Wohnen hinter Mauern. Acht Meter hoch ist die Schallschutzwand, die das neue „Johanniter-Wohnquartier“ in Michendorf begrenzt. Das gigantische Bauwerk soll den Zuglärm abhalten. Parallel soll die Wand zur grünen Oase, einem vertikalen Garten werden.  Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Acht Meter hohe Schallschutzwand Im Schatten der Michendorfer Mauer

Acht Meter hohe Wand sorgt für Aufsehen in der Gemeinde. Sie soll Lärm abhalten – und ein Garten werden.

Michendorf - Die Mauer ist wieder da. Schauplatz ist die Gemeinde Michendorf. Wer vom Bahnhof ein Stückchen die Straße hochläuft, steht rechterhand direkt davor. Die Dimensionen wirken gigantisch: Acht Meter hoch ist das Bauwerk, das sich entlang eines Grundstücks erstreckt. Selbst die riesigen Baukräne dahinter wirken wie ein Spielzeug. Rundherum schlängeln sich einige Efeuranken an dem Gitter empor, das die grau-grüne Anlage ummantelt. Was soll das? Nun, die auf den ersten Blick kurios anmutende Wand steht aus gutem Grund da: Sie soll den Lärm von den wenige Meter davor liegenden Bahnschienen abhalten und gleichzeitig ein Stück Natur direkt vor die Haustür des dahinter liegenden Grundstückes bringen.

Die „Wand“ ist nämlich eine sogenannte vertikale Grünanlage mit Schallschutzwirkung, wie Jörg Kuttig, Geschäftsführer der JKT Real Estate Development GmbH aus Berlin, auf Anfrage den PNN erklärte. Quasi ein in die Höhe wachsender Garten. Wenn alle Pflanzen ausgewachsen sind, wird die Mauer eher wie eine große Hecke aussehen, mit vielen farbenfrohen Gewächsen dazwischen, so zeigt es eine Visualisierung des Bauvorhabens, das auf dem Grundstück dahinter gerade umgesetzt wird. 

Auflage des Landesamtes für Umwelt

Wie berichtet, entwickelt das Unternehmen auf dem Grundstück am Schwalbenweg 2 das Johanniter-Quartier, das Platz für Senioren, Kita-Kinder und Pflegebedürftige bieten wird. Der Bau der Lärmschutzvorrichtung, die sich über die gesamte Grundstückslänge an der Bahnstraße erstreckt, war eine Auflage des Landesamtes für Umwelt und wurde bereits im Bebauungsplan festgeschrieben.

Platz für Kita-Kinder und Senioren. Im Schutz der Acht-Meter-Mauer befinden sich bald barrierefreie Wohnungen und eine Kita.  Visualisierung: JKT Real Estate Development GmbH Vergrößern
Platz für Kita-Kinder und Senioren. Im Schutz der Acht-Meter-Mauer befinden sich bald barrierefreie Wohnungen und eine Kita.  © Visualisierung: JKT Real Estate Development GmbH

Doch wie Kuttig erklärte, habe das Unternehmen die Auflage gern umgesetzt, da die Grünanlage mehrere Vorteile biete. So schütze sie nicht nur vor Schall, der vom Bahnverkehr ausgeht, sondern stelle auch ein Biotop zum Beispiel für Wildbienen und Singvögel dar. Zudem sei sie gut für das Klima, da sie Kohlendioxid und Feinstaub binde und sie spende zudem Schatten, was in wärmeren Sommern gerade für Kinder und Senioren wichtig sei, so Kuttig.

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Auf dem Grundstück sollen bis zum Herbst eine Kita für 92 Kinder, 57 barrierefreie Wohnungen für Senioren mit zusätzlichen Gemeinschaftsräumen, Serviceangeboten, eine Tagespflege mit 17 Plätzen sowie Räume für einen Ambulanten Pflegedienst entstehen. Die Kita, die Tagespflege und die Räume für den Ambulanten Pflegedienst werden von der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. genutzt, teilte Jörg Kuttig mit. Die Wohnungen vermietet das JKT-Unternehmen an Senioren. Die Gebäude befänden sich derzeit im Rohbau, teilte Kuttig mit. Ihr Ausbau sowie der Bau der Außenanlagen sollen noch folgen. Zehn Wohnungen wurden bereits vermietet, drei seien reserviert. Eine Musterwohnung werde im Frühjahr fertig sein.

46 Züge in der Nacht 

Bereits im Rahmen des B-Planverfahrens für das Vorhaben hatte das Landesamtes für Umwelt ein schalltechnisches Gutachten erstellen lassen, in dem der Schallpegel und der zu erwartende Verkehrslärm ermittelt wurde. Grundlage bildeten dabei auch Daten, die als Prognose für das Jahr 2025 von der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellt wurden, wie es im B-Plan heißt. Demnach werden im Jahr 2025 auf der Bahnstrecke voraussichtlich insgesamt 138 Züge, Regional- und Güterzüge, am Tag und 46 Züge in der Nacht fahren. Die Untersuchungen zeigten, dass der Verkehrslärm die geltenden schalltechnischen Orientierungswerte für ein Allgemeines Wohngebiet insbesondere nachts deutlich überschreiten würden.

Gegenüber der benachbarten Wohngebiete war bereits eine Lärmschutzwand an der Bahnstrecke errichtet worden. Aus Platzgründen konnte dieser Schutz nicht gegenüber dem Johanniter-Quartier verlängert werden. Stattdessen musste eine neue Anlage auf dem Grundstück umgesetzt werden.

Edelstahlgeflecht und filzartige Matten

Wie Kuttig erklärte, bestünde die vertikale Grünanlage im Prinzip aus einem großen Haufen Muttererde, der durch ein Edelstahlgeflecht und filzartige Matten in Form gehalten wird. Sie wurde mit über sechshundert Pflanzen bepflanzt. Wie immergrünes Efeu und immergrünes Geißblatt, die oben und unten wachsen. Sie würden dafür sorgen, dass die Anlage nie kahl wirke, so Kuttig. Auch andere Pflanzen wie Geißblatt , Kletterhortensien, wilder Wein und Ramblerrosen in drei verschiedenen Farben wurden gepflanzt, so dass wenn alles blüht, die jetzt noch nicht sehr hübsch anzusehende „Wand“ auch schön aussehen soll.

Bürger aus der Umgebung nennen die Lärmschutzwand scherzhaft „die Mauer von Michendorf“. Doch so richtig zu stören scheint sich keiner an der Anlage. Bislang habe es keine Beschwerden gegeben, hieß es aus der Gemeindeverwaltung. Und auch der JKT Real Estate Development GmbH sind bislang keine Einwände bekannt. Der B-Plan mit der Lärmschutzanlage habe zweimal zur Beteiligung der Bürger öffentlich ausgelegen, teilte Kuttig mit. „Mir sind weder aus dieser Zeit noch aus der Bauzeit Beschwerden bekannt. Warum auch sollte es Beschwerden geben? Die Anlage ist eine gute Sache für alle!“, so Kuttig.

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