In Potsdam-Mittelmark sind die Unterkünfte für Geflüchtete, wie das "Haus Polygon" in Michendorf, ausgelastet. Foto: Andreas Klaer
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Flüchtlinge in Potsdam-Mittelmark Landkreis plant Gemeinschaftsunterkunft in Schmerwitz

Der Landkreis will in einer ehemaligen Seniorenresidenz bis zu 224 Geflüchtete unterbringen. Doch Kritiker befürchten, dass eine Aufnahme in diesem Umfang das nur wenige Einwohner zählende Schmerwitz überfordern würde.

Wiesenburg – Die Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark plant in Schmerwitz in der Gemeinde Wiesenburg/Mark nach Möglichkeit noch in diesem Frühjahr eine Gemeinschaftsunterkunft für bis zu 224 Geflüchtete einzurichten. Das geht aus einer Beschlussvorlage hervor, über die am 21. Januar im Sozialausschuss beraten werden soll. Hintergrund ist, dass der Landkreis in diesem Jahr mehr als 450 Geflüchtete aufnehmen muss. Doch die bestehenden Gemeinschaftseinrichtungen und dafür vorgesehene Wohnungen sind bereits ausgelastet.

In den anderen Unterkünften ist keine weitere Aufnahme mehr möglich

Dem Antrag zufolge sollen noch in diesem Frühjahr in insgesamt drei Gebäuden - eine ehemalige Seniorenresidenz sowie ein benachbartes ehemaliges Hotel - bis zu 224 Menschen untergebracht werden. Zuerst hatte die "Märkische Allgemeine Zeitung" über die Pläne berichtet. Der Kreis will die drei Gebäude vom Eigentümer, der Domus Verwaltungs- und Vermietungs-GmbH, für fünf Jahre anmieten. Dafür plant die Verwaltung Ausgaben in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro ein.

Der Kreis ist laut Prognose dazu verpflichtet, in diesem Jahr rund 256 Geflüchtete aufzunehmen. Hinzu kommen 212 Personen, deren Aufnahme im vergangenen Jahr nicht erfolgen konnte, wie es in dem Antrag heißt. Nach Angaben des Fachbereiches Soziales leben in Potsdam-Mittelmark derzeit rund 1929 Geflüchtete in kreiseigenen Gemeinschaftsunterkünften sowie in angemieteten Objekten und Einzelwohnungen. So sind etwa im Haus Polygon in Michendorf, dem ehemaligen Sens-Convent Hotel in der Potsdamer Straße 96, aktuell 263 Menschen untergebracht. Mit den derzeit vorhandenen Kapazitäten sei eine weitere Aufnahme nicht mehr möglich, heißt es in der Beschlussvorlage. Rund 220 Plätze würden fehlen, die derzeitigen Kapazitäten seien zu fast 100 Prozent ausgelastet. Im vergangenen Jahr drohte das Land Brandenburg bereits mit einer Sonderzuweisung, falls der Landkreis seine Aufnahmequote weiterhin nicht erfüllen kann.

Schmerwitz verfüge nicht über die nötige Infrastruktur

In den drei Häusern in Schmerwitz könnten sowohl alleinstehende Flüchtlinge als auch Familien untergebracht werden, heißt es in dem Antrag. Darüber hinaus verfüge die Gemeinde Wiesenburg über zahlreiche freie Kitaplätze. Die geplante Unterkunft selbst sei wochentags gut an den ÖPNV angebunden. Zudem werde derzeit ein Radweg gebaut, der Schmerwitz an Bad Belzig und Wiesenburg anschließe.

Wiesenburgs Bürgermeister Marco Beckendorf (Die Linke) erklärte in einer auf der Webseite seiner Gemeinde veröffentlichten Stellungnahme, dass eine Aufnahme in diesem Umfang für den kleinen nur rund 250 Einwohner zählende Gemeindeteil Schmerwitz keine gute Idee sei. Die Gemeinde Wiesenburg sei stets offen und sei auch weiterhin froh, dem Landkreis bei der Aufnahme von Geflüchteten zu unterstützen, so Beckendorf. So habe die Gemeinde unter anderem in den vergangenen zwei Monaten drei Familien mit acht Kindern aufgenommen. 

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Große Gemeinschaftsunterkunft könnte Schmerwitz überfordern

Schmerwitz liege jedoch nicht zentral. „Der Ort verfügt nicht über die nötige Infrastruktur und die Einwohnerzahl würde sich schlagartig verdoppeln“, sagte Beckendorf in seiner Stellungnahme. Erfahrungen hätten gezeigt, dass eine Gemeinschaftsunterkunft dieser Größenordnung in der ländlichen Peripherie keine Option mehr sein sollte. Aber Schmerwitz verfüge über freie Plätze in den Kitas und an den Schulen und es sei eine Herzensangelegenheit, den Geflüchteten den freien Zugang zu Bildung zur Verfügung zu stellen. „Unser Angebot ist daher, mit dem Gremien des Landkreises und weiteren Städten und Gemeinden darüber zu beraten, wie eine Aufnahme angemessen erfolgen kann“, so Beckendorf.

Auch die Kreistagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen kritisierte die Pläne in einer Pressemitteilung. Sie fordert unter anderem eine Obergrenze in Höhe von 10 bis 30 Prozent beim Verhältnis zwischen der Anzahl der Einwohner eines Ortes und den vor Ort unterzubringenden Geflüchteten, um keine Gemeinde zu überfordern. Die geplante Gemeinschaftsunterkunft mit 224 Geflüchteten könne die Integrationskapazitäten von Schmerwitz komplett sprengen, so die Fraktion. 

Großunterkünfte förderten Konflikte, Depression und Infektionen

Grundsätzlich seien Gemeinschaftsunterkünfte zur Unterbringung von Geflüchteten nicht mehr zeitgemäß. Sie würden Konflikte, Depression und Infektionen befördern und verhinderten Autonomie und Integration, so die Fraktion. Zudem würden sie die gesunde Entwicklung von Kindern gefährden und in Pandemie-Zeiten ein besonderes Risiko darstellen. Die Grünen fordern den Landkreis auf, seine Bemühungen um geeignete Unterkünfte intensivieren. Das Unterbringungsmöglichkeiten fehlen, sei der Verwaltung schon seit Jahren bekannt. Daher sollten neue Wege diskutiert werden. So könnte der Landkreis nach Ansicht der Grünen zum Beispiel verbindlich für eine bestimmte Zeit Wohnraum in den Gemeinden anmieten, so dass die Gemeinden in die Lage versetzt würden, sozialen Wohnraum zu schaffen, heißt es in der Pressemitteilung.


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