Einen Tag nach dem Mauerfall wurde die Glienicker Brücke wieder für jeden geöffnet. Foto: PNN / Ottmar Winter
© PNN / Ottmar Winter

Wenderoman eines Potsdamer Autors Auf der Suche nach dem verlorenen Gelb

Magdalena Schmieding

Der neue Roman von Hannes Hansen erzählt von Heimat, zerrissener Liebe und dem Wagnis eines Neuanfangs.

Georg ist traurig. Seit Jahren quält er sich durch seine nur noch auf dem Papier bestehende Ehe, geht halbherzig seinem Beruf als erfolgreicher Kunsthändler nach, entfremdet sich mehr und mehr von seiner Tochter. Etwas fehlt ihm. Was, das weiß er selbst nicht so genau. Es ist eine unbestimmte Leere, ein Sehnen, das ihm seit Jahrzehnten den Schlaf raubt, und dessen er sich durch einen radikalen Schritt entledigen will.

Viele Jahre zuvor, kurz vor dem Bau der Mauer, flieht Georg vor dem drohenden Militärdienst aus seiner Heimat Potsdam nach Westberlin. Seine Kindheits- und Jugendliebe Friederike muss er zurücklassen, da sie ihre krebskranke Großmutter pflegt und zu lange mit der Ausreise zögert. Sie verspricht nachzukommen, doch schafft es nicht. Er verliert den Kontakt zu ihr, zu seiner Familie, zu seinem Leben in der DDR. In der Bundesrepublik studiert er Kunstgeschichte, lernt seine zukünftige Frau kennen, verdient schnell gutes Geld und vergräbt seine Vergangenheit tief in sich.

Foto: promo Vergrößern
© promo

Hannes Hansen, der als Reise- und Kulturjournalist arbeitet, schreibt einfach, aber lebendig. Der Potsdamer erzählt in seinem knapp 140 Seiten zählenden Roman die Geschichte einer auseinandergerissenen Liebe und des Versuchs, sie nach vielen Jahren der Veränderungen und der Entfremdung wieder aufleben zu lassen. Gleichzeitig erzählt er über den Verlust der Heimat, für die das kräftige Gelb, das sich wie ein Leitfaden durch die Erzählung zieht, eine Metapher ist.

Nach der Wende fasst Georg einen Entschluss und reist Hals über Kopf zurück in seine ostdeutsche Heimat und damit in seine Vergangenheit vor dem Mauerfall. Seine Reise nach Potsdam lässt ihn die Emotionen fühlen, denen er sich seit Jahren verschlossen hat: die Trauer über den Tod der Großmutter, Wehmut und pures Glück. Letzteres empfindet er, als er seine Jugendliebe Friederike findet und kurzentschlossen mit ihr einen Neuanfang wagt. Er trennt sich von Frau, Tochter und Job und plant voller Elan, mit Friederike ein Antiquariat für DDR-Literatur zu eröffnen. Ob seine wiedererweckten Gefühle allerdings für ein neues Leben zu zweit in der neuentdeckten Heimat reichen, bleibt abzuwarten.

Rückblick ohne kitschige Nostalgie

Dabei gelingt es Hansen, die verfallene Schönheit Potsdams kurz nach der Wende einzufangen, ohne sich in kitschiger Nostalgie zu verlieren. Über Schuld und Reue schreibt er, über die Endgültigkeit und die Macht der Geschichte. Am schönsten lassen sich die Rückblicke in Georgs Kindheit lesen, wenn Friederike und Georg nachts Aale angeln, mit Wellwurst belegte Brote essen oder Tante Hedda ihnen Pfifferlinge mit Rührei kocht. Tante Hedda ist für den Protagonisten die wichtigste Person seiner Kindheit und zugleich Mutterersatz. In der erzählten Gegenwart schon lange verstorben, erscheint sie in den Retrospektiven durch ihre Sprache als lebendigste Figur des Romans. „Hör uff zu quengeln“, schilt sie ihren Enkelsohn, nur um ihn kurze Zeit später mütterlich mit „is ja jut, mein Kleena“ zu beruhigen. Im Gegensatz zu ihr bleiben andere Figuren, wie beispielsweise seine Jugendliebe Friederike, ein wenig farblos und schwer greifbar.
 

Hannes Hansen: Jenes volle satte Gelb. Grabener Verlag, 2019, 144 Seiten, 16,10 Euro.

Zur Startseite