten Rieselfelder zu einem von mehreren Standorten, der für ein neues ICE-Instandhaltungswerk ins Auge gefasst worden ist.

Bürger wehren sich gegen das Vorhaben. Und auch die Gemeinde hat sich vorsorglich anwaltliche Beratung gesucht. „Wir wollen sichergehen, dass der beste Standort für ein solches Werk ausgewählt wird“, sagte Bürgermeister Bernd Albers (Freie Wähler) den PNN. Ob dies geschehe, da sei man skeptisch. Die Fläche gehört den Berliner Stadtgütern und damit nicht der Gemeinde, sondern Berlin.


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Wie groß das Werk werden soll, das ergibt sich nicht aus dem Schreiben. In einer Antwort an die PNN teilte die Bahn mit, dass das Unternehmen seine Fahrzeugflotte ausbaut, damit mehr Menschen umweltfreundlich unterwegs sein können. „Damit die vielen neuen Züge gewartet, gereinigt und repariert werden können, braucht es zusätzliche Instandhaltungswerke“, so ein Bahnsprecher. Zwei Neubauprojekte für diese Werke wurden demnach bereits in Bayern und Nordrhein-Westfalen gestartet. Zum neuen Standort aber hält sich das Unternehmen bedeckt. In der Antwort heißt es: „Bislang gibt es in den aktuellen Planungen noch keine Entscheidung, wo und wann ein eventuelles drittes neues Werk entstehen wird. Wir bitten um Verständnis, dass wir den noch laufenden internen Prozessen nicht vorgreifen können.“

"Unberührte Natur"

Martin Lohrke von der eigens gegen die Standortpläne der Bahn gegründeten Bürgerinitiative „Kein ICE Werk Stahnsdorf Rieselfelder“ sagt, er wisse aus internen Quellen, dass es um eine Fläche von 160 Hektar, rund 4000 Meter lang und 400 Meter breit, gehen soll. Das gebe Platz genug für bis zu sechs Hallengleise und bis zu 20 Abstellgleise, für eine Radsatz-Drehbank, Waschanlagen, Diagnose-Stationen, mit einem 24/7-Betrieb.

Zwei Neubauwerke für Zugwartungen sind bereits in Planung. Der dritte Standort steht laut Bahn noch aus.  Foto: Joerg Koch/ddp Vergrößern
Zwei Neubauwerke für Zugwartungen sind bereits in Planung. Der dritte Standort steht laut Bahn noch aus.  © Joerg Koch/ddp

„Das ist hier unberührte Natur, dörfliche Idylle. Es dient uns wie auch den Berlinern zur Naherholung“, sagte Lohrke. „Das hier ist eine Jahrhunderte alte Heidelandschaft mit vielen verschiedenen Vogelarten.“ Man könne beim Blick auf den Klimawandel nicht mehr einfach riesige Flächen versiegeln. 

„Wir sind auch für die Verkehrswende. Aber dort, wo es Sinn macht.“ Sinn würde das Vorhaben aus Sicht von Lohrke dort ergeben, wo eh schon Flächen versiegelt worden sind. Beispielsweise in Seddin, wo es eine alte Gleisanlage gibt. Laut Lohrkes Informationen steht das Werk in Konkurrenz mit einem Standort in Frankfurt/Main.

Lohrke fürchtet vor allem den Lärm, der von einem solchen Instandhaltungswerk ausgehen würde - besonders nachts, denn dann würden die Züge, die tagsüber durch ganz Deutschland fahren, gewartet. Von anderen Instandhaltungswerken wisse er, dass diese beispielsweise durch die Hup-Tests bis zu 106 Dezibel laut seien. Lohrke hat einige angeblich zu erwartende Lärmbelästigungen zusammengetragen. Dazu zählen unter anderem das Quietschen in der Wendeschleife sowie mehr Verkehrslärm durch mehr Verkehr in der Straße zwischen Sputendorf und Neubeeren.

Günstig gelegen 

Etwa 3000 Anwohner:innen wären betroffen. „Wir haben jetzt schon vermehrt Lärm durch Windräder und die Flugrouten des BER“, klagt Lohrke. Er befürchtet, dass nicht alles ordnungsgemäß ausgelotet werde und einfach Ausgleichszahlungen für das Vertreiben der Vogelarten in der Landschaft gezahlt würden. Denn es gebe einiges, was für den Standort spreche. „Er ist durch die Wendeschleife günstig“, sagt er. Die Züge könnten gut ein- und ausfädeln. Das Berliner Südkreuz liege nur wenige Fahrminuten entfernt. Noch dazu ist die Gegend kein Natur-, sondern nur ein Trinkwasserschutzgebiet. Doch das neue Werk wäre auch nur 500 Meter von Lohrkes Haus in Sputendorf entfernt. Er wäre bereit, wegzuziehen, sollte das Werk tatsächlich kommen, sagt er. „Es wäre schade, Freunde und Nachbarschaft zu verlassen.“ Aber man müsse Prioritäten setzen.

Bürgermeister Albers liegen die Rieselfelder am Herzen. „Es ist eine einzigartige Kulturlandschaft.“ Er hofft, dass sich Vertreter:innen der Deutschen Bahn in der nächsten Gemeindevertretersitzung nach der Sommerpause Anfang September konkreter zu den Plänen in Stahnsdorf äußern. Bei der jüngsten Sitzung Anfang Juni stand das Thema im nichtöffentlichen Teil zwar auf der Tagesordnung. Doch wegen krankheitsbedingter Ausfälle bei der Bahn sei der Punkt entfallen. Die Gemeinde habe die Bahn gebeten, das Treffen nachzuholen. Bislang habe man aber noch keine Antwort. Albers glaubt, dass das keine böse Absicht ist, sondern Krankenstand und Urlaubszeit Grund dafür sind.

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