Was tun im Ernstfall? Helfer:innen von DRK und DLRG bereiten sich in Werder (Havel) auf einen Einsatz vor.  Foto: Andreas Klaer,PNN,Tsp
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Durch Corona-Unsicherheiten vertrieben Hilfsorganisationen ringen um Ehrenamtliche

Vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie wenden sich viele Freiwillige von Hilfsorganisationen ab. Die sind auf aktive Mitglieder angewiesen.  

Werder (Havel) - Es ist halb elf Uhr vormittags. An diesem Samstag könnte man bei Sonne und warmen Temperaturen am See entspannen, mit der Freundin oder dem Freund frühstücken, den Einkauf erledigen oder einfach nichts tun. Für Hanno Zander, den technischen Einsatzleiter der Ortsgruppe Werder (Havel) des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), sind das keine Optionen. Mit anderen Ehrenamtlichen steht er in der Einsatzhalle der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in der Mielestraße in Werder. Knapp drei Stunden werden die Helfer:innen heute damit verbringen, in voller Einsatzmontur mit festen Schuhen und Helm ein Zelt für einen Einsatz bei einem Großschadensereignis aufzubauen. Davon spricht man, wenn mehr als sieben Menschen verletzt worden sind.

In Brandenburg engagieren sich laut Staatskanzlei mehr als 800 000 Menschen in einem Ehrenamt. Das ist fast jeder Dritte. Sie helfen bei großen Unfällen, Flutkatastrophen, Waldbränden oder sind auf Veranstaltungen im Einsatz. Wie groß ihre Bedeutung ist, lässt sich etwa an der Zahl der Feuerwehrleuten im Land ablesen: Laut Landesfeuerwehrverband sind von knapp 40 000 Feuerwehrleuten mehr als 38 000 ehrenamtlich dabei.

Einsatzbesprechung. Einsatzleiter Hanno Zander erklärt, worauf es beim Einsatz ankommt.  Foto: Andreas Klaer,PNN,Tsp Vergrößern
Einsatzbesprechung. Einsatzleiter Hanno Zander erklärt, worauf es beim Einsatz ankommt.  © Andreas Klaer,PNN,Tsp

Doch was nach einer Vielzahl an Ehrenamtlichen klingt, trügt. Gerade Hilfsorganisationen haben seit Beginn der Coronapandemie viele Engagierte verloren. Da Einsätze mangels Veranstaltungen ausfielen und es Unsicherheiten bei der Teststrategie gegeben hat, gingen so manche Helfer:innen weg, berichten Ehrenamtliche. 2020 zählte beispielsweise der DRK-Landesverband 5698 aktive Ehrenamtliche, 2021 waren es nur noch 5144, berichtet Marie-Christin Lux, Sprecherin beim DRK Brandenburg. Auch die Zahl der Förderer habe innerhalb eines Jahres abgenommen. Leisteten 2020 noch 39 926 Personen finanzielle Hilfe, waren es 2021 nur noch 38 628.

"Viele bleiben heute nicht mehr an einem Ort"

Hinzu kommt, dass sich die Lebenssituation vieler Menschen verändert hat, sagt Marie-Christin Lux. „Viele Menschen bleiben heute nicht mehr ihr Leben lang an einem Ort. Studium oder Jobwechsel ziehen sie in andere Städte oder sogar ins Ausland.“ Daher blieben die Helfer:innen auch nicht mehr dauerhaft bei einer Hilfsorganisation.

Hanno Zander, Zugführer beim DRK und Übungsleiter macht seinen Helferjob auch nach vielen Jahren gern.  Foto: Andreas Klaer,PNN,Tsp Vergrößern
Hanno Zander, Zugführer beim DRK und Übungsleiter macht seinen Helferjob auch nach vielen Jahren gern.  © Andreas Klaer,PNN,Tsp

Bernd Anders, der im kommenden Jahr sein 50. Jubiläum bei der DRK-Ortsgruppe Werder feiern wird, führt beim Einsatz am Samstag in der DLRG-Halle noch einen anderen Grund an. Früher habe man noch über die Familie Nachwuchs rekrutieren können. „Da hat die Mutter schon beim DRK gearbeitet. Die Kinder wurden dann quasi damit groß“, sagt er. Heute hingegen gestalte sich die Suche nach Helfenden schwieriger. „Wir können jeden und jede gebrauchen.“

Friederike Tiedemann, die ebenfalls an der Übung teilnimmt, ist seit einem Jahr bei der DRK-Ortsgruppe Werder. Für die 22-jährige Lehramtsstudentin ist das Ehrenamt „mehr als nur ein Hobby“, sagt sie. „Ich nehme viel für mich mit. Die Einsätze sind immer aufregend, man ist auf coolen Festivals und die Arbeit im Team macht Spaß!“ Tiedemann wollte sich wie viele andere beim DRK für Menschen engagieren. In der Uni entdeckte sie den Aushang der Organisation am Schwarzen Brett. Ein paar Mails später fand das Treffen mit der Ortsgruppe in Werder statt. Das war vor einem Jahr. Ihre Helfergrundausbildung, die die Ehrenamtler:innen absolvieren müssen, macht sie am Wochenende. Für sie stehe fest: Sie möchte möglichst lange beim DRK bleiben.

Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen

Doch damit ist sie eher die Ausnahme als die Regel. „Viele sind erstmal interessiert und machen mit. Aber nach ein paar Monaten verlassen sie uns wieder“, sagt der 44-jährige Jens-Uwe Ernicke, der in der Technikeinheit der DRK-Ortsgruppe Werder ist. Der Familienvater ist seit fast 20 Jahren im Einsatz. Damals sei er neu in Potsdam gewesen und habe Anschluss finden wollen. „Wir sind wie eine große Familie, nicht nur im Dienst. Wir helfen uns auch privat.“ Flüsternd fügt er hinzu: „Hier entstehen sogar Beziehungen oder ganze DRK-Familien, das ist wie eine gute Singlebörse.“ Man verbringe viel Zeit zusammen. Wenn auch der Partner oder die Partnerin ein Ehrenamt hat, könne das helfen, sagt er. Denn man müsse Verständnis mitbringen. Für den Einsatz beim DRK gehe viel Zeit drauf. „Ich bin fast jedes Wochenende im Einsatz.“ Seine Frau hat Ernicke allerdings nicht beim DRK kennengelernt. Sie und die Kinder hätten sich dennoch damit arrangiert.

Ramona Mai leitet die DRK-Bereitschaft Bad Belzig, das Team von ehrenamtlichen Sanitäter:innen. Auch sie erzählt am Telefon, wie schwer es sei, neue Menschen für die Aufgabe zu gewinnen. „Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, seine Freizeit zu opfern.“ Und man müsse auch ins Team passen. Daher durchlaufe jeder Neuzugang erst einmal eine rund sechsmonatige Probezeit. Erst dann beginne die Ausbildung, die an den Wochenenden angeboten werde. „Manche können es überhaupt nicht nachvollziehen, warum ich das mache. Andere hingegen sehr gut.“ Meist laufe vieles über „Mund-zu-Mund-Propaganda“, erzählt Mai. Aber man müsse auch aktiv auf die Menschen zugehen ob im beruflichen oder im privaten Umfeld. So habe die medizinische Fachangestellte zum Beispiel eine junge Frau in der Kinderarztpraxis angesprochen, in der sie arbeite. Das sei nun schon einige Zeit her. „Sie ist bis heute dabei geblieben.“

Aber ist ein Ehrenamt neben einer Vollzeitstelle überhaupt machbar? „Ist es“, sagt Mai. „So mache ich es ja auch und viele andere.“ Es sei nicht streng, man müsse nicht bei jedem Einsatz dabei sein. Die größte Gruppe der hinzustoßenden Ehrenamtlichen sei zwischen 18 und 40 Jahre alt. Bewerben könne man sich ab 16 Jahren. „Stehen Prüfungen an der Uni oder bei der Arbeit an, gehen die vor. Job und Ausbildung gehen immer vor“, sagt Mai. „Erst dann kommt das Ehrenamt.“ Mai selbst ist seit sieben Jahren beim DRK. „Vorher waren die Kinder klein, dann kam das Enkelkind. Dann wollte ich endlich etwas für mich machen“, sagt die Bad-Belzigerin. Etwas für mich machen, das heißt beim Ehrenamt, anderen Menschen zu helfen.

Das zeigt auch die 40-jährige Franziska Schulz, die im Einsatzzelt mit anpackt. Sie ist Mutter von vier Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren. 32 Stunden arbeitet sie als Krankenschwester im Spät- und Nachtdienst. In ihrer Freizeit ist sie komissarische Technische Leiterin Einsatz beim DLRG, Ortsgruppe Borkheide. „Es ist schon viel“, sagt sie. Sie denke darüber nach, Ende des Jahres vielleicht aufzuhören. „Aber ich mache es ja doch nicht. Es macht ja sonst keiner“, sagt sie, und lacht. „Ich mache das echt gerne.“

Spaß haben trotz Anstrengung

Immer wieder wird am Samstag in der Einsatzhalle in Werder gelacht. Obwohl es heiß ist unter den schweren Helmen. Inzwischen steht das Zelt. Trageliegen, Kisten mit Verbandsmaterial und weiteren medizinischen Geräten sind eingeräumt. Beim Abbau kugeln die Helfer:innen sich über die Zelthülle, um die Luftmaße rauszuquetschen. „Das machen wir natürlich beim Einsatz nicht“, sagt Zander. Er will nicht verraten, wie lange er schon beim DRK ist. Aber er will nicht aufhören. „Ich werde wohl auch während der Rente weitermachen. Wenn man erst einmal länger als fünf Jahre dabei ist, wird man süchtig“, sagt er. Wenn man Zander fragt, warum er das Ehrenamt ausübe - trotz Freizeitverlust und einer minimalen Aufwandentschädigung, die gerade einmal die Fahrtkosten deckt - antwortet er: „Warum nicht?“

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