Klare Position. Martina König denkt am Havelkilometer 27 über solidarisches Miteinander nach. Foto: Manfred Thomas
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Uraufführung am Potsdamer Theaterschiff „Dass wir etwas tun, fühlt sich gut an“

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Martina König leitet das Theaterschiff. Mit der neuen Spielzeit ruft sie zu mehr Zivilcourage auf und geht dabei auch der Frage nach: Was lässt den Menschen anständig sein?

Frau König, das Theaterschiff geht in seiner neuen Spielzeit der Frage nach: Was lässt den Menschen anständig sein? Haben Sie schon eine Antwort gefunden?
 

Durchaus. Es geht vor allem um Zivilcourage. Die zeigen wir exemplarisch in unserem Dokumentartheater-Abend „Der alte Mann und die Zeit“, der am Samstag Premiere hat. Darin geht es um den Havelschiffer Horst Rüder, der die aktuelle Stimmungslage in Deutschland unerträglich findet und feststellt: Das kann nicht so bleiben. Da muss ich was tun.

So wie Sie mit diesem Stück, das nach den Ereignissen von Chemnitz nochmal an Aktualität gewinnt?

Das Konzept reichten wir vor einem Jahr zur Förderung beim Kulturministerium ein, der Geist von Chemnitz lag bereits in der Luft. Mich treibt schon lange die Frage um, was kann ich tatsächlich tun, um diese Demokratie mit dem wunderbaren Grundgesetz zu erhalten. Dass wir nicht wieder Nationalsozialismus und Faschismus bekommen und keine Grenzen mehr geschlossen werden. Das Thema lässt mich nicht mehr schlafen und löst in mir ein tiefes Bedürfnis aus, etwas zu unternehmen in meiner Verantwortung als Künstlerin. Mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen: Dazu fühle ich mich verpflichtet, ja gerufen und berufen.

Wie sind Sie auf das Thema der Havelschiffer gekommen?

Die Havelschifffahrt spielte nach dem Krieg in Potsdam, im Land Brandenburg und in Berlin eine riesengroße Rolle. Die Straßen waren gesprengt, und die Havelschiffer waren so mutig und übernahmen die Versorgung Berlins mit Lebensmitteln und den Abtransport von Schutt. Der Aufbau von Berlin ist der zivilen Courage von einzelnen Familien mit zu verdanken. Auf diese Zivilcourage möchten wir wieder aufmerksam machen. Es ist gewissermaßen eine Liebeserklärung an die Havelschiffer.

Was war daran mutig, Berlin zu beliefern?

Der Krieg war ja noch nicht beendet, als sie begannen, Berlin zu versorgen. Es fielen Bomben, die Schiffe wurden beschossen.

Und diesen Schiffer, Horst Rüder, hat es wirklich gegeben?

Er ist eine Kunstfigur, aber angelehnt an eine reale Schifferfamilie: der von Rainer Röper, der unser Schiff immer treidelt, wenn es in die Werft muss. In dem Theaterabend sind ganz viele Elemente aus seiner Geschichte eingeflossen.

Kommen wir zu den historischen Orten, die in Ihrem Stück eine Rolle spielen. Wie holen Sie die mit an Bord?

Das ist die nächste Ebene, die einfließt: die Erinnerungskultur. Wir liegen als Theaterschiff am Havelkilometer 27. Es ist unfassbar, in welcher Kulisse widersprüchlichster Geschichte wir uns hier befinden: an der Schiffbauergasse, wo der KGB ansässig war, mit dem Haus der Wannseekonferenz, nur wenige Kilometer entfernt, dem Schloss Cecilienhof, dem Grab von Kleist und dem Babelsberger Park, an dessen Ufer die Grenze verlief. Und unser 1924 gebautes Schiff, das jetzt Industriedenkmal ist, wurde tatsächlich von Havelschiffern betrieben: entlang dieser Orte.

Politisch aufgeladene Schauplätze.

Genau. Und darin grübelt der Schiffer, der jetzt zum „alten Eisen“ gehört, über die Schieflage nach, in der wir gerade stecken. In Gedanken reist er zurück in die Zeit des Hitlerfaschismus, in die Jahre des Mauerbaus und des Mauerfalls. Die historischen Orte – das ist der Kunstgriff des Stücks – sprechen im Albtraum zu ihm.

Der Schiffer Horst Rüder (gespielt von Dietmar Nieder) Foto: Stefan Gloede
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Wie begegnete er früher diesen Orten?

Mit dem, was ihm sein Vater und seine Mutter beigebracht hatten. Beide vertraten eine ganz klare politische Position. Der Vater erzählte ihm immer wieder, dass am Wannsee Hitler beschlossen hatte, die Juden zu vernichten. Und die Mutter, die eigentlich Schauspielerin werden wollte, hatte eine ganz enge Beziehung zu Kleist und auch zu Heine. Sie las ihrem Sohn immer wieder aus Michael Kohlhaas vor und zitierte Heine-Gedichte. „Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“

Die gesamte Spielzeit soll sich mit der Frage auseinandersetzen, was ich als einzelner Mensch tun kann, um mein Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Demokratie aktiv mitzugestalten. Was planen Sie noch?

Auf den „Alten Mann“ folgen drei weitere Produktionen, die miteinander verknüpft sind. Sybille Schönemann schreibt an dem Stück „Gewissenhaft“, das der Auftakt einer Trilogie sein wird und im Juni 2019 Premiere hat.

Sybille Schönemann saß im Stasiknast in der Potsdamer Lindenstraße und drehte dazu ihren Film „Verriegelte Zeit“. Worum geht es in ihrem Theatertext?

Er basiert auch auf autobiografischen Erfahrungen und erzählt, wie eine Geschädigte zur Selbstjustiz greift und eine Richterin in Gewahrsam nimmt, die in der DDR Haftstrafen für Republikflucht aussprach und in der Bundesrepublik weiter arbeiten darf – und Entschädigungsanträge von eben diesen Häftlingen ablehnt. Die beiden Folgestücke fragen danach, wie es kommt, dass sich Menschen so verhalten wie diese Richterin. Sie setzen sich mit der Generation der Kinder auseinander und dann mit der Generation der Eltern. Also: Wie werden Lebensmaxime und Ideologien geprägt?

Woraus können die Zuschauer nach Ihrem jetzigen Doku-Theaterabend die Kraft schöpfen, sich selbst zu engagieren?

Das ist gerade eine ganz wichtige Frage. Wir streiten noch um den Schluss des Stückes. Unsere Erfahrung im ganzen Prozess ist, dass jeder Einzelne ganz viel machen kann: in seinem persönlichen Umfeld, in der Familie, beim Einkaufen. Wenn es um neonationalistische und ausländerfeindliche Haltungen geht – und die erlebt man ja derzeit an jeder Ecke – sollte man sich einmischen, ganz klar positionieren, solidarisieren und nachfragen: Stimmt das überhaupt, was ihr da erzählt? Unsere Gesellschaft muss wieder eine Vision bekommen, den Glauben an eine gerechte Gesellschaft. Jeder in seinem kleinen privaten Bereich kann sich dafür stark machen. Das hört sich vielleicht banal an, ist es aber überhaupt nicht. Unser Horst Rüder wird auch nicht aufgeben, sondern sagen: „Ich werde aufpassen und mich einmischen, bei Aldi, beim Bäcker, an der Tankstelle, einfach überall.“

Eine sehr didaktische Ansage.

Vielleicht. Andererseits merken wir, dass es Menschen so konkret gesagt werden muss. Jeder Einzelne sollte ein Multiplikator des Aufpassens und Hinterfragens sein. Es wird ja gerade eine Hysterie entfacht, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat: Die Ausländer werden zur Feindfigur Nummer 1 entwickelt, die die Sozialhilfe wegnehmen.

Gibt es vielleicht zu wenig Aufklärung?

Deshalb verknüpfen wir das Stück mit einer digitalen Plattform, die mit der Premiere online geht. Dort wollen wir Sachinformationen und Hilfsangebote vernetzen und lassen Horst Rüder mit seiner Lebensweisheit weitersprechen.

Wird er nicht zum Helden stilisiert?

In der Art und Weise, wie wir ihn darstellen, wird er ein sehr nahbarer und greifbarer Mensch sein. Er ist kein Held in dem Sinne, sondern ein Havelschiffer, der sich Gedanken macht, dem seine Eltern Anstand, Respekt und Vernunft mitgegeben haben.

Menschen aus der Meute, die brüllen: „Ausländer raus“, werden sicher nicht auf Ihr Schiff kommen.

Das weiß man nicht. Ich erlebe diese Leute auch suchend und fragend. Es sind vielleicht Menschen, die nach dem Fall der Mauer ganz tief gekränkt worden sind. Niemand hat sich für sie interessiert – manche haben 30 Jahre lang keine Arbeit mehr bekommen. Und diese Gefühle landen jetzt bei den Ausländern, an falscher Stelle. Wieso kriegen die was und ich habe nichts gekriegt? Wenn man mit diesen Menschen ins Gespräch kommen kann, ist das eine gute Sache. Ich würde nie alle über einen Kamm scheren. Horst Rüders Vater sagt: „Frage immer genau nach!“

Woraus ziehen Sie selbst Hoffnung für ein gesellschaftliches Miteinander?

Das Konzert in Chemnitz tat gut, dieses Solidarisieren. Das wollen wir auch mit unserem Blog erreichen: eine Vernetzung der Vernunft. „Der alte Mann und die Zeit – like Horst Rüder“. Dass wir etwas tun, fühlt sich gut an. Meine Ohnmacht ist gewichen. Und wir wollen, dass es den Zuschauern ähnlich geht. Wir führen sie im Stück auch auf unser Oberdeck. Horst Rüder zeigt ihnen die Gebäude der Weltgeschichte am Havelkilometer 27 und lässt sie dabei die Natur erleben, den Wind, das Wasser, die Wellen – ein Stück Lebenswelt unseres Havelschiffers.

Das Gespräch führte Heidi Jäger

Die Premiere ist Samstag, 22.September, 19.30 Uhr, Theaterschiff, Schiffbauergasse


Zur Person:

Martina König, geboren 1959 in Cottbus, studierte Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg, danach arbeitete sie als Dramaturgin am Hans Otto Theater und war Gründerin und Künstlerische Leiterin des Theaters Havarie. Sie inszenierte am Hans Otto Theater, Theater Rote Grütze,Theater Havarie und auf dem Theaterschiff.

Seit 2011 ist sie Künstlerische Leiterin dieses Schiffes. Martina König hat zwei Söhne.


Weitere Informationen zur finanziellen Situation des Theaterschiffes finden Sie hier.

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