Gefühl- statt kraftvoll - das war ein wichtiges Mittel des SCP-Teams um Sofia Medic beim Duell mit Dinamo Kazan.  Foto: Gerhard Pohl
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Ein Kommentar Potsdam ist eine Sportstadt mit Abstrichen

Fluch der Sportstadt Potsdam: PNN-Sportredakteur Tobias Gutsche über wenig Resonanz auf den Potsdamer Zuschauerrängen.

Potsdam - Potsdam rühmt sich gern, eine Sportstadt zu sein. Dieser Ruf hat durchaus seine Berechtigung, weil hier viele Menschen sportlich aktiv sind – und das auch noch sehr erfolgreich, wie mehr als 100 olympische Medaillengewinne sowie etliche nationale Top-Platzierungen von Mannschaften belegen. Doch in einem Punkt fehlt es Potsdam an Sportstadt-Qualität: Wenn es um die Begeisterung für die erbrachten Leistungen der Teams geht, die Resonanz auf den Rängen. Die Volleyball-Europapokalpremiere des SC Potsdam am Mittwoch gegen Dinamo Kazan machte das einmal mehr deutlich.

Lediglich 910 Zuschauer verfolgten das Match in der MBS-Arena, die rund doppelt so viel Kapazität hergibt. Nicht einmal vierstellig bei einem historischen Sportereignis in Brandenburgs Landeshauptstadt. Nicht einmal ansatzweise so viele wie beim Bundesliga-Heimspiel dieser Saison gegen Nawaro Straubing, einen – mit allem Respekt – bestenfalls mittelmäßigen deutschen Verein. Rund 300 Hallenbesucher weniger waren nun da, als der europäische Top-Club aus Russland am Luftschiffhafen aufschlug. Ein Trauerspiel, denn das spektakuläre Duell hätte weit mehr verdient gehabt.

SCP-Sportdirektor Toni Rieger beschwichtigte zwar, Partien am Mittwochabend seien generell schlechter frequentiert. Sicherlich ist der Termin schwierig für diejenigen, die lange arbeiten oder am nächsten Morgen früh raus müssen. Auch ist er nicht familienfreundlich. Doch am Ende muss auch Rieger eingestehen: „In Potsdam können ja quasi alle Vereine ein Lied davon singen, wie problematisch es ist, die Hallen oder Stadien zu füllen.“ Die Clubs investieren viel, betreiben großen Aufwand, um Besucher zu sich zu locken. Bei den meisten stagnieren die Zuschauerzahlen dennoch oder gehen gar zurück. Und das vor dem Hintergrund einer stetig wachsenden Stadtbevölkerung, jüngst wurde die 180.000-Einwohner-Marke geknackt. Das passt nicht zusammen.

Nachlassender Erfolg wie bei Turbine und SV Babelsberg 03 kann eine Erklärung sein. Aber selbst der SCP, der zuletzt von einem Höhepunkt zum nächsten in seiner Clubhistorie jagte, für seine Volleyballerinnen enorm professionell arbeitet und die Werbetrommel ohne Pause rührt, gewinnt kaum an Anziehungskraft hinzu.

Das verdeutlicht den Fluch der Sportstadt Potsdam. Sie ist immer noch verhältnismäßig klein, hat aber so viel zu bieten, dass sich das Bürgerinteresse breit verteilt. Auch weil Besuche bei gleich mehreren Teams kostenintensiv sind. So schauen überall Leute zu, aber nirgendwo außergewöhnlich viele. Daher der Appell an Potsdams Bürger, sich dem Lokalsport mehr zu öffnen – es lohnt sich. Und an die Clubs, die verstärkt mit Kombi-Ticketangeboten kooperieren sollten.

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