Er ist Industrietaucher, sie Stadthistorikerin: Franz Rogowski und Paula Beer. Foto: Schramm Film
© Schramm Film

„Undine“ im Berlinale-Wettbewerb Berlin, ein Wassermärchen

Christiane Peitz

Die Liebenden vom Märkischen Museum: Christian Petzolds Berliner Großstadtmärchen „Undine“ mit Paula Beer - der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag.

Filme und Märchen haben gemeinsam, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Das Unheimliche lauert an den Rändern, es kann jederzeit auftauchen, mitten in der sichtbaren Welt. Christian Petzold hat schon viele Gespensterfilme gedreht, ob es sich um untergetauchte Ex-Terroristen in „Die innere Sicherheit“ handelt, um Republikflüchtlinge in „Yella“ und „Barbara", um Emigranten in „Transit“ oder um ein verschwundenes Kind in seinem Berlin-Film von 2005, der auch so hieß, „Gespenster“.

Darin war die Stadt nach dem Mauerfall ein versiegelter Ort; neben dem frisch betonierten Potsdamer Platz lag ein Märchenwald, der eigentlich Tiergarten heißt. Diesmal ist Berlin ein dem Wasser abgetrotzter Ort. Unter dem Pflaster liegt der Sumpf. Als die Stadthistorikerin Undine (Paula Beer) im Museumscafé auf den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) trifft, zerbirst dort das Aquarium, ein Wasserschwall ergießt sich über das Paar. Glasscherben und zuckende Zierfische, ein feuchtes Grab, es ist Liebe auf den ersten Blick.

Auf der Erdenwelt hat Undine den Touristen im Museum gerade die Stadtmodelle erläutert. Die Neubauten seit der Wende, Ost-Berlin zu DDR-Zeiten, die Hundekopfsilhouette des Zentrums innerhalb des S-Bahn-Rings. Schöne kleine Berlinkunde, man möchte die Modelle sofort selber besichtigen. Schön auch, wenn Märchengestalten auftauchen. Maryam Zaree als Christophs Kollegin in Tauchermontur erinnert an eine Meerjungfrau. Wenn das Taucherfigürchen aus dem Aquarium, Undines Faustpfand ihrer Liebe, zu Boden fällt und ein Bein abbricht, ahnt man, dass auch Christoph Gefahr dräut, beim nächsten Tauchgang in der westfälischen Versetalsperre.

Schade eigentlich, dass er nicht in der Spree taucht, im Landwehrkanal oder am Kupfergraben unter der James-Simon-Galerie. Berlins Sumpf-Geschichte, die Unterwasserwelt der Hauptstadt, man hätte sie gerne gesehen.

Und es gibt Märchensätze: Wenn Undines bisheriger Freund ihr am Anfang den Laufpass gibt, am Museums-Cafétisch, dann sagt sie: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ Ein wunderlicher, grausamer Satz, der den Rahmen heutiger Beziehungsgespräche sprengt.

"Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten", sagt Paula Beer

Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten: Undine, das ist der Mythos von der Wassergeisterfrau, die als Mensch leben darf, wenn sie geliebt wird; die sich rächt, wenn der Mann sich eine andere nimmt; die ins Wasser zurückmuss, sobald sie in dessen Nähe gerät. Und das ist die Wut von Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung „Undine geht“ von 1961. Darin kündigt sie die Duldsamkeit der Frauen auf, verflucht die Männer als Ungeheuer und ergießt eine wahre Flut von Beschimpfungen über das starke Geschlecht.

Der Mann in der Erzählung heißt Hans, wohl nach Hans-Werner Henze, mit dem Bachmann befreundet war und zu dessen Londoner Premiere seiner „Undine“-Ballettmusik sie 1958 im Meermädchen-Kostüm erschienen war. Undines Ex im Film heißt Johannes (Jacob Matschenz).

Einmal mehr zeigt Petzold in "Undine", dem ersten deutschen Wettbewerbs-Beitrag der 70. Berlinale, die Liebenden als Entwurzelte. Undine lebt in einem Ein-Zimmer- Appartement am Alexanderplatz, sie ist ständig unterwegs. Christoph pendelt zwischen Berlin und Westfalen, man trifft sich in einer billigen Pension. Hans Fromms Kamera ist ihnen auf den Fersen, sie folgt ihnen bei ihren Gängen und Fahrten.

Vielleicht liegt es an Paula Beers wenig variablem Gesichtsausdruck, an diesem verklärenden Frauenbild – Anne Ratte-Polle entwickelt bei ihrem Kurzauftritt als resolute Museumsführerin eine ungleich stärkere Aura –, vielleicht liegt es auch an den allzu losen Passagen zwischen Berliner Gegenwart und romantischem Mythos, dass sich diesmal kein Zauber einstellen will. Keine Verblüffung, kaum Staunen.

Petzolds bestechender, unbestechlicher Blick auf Berlin

In „Transit“, der auf der Berlinale 2018 zu Unrecht leer ausging, bewegen sich Beer und Rogowski als Protagonisten aus Anna Seghers’ Exilroman ganz selbstverständlich durch das Marseille von heute. Vergangenheit und Gegenwart werden eins. Diesmal bleiben die mythischen und magischen Momente Seltsam äußerlich, der Gegenwart aufgepfropft. Undine und Christoph irrlichtern nicht, bei aller Zärtlichkeit der Liebesgeschichte.

Wobei die Unterwasseraufnahmen dennoch betören, mit Ruinen-Architektur, Schlingpflanzendschungel und einem kapitalen Wels. Petzolds bestechend unbestechlicher Blick auf die Stadt und die deutsche Gegenwart beschert einem zudem lohnenswerte (und amüsante) Exkurse. Über den ewigen Stau am Kamener Kreuz, die Immobilienspekulation oder das Humboldt Forum, dieses künftige „Museum in Gestalt eines Herrscherpalasts des 18. Jahrhunderts“, das Undine den Touristen erläutern muss. Sie hat keine Lust auf den Vortrag.

Hier das Märchen, da die Moderne: Vergeblich sehnt man sich nach dem Amalgam des Kinos. Auch wenn „Undine“ zu den bislang stärkeren Wettbewerbsbeiträgen der diesjährigen Berlinale zählt – wegen Petzolds Kunst, die gängigen Berlinbilder zu transzendieren.
24.2., 12.30 Uhr und 26.2., 21 Uhr (beide Friedrichstadtpalast), 26.2., 21.30 Uhr (B-Ware! Ladenkino), 1.3., 10 Uhr (Berlinale Palast)

Zur Startseite