Szene aus einer „Soko Potsdam“-Folge. Aktuell wird wieder gedreht. Foto: ZDF und Conny Klein
© ZDF und Conny Klein

Kolumne | PYAnissimo Soko Potsdam oder Rote Bete auf Ex

Babelsberg ist ein gutes Pflaster für die TV-Kommissarinnen - dort gibt es einiges zu ermitteln und viel Potenzial für ein schönes Drehbuch, meint unsere Kolumnistin.

In unserer Straße wurde jetzt für Soko Potsdam gedreht. Endlich! Ich dachte schon, wir kommen nie dran. Hinter meinem Gartenzaun fühlte ich mich wie in der ersten Reihe im Kino, und ich sah die Kommissarinnen vor meinem geistigen Auge in ihren Autos übers Kopfsteinpflaster donnern und am Tatort aussteigen und ermitteln. Aufregend.

Und was für ein Aufwand! Was für ein Riesentross an Personal und Begleitfahrzeugen. Garderoben, Pausenraum, Würstchenbude, Klohäuschen. Hygienestation.… alles da. Auf Rollwagen wurde Zubehör hin und her gekarrt, Statisten standen frierend und stumm und warteten auf ihre Einsätze und am Ende der Straße standen Sicherheitsmänner in dicken Skihosen sich die Beine in den Bauch.

Nachts wurde natürlich auch gedreht. Unsere Nachbarin kennt jemanden, der nur davon lebt, sein Haus in Babelsberg für Dreharbeiten zu vermieten. Und die Frau, die bei ihm gegenüber wohnt, hat wegen der hellen Scheinwerfer Vorhänge für ihr Schlafzimmer spendiert bekommen. Aus dem Filmbudget.

Aufregend, so ein Friseurbesuch

Ich ging, der Termin war Zufall, vor den Dreharbeiten zum Friseur. Beim Friseur war es auch aufregend. Wir hatten so viel Redebedarf! Hinter einem Raumteiler saß jemand, den ich nicht kannte und nicht sehen konnte, aber wir quatschen alle durcheinander. Nach einer Minute waren wir bei allen systemrelevanten Themen: Beziehungen, also häusliche, nervige Kinder, älter werdende Eltern. Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Wer will da noch über Impfungen reden…

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Währenddessen steckten mehrere Bürsten in meinen Haaren, sie piekten und der Fön fauchte mir um die Ohren. Egal. Ich wollte, dass der Friseur nie mit dem Föhnen aufhört. Dann machte er irgendwas ins Haar, das nach künstlicher Wassermelone roch. Ich dachte an Sonnencreme, Flip Flops und freute mich auf die Zeitumstellung. Dieses Jahr brauchen wir die extra Stunde Sonne am Ende des Tages erst recht. Den Abschied vom Friseur zögerte ich heraus: Ich trank im Stehen andächtig den Rest meines Radlers. Zusammen mit der Musik, die gerade lief, fühlte sich das fast an wie in einer Kneipe. Es tat so gut.

Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg. Sebastian Gabsch Vergrößern
Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg. © Sebastian Gabsch

Viel Drehbuch-Potenzial in Babelsberg

Dann ging ich nach Hause. Ich wollte plötzlich gar nicht mehr wissen, was die Kommissarinnen zu ermitteln hatten. Ich dachte: Sie hätten einfach nehmen können, was da ist. Ein Salon mit einem extrovertierten schwulen Friseur, eine Nachbarin mit frischer Föhnwelle. In unserer Ecke gibt es außerdem eine Zahnärztin, einen Hobbybootsbauer, einen Feuerwehrmann, mindestens einen Künstler, drei Bienenvölker, dazu einen Imker, viele Katzen und etliche Hunde mit Haltern, die die Hundehaufen permanent liegen lassen. Das wäre mal was für die Soko Potsdam: rauskriegen, wer so was macht. Nicht zu vergessen die Babelsberger Brandstifter vom Abrissgelände, Punk-Wegelagerei vorm Edeka und stilloses Fußballvereinsgebaren - das hätte alles in allem auch ein schönes Drehbuch ergeben.

Aber so lange deshalb kein Mord passiert – bleibt Babelsberg nur Kulisse. Ich stellte mich trotzdem abends ans Fenster, wartete auf die Kommissarinnen, die nicht kamen, und trank ein Glas Rote-Bete-Saft auf Ex. Das sah sehr theatralisch aus. Man muss manchmal einfach machen, was geht.

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