Karsta Semler serviert auf der Grünen Woche unter anderem ihr Chutney aus Grünen Tomaten auf Brot.  Foto: Enrico Bellin
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Grüne Woche in Berlin Öko made in Mittelmark

Wie nachhaltig ist die Lebensmittelproduktion in Potsdam-Mittelmark? Ein Rundgang bei den Erzeugern auf der Grünen Woche.

Berlin - Direkt hinter Thüringen und Niedersachsen liegt die Mittelmark. Vom Haupteingang des Messegeländes der Grünen Woche geht es vorbei an Ständen mit Klößen und Geflügel in die Brandenburghalle. Etwa ein Viertel der Aussteller dort kommen aus der Mittelmark. Die Messe steht in diesem Jahr im Zeichen von Nachhaltigkeit und Klimaschutz, doch wie steht es damit im Landkreis?

Der Gemeinschaftsstand des Landkreises Potsdam-Mittelmark, an dem jeden Tag ein anderes Unternehmen des Landkreises steht, steht direkt am Halleneingang. Am Montag, dem Brandenburgtag der Messe, verkauft dort Karsta Semler Kartoffel-Wurzel-Suppe und Chutneys. 2014 hat sie ihren Catering-Service Die Karlotte in Stahnsdorf gegründet. „Anfangs war es schwer, die Menschen von nachhaltigen Produkten zu überzeugen“, so die 52-Jährige. Inzwischen werde aber immer öfter nach den Produktionsbedingungen und der Herkunft der Lebensmittel gefragt.

Die vorderen Stände des ersten Carrés der Brandenburghalle stammen alle aus der Mittelmark und Potsdam. Foto: Enrico Bellin Vergrößern
Die vorderen Stände des ersten Carrés der Brandenburghalle stammen alle aus der Mittelmark und Potsdam. © Enrico Bellin

Nachhaltig bis zum Geschirr

Die bezieht Semler von Händlern soweit wie möglich aus der Region, etwa vom Teltower Bauern Axel Szilleweit. Seine Rübchen serviert sie beim Brandenburg-Empfang am Montagabend mit Honig mariniert. Doch es sei noch schwierig, alle Produkte zu bekommen. Derzeit arbeiten nur sie und eine Halbtagskraft im Unternehmen. „Da kann man nicht von Hof zu Hof fahren.“ Deshalb bestelle sie auch zentral bei der Markthalle 9 in Kreuzberg, wo es Produkte mehrerer Erzeuger der Region gibt. Die Grüne Woche bringe auch den Kontakt zu mehr Ansprechpartnern.

Nachhaltigkeit sei bei ihr von Anfang an wichtig gewesen: Beim Catering wird Geschirr aus dem Familienbesitz verwendet. „Das sieht sehr unterschiedlich aus, mal mit Goldrand, mal mit Blumenmuster. Die Kunden sind überrascht, aber es stört keinen“, so Semler. Auf der Messe ist das nicht möglich, da es keine Waschbecken gibt. Hier verwendet die Stahnsdorferin kompostierbares Einweggeschirr. Geputzt werde in ihrer Küche grundsätzlich mit ökologischen Reinigungsmitteln, aus der Steckdose komme Öko-Strom. Auch verwendet sie Lebensmittel, die sonst kaum eine Chance hätten: „Am Ende der Tomatenernte bleiben immer grüne Tomaten übrig, die nicht mehr rechtzeitig reif und normalerweise weggeschmissen werden.“ Gemeinsam mit ihrem Mann und den Eltern kocht Karsta Semler daraus ein Chutney, das es am Montag zu probieren gibt. Es schmeckt sehr fruchtig mit exotisch-würziger Note, auf Tomate kommt der Gaumen dabei nicht.

Gerrit van Schoonhoven betreibt den größten Öko-Betrieb im Landkreis. Foto: Enrico Bellin Vergrößern
Gerrit van Schoonhoven betreibt den größten Öko-Betrieb im Landkreis. © Enrico Bellin

Mit dem Gut Schmerwitz ist auch der größte Öko-Betrieb des Kreises auf der Grünen Woche vertreten, auf 1650 Hektar Fläche wird laut Firmeninhaber Gerrit van Schoonhoven zwischen Bad Belzig und Wiesenburg nach den strengen Kriterien des Bioland-Verbandes produziert. Angebaut wird sowohl Getreide für die Brotproduktion als auch für Futtergetreide, das unter anderem den 12.000 in Freiland-Hühnern des Gutes als Nahrung dient. Aufgrund der Klimaveränderungen der vergangenen Jahre werde derzeit auch der Anbau von Soja und bestimmten Erbsensaaten ausprobiert. Im Hofladen und auf der Grünen Woche gibt es zudem verschiedene Nudelkreationen, Wurst im Glas von den hofeigenen Schweinen oder Apfel- und Birnensaft von Früchten, die auf den Streuobstwiesen des Gutes gesammelt werden. Ein Liter Apfelsaft kostet 2,50 Euro, 170 Gramm Leberwurst werden für drei Euro angeboten. „Das Interesse der Verbraucher an den nachhaltig produzierten Lebensmitteln ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen“, sagt van Schoonhoven den PNN. Das merke er vor allem nach der Grünen Woche: Immer mehr Anfragen, wo man die Produkte kaufen kann, seien in den vergangenen Jahren in den Tagen nach der Messe gekommen.

Reinahrd Schmidt (l.) und Toni Geißhirt informieren über die kleinere Feier statt des Blütenfests in Werder (Havel) dieses Jahr. Foto: Enrico Bellin Vergrößern
Reinahrd Schmidt (l.) und Toni Geißhirt informieren über die kleinere Feier statt des Blütenfests in Werder (Havel) dieses Jahr. © Enrico Bellin

Für die Vermarktung – ein Zweig, der einigen brandenburger Öko-Betrieben noch Probleme bereitet – nutzt van Schoonhoven Synergien: Zu seinem Firmenverbund gehört neben dem Gut Schmerwitz auch der Vermarkter Werder Frucht. Das mache es einfacher, die Produkte aus dem Fläming in die Supermarktregale der Hauptstadtregion zu bringen. Auch aus ökologischer Sicht sei das sinnvoll: Wenn der Lastwagen aus dem zentralen Lager in Groß Kreutz die Supermärkte im Fläming beliefert, nimmt er auf dem Rückweg die Produkte aus Schmerwitz mit. Das vermeidet van Schoonhoven zufolge Leerfahrten.

Viele haben Fragen zur Baumblüte

Doch es sind nicht nur die großen Produzenten, die in der Mittelmark nachhaltig arbeiten, sagt Steffie Marquardt von der Wirtschaftsförderung des Landkreises. „Viele Höfe haben inzwischen eigene Läden, das sorgt für kurze Wege zum Verbraucher.“ Landwirte würden Ackerflächen in Blühstreifen umwandeln, um Insekten mehr Lebensraum zu bieten. Und mehr und mehr Höfe würden auch auf bio-zertifizierte Produktlinien setzen, etwa der Beelitzer Syringhof mit seinen Kürbisprodukten. Dabei sei Nachhaltigkeit keine neue Erscheinung: „Im Landkreis gibt es spannende Unternehmen, in Wittbrietzen etwa werden Flächen im Naturpark Nuthe-Nieplitz bewirtschaftet. Das funktioniert seit Jahren gut“, so Marquardt. Auch der Werderaner Wein werde nachhaltig produziert: So hat Winzer Manfred Lindicke zwei Drittel seines Weinberges mit pilzresistenten Sorten bepflanzt, sodass kaum Pestizide eingesetzt werden müssen. Allerdings haben diese Weißweine, etwa der Pinotin oder der Muskaris, Lindicke zufolge beim Kunden noch nicht die nötige Bekanntheit erlangt.

Erfahren haben viele Obstweinfreunde jedoch aus den Medien, dass das Baumblütenfest in diesem Jahr ausfällt. Am Stand des Obst- und Gartenbauvereines werden sie über die Feier auf den Plantagen vom 25. April bis zum 3. Mai informiert. Vereinschef Reinhard Schmidt gibt zudem Auskunft über den Anbau in der Region: „Viele Höfe setzen auf die wassersparende Tröpfchenbewässerung ihrer Plantagen, zudem halten sich die Obstbauern auch Wildbienen zur Bestäubung“, so Schmidt. Durch den Einsatz alter Obstsorten etwa bei Obsthof Deutscher würde auch die Biodiversität erhalten.

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Das Obst der Region verarbeitet auch Toni Geißhirt zu Wein, der am Stand für 50 Cent pro kleinem Becher verkostet wird. Begonnen hat der 23-Jährige vor Jahren im Haus der Eltern, inzwischen hat er im Groß Kreutzer Ortsteil Jeserig eine Produktionsstätte eingerichtet. Dort tüftele er gerade an einem neuen lokalen Produkt: Secco, also Perlwein, aus Obst und Gewürzen. Den könnte es dann auf der Grünen Woche 2021 geben.


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