Vor dem Lock-Down. Auch Neuseeland ist vom Coronavirus betroffen, zuletzt gab es dort 102 bestätigte Fälle. Foto: dpa
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Coronakrise verdirbt Traumreise Mittelmärkisches Ehepaar sitzt in Neuseeland fest

Es sollte eine Traumreise werden, doch sie entpuppt sich als Albtraum. Denn auch in Neuseeland geht aufgrund des Coronavirus nichts mehr. Jetzt hoffen die Senioren auf die groß angelegte Rückholaktion der Bundesregierung. 

Wilhelmshorst - 20 Jahre haben sie auf die Reise gespart. Der große Traum eines Wilhelmshorster Ehepaars: Neuseeland. Als das Paar, sie 66, er 68 Jahre, am 6. März in einen Flieger nach Auckland steigen, ahnen sie nicht, dass sie rund drei Wochen später in ihrem Traumland festsitzen werden. 

18.000 Kilometer von zuhause entfernt

Die Tochter des Wilhelmshorster Ehepaars, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat sich vor wenigen Tagen verzweifelt an die PNN gewandt. „Ich weiß nicht, wie lange meine Eltern noch durchhalten, mein Vater benötigt Blutdrucktabletten. Meine Mutter ist am Boden zerstört“, schreibt die 40-jährige Marleen Metting aus Werder (Havel). Der Urlaub der Eltern, „der der schönste ihres Lebens werden sollte, hat sich in ein Horrorszenario verwandelt“.

Marleen Metting, die Tochter des Wilhelmshorster Ehepaars.  Foto: privat Vergrößern
Marleen Metting, die Tochter des Wilhelmshorster Ehepaars.  © privat

Marleen Metting und ihre in Potsdam lebende Schwester versuchen seit Tagen alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Eltern zurückzuholen. Sie haben ihre Namen auf die Rückholliste der Bundesregierung geschrieben, ebenso auf eine Liste namens ElefanD, die Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland.

Die Probleme für das Ehepaar beginnen mit der Stornierung ihres ursprünglich für 3. April geplanten Rückflugs und des Hotels durch den Reiserveranstalter. Seither sitzt das Ehepaar mit seinen Koffern so gut wie auf der Straße. Geblieben ist ihnen nur noch der Mietwagen, den sie aufgrund der verschärften Maßnahmen im Kampf gegen Corona eigentlich schon hätten zurückgeben müssen.

Ab Donnerstag tritt kompletter "Lock-Down" in Kraft

Neuseeland hat nach Zahlen der WHO (Stand Montag) 102 bestätigte Coronafälle. Das Land hat bereits Stufe 3 eines vierstufigen nationalen Covid 19-Notfallplans ausgerufen. Auch in Neuseeland sollen die Menschen zuhause bleiben, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen. Es fahren keine Taxis mehr, Pensionen und Hotels sind seit dem gestrigen Dienstag geschlossen. Ab morgen gilt Stufe 4 des Notfallplan: Der komplette „Lock-Down“ tritt in Kraft. Jedermann ist zur häuslichen Isolation verpflichtet. Geöffnet sind nur noch Supermärkte und Apotheken. Und mittendrin das Ehepaar aus Wilhelmshorst.

Wo werden wir heute Nacht schlafen?

Sie treibt seit Tagen die Sorge um, wo sie Nacht für Nacht unterkommen werden. Bisher klapperten sie Pensionen und Hotels ab, fanden nach langer Suche doch noch immer einen Schlafplatz. „Meine Mutter sagt, sie würde sich wie ein Alien fühlen“, erzählt die Tochter. Der Vater würde aus Sorge nichts mehr essen wollen. Nicht nur die Eltern sind mit den Nerven am Ende, auch die Töchter leiden: „Ich würde sofort nach Neuseeland fliegen und meine Eltern da raus holen, aber mir sind hier die Hände gebunden“, sagt Marleen Metting.

Grenzen geschlossen, Flugverbindungen eingestellt

Wann die Eltern wieder nach Deutschland kommen, ist derzeit völlig offen: Um die Rückkehr zu forcieren, hat Marleen Metting für ihre Eltern kurzfristig noch einen sehr teuren Flug nach Deutschland gebucht. Er soll eigentlich am morgigen Donnerstag starten. „Es war der letzte Flug, der wählbar war.“

Das Problem: Neuseeland und auch Australien, wo das Ehepaar in eine Maschine nach Deutschland hätte umsteigen sollen, haben bereits seit Freitag ihre Grenzen geschlossen. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern sagte am Freitag, Bürger, die zurückkehren wollten, müssten sich beeilen. Viele Fluggesellschaften stellten bereits kurze Zeit später ihre Verbindungen ein.

Verzweifelt hat sich Marleen Metting an das Auswärtige Amt in Berlin und die Deutsche Botschaft in Wellington gewandt. Deren Antwort ist ernüchternd: Urlauber aus Neuseeland zu holen werde noch Monate dauern, da es logistisch derzeit nicht möglich sei, wird ihr gesagt. Es würde an Flugzeugen, Besatzung und Catering fehlen. Der kurzfristig gebuchte Rückflug am Donnerstag sei laut der Deutschen Botschaft „verloren“.

„Auf meine Frage, wo meine Eltern denn jetzt bleiben sollen, konnte die Botschaft mir keine Antwort geben.“ Der kranke Vater sollte einen Hausarzt kontaktieren, mittlerweile ist der Rentner über ein Medical Center an seine notwendigen Tabletten gekommen, berichtet die Tochter, die täglich mit den Eltern in Kontakt steht. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes betont auf Nachfrage gegenüber den PNN: „Unsere Botschaft in Wellington steht bereit, Deutschen in einer – beispielsweise medizinischen – Notlage konsularische Hilfe und Unterstützung zu leisten.“

Deutschland hat mehr als 130.000 Urlauber schon zurückgeholt

Das Wilhelmshorster Ehepaar ist mit seinem Schicksal nicht allein. Die Bundesregierung hat nach Aussagen von Außenminister Heiko Maas (SPD) bislang mehr als 130.000 der geschätzten 200.000 im Ausland festsitzenden Deutschen zurückgebracht. Nach den Haupturlaubsgebieten will sich das Ministerium nun auf abgelegenere Länder konzentrieren.

Am Dienstagnachmittag teilt die Deutsche Botschaft in Wellington überraschend auf ihrer Webseite mit, dass die ersten Rückflüge voraussichtlich ab dem kommenden Wochenende starten sollen. Ein Hoffnungsschimmer für das Paar aus Wilhelmshorst.

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