Von Klaus Büstrin Nicht nur süß und verträumt

Potsdam von 1890 bis 1952: Fotografien aus dem Atelier Eichgrün in einem exzellenten Bilderbuch

Die Schriftstellerin Dorothee Goebeler schreibt über Potsdam: „Sie ist eine Kostbarkeit, diese alte Stadt. Eine Melodie ist sie, süß und verträumt, ein Märchen, aus dem es raunt und flüstert“. Das war in den zwanziger Jahren. Man schwärmte über die Stadt, ihre Ausstrahlung von Schlössern, Parkanlagen, Villen, Plätze oder Wohnhäusern, vor allem aus der Zeit Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelm IV. Und schwärmerisch gerieten oftmals die literarischen Zeugnisse, sei es von Ludwig Sternaux, Georg Hermann oder Dorothee Goebeler. Die Bilder, die mit der Kamera entstanden sind, berichten auch von der Liebe der Fotografen zu ihrer Stadt. Sie machen die Schönheiten sichtbar, tauchen aber neben der Kunst- und Naturbetrachtung auch in den Alltag Potsdams ein und lassen den Betrachter an so manch gesellschaftlichem Ereignis teilnehmen. Fotografen, ob professionell oder Liebhaber, fanden vor der Zerstörung der einstigen Residenzstadt und auch danach Motive in Fülle.

Zu ihnen gehören Ernst Eichgrün (1858-1925) und Walter Eichgrün (1887-1957), die ein Fotoatelier ab Ende des 19. Jahrhunderts bis 1957 in Potsdam betrieben. Eine unübersehbare Anzahl von Potsdam-Ansichten haben sie fotografiert. In ihrem Atelier entstanden auch Porträts und Familienfotos für Alben.

In diesen Tagen erschien eine editorische Kostbarkeit, herausgegeben vom Potsdam Museum, seinem Förderverein und Peter Rogge. „Spaziergänge durch Potsdam“ heißt dieses Bilderbuch und vereint Fotografien aus dem Atelier Eichgrün zwischen 1890 und 1952. Mit dem Buch verbindet sich zugleich ein würdiges Gedenken an Peter Herrmann, der vor einem Jahr, am 4. Oktober 2009, viel zu jung starb. Als Verantwortlicher der fotografischen Sammlung des Potsdam-Museums hatte er sich durch seine große Kompetenz Achtung und Vertrauen erworben. Und so konnte das Museum durch Herrmanns erfolgreiches Wirken so manche fotografische Kostbarkeit erwerben, mit Hilfe von Spendern. Auch den Nachlass des Eichgrün-Ateliers. Peter Herrmann konnte noch eine Ausstellung über die Eichgrüns in Szene setzen. Das Erscheinen des Buches, das er initiierte, erlebte er nicht mehr. Peter Rogge hat es nun in seinem Sinne zur Drucklegung gebracht. Peter Herrmanns Rede mit den biographischen Erkundungen über die Fotografen, die er zur Ausstellungseröffnung 2008 sprach, fand im Bildband ihren gebührenden Platz.

Bei Ernst und Walter Eichgrün trifft Heinrich Heines Äußerung über Potsdam, er habe „dort mit keinem Menschen, sondern nur mit den Statuen im Park Umgang gepflogen“ nicht zu. Das Leben ihrer Zeit haben sie stets eingefangen. In sechs Abteilungen lässt Rogge die einstige Residenzstadt der Preußenkönige lebendig werden. Um sich besser orientieren zu können, werden die fotografierten Orte auf einer historischen Stadtkarte verzeichnet. Jemand aber, der das alte Potsdam neu für sich entdecken will, braucht dafür eine Karte von heute, die leider fehlt.

Natürlich fotografierten die Eichgrüns das Stadtschloss, die Nikolaikirche und ihre Umgebung. Aber auch der pompöse Einzug des Kronprinzenpaares nach seiner Hochzeit, 1905, war ein fotografisches Muss. Die Stadtausflüge der Hohenzollernfamilie mit ihren modernen Automobilen scheinen dagegen Schnappschüsse zu sein. Der Parademarsch vor Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1914, der Besuch Hindenburgs im Großen Militärwaisenhaus (1928), die Rekrutenvereidigung von Truppenteilen (1912) vor der Garnisonkirche machen den Einfluss des Militärs auf Potsdam sichtbar. So gar nicht „süß und verträumt“. Interessant auch jenes Foto von 1933, auf dem Kurt Schumacher (SPD-Vorsitzender von 1946 bis 1952) das militärische Treiben beobachtet. Henning von Tresckow, einer der wichtigen Männer des 20. Juli 1944, ist ebenfalls auf dem Bild zu sehen, als Oberleutnant zu Pferde. Lebhafte Straßenbilder kann man erleben, aber auch die stillen Ecken. Das zerstörte Potsdam ist im Buch nicht zu sehen. Oder gibt es davon keine Eichgrün-Fotos? Dafür aber eines von 1952 am Obelisk am Park Sanssouci. Große Schriftlettern verunzierten ihn DDR-gemäß mit Parolen.

Diese „Spaziergänge durch Potsdam“ halten eindrucksvolle fotografische Zeugnisse einer Stadt parat, die eine wechselvolle Geschichte aufzuweisen hat, veröffentlicht in einem Buch in puncto Herausgabe und Druck von bester Qualität.

Peter Herrmann und Peter Rogge, Spaziergänge durch Potsdam, Herausgegeben vom Potsdam Museum u.a., 24, 80 Euo, nur im Internationalen Buch erhältlich.

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