"Tempting Eden" von Trulee Hall in der Ausstellung "The Seer and the Seen" in der Villa Schöningen. Foto: Ottmar Winter PNN
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Update Trulee Hall in der Villa Schöningen Schock und Scherz

Die US-amerikanische Künstlerin Trulee Hall will den sexualisierten Blick auf den weiblichen Körper bloßstellen. Die Villa Schöningen zeigt die brachialen, komischen Werke erstmals in Deutschland. Aber öffnen darf sie nicht.

Wie schön wäre es, ohne Umwege über die Kunst reden zu können. In Zeiten wie diesen aber kommt vor der Kunst die Frage: Darf sie auch zu sehen sein? Die Villa Schöningen ist ein Ausstellungshaus, eine GmbH. Und als solche wollte sie trotz Bundesnotbremse ab Freitag (30. April) eine neue Ausstellung zeigen, eine Deutschlandpremiere zumal: Die erste hiesige Schau von der US-Amerikanerin Trulee Hall.

Dass das möglich sein könnte, hatten die umfangreichen Pläne für das Berliner Gallery Weekend deutlich gemacht: Zahlreiche Galerien öffnen vom 30. April bis 2. Mai ihre Türen. Und zwar nach dem Click-&-Collect-Prinzip: Bei vorheriger Anmeldung und tagesaktuellem Negativ-Test darf im Galeriebetrieb Kunst genossen werden. 

Alle Werke stehen zum Verkauf

Darauf beruft sich auch Sonia González, die Leiterin der Villa Schöningen auf der Potsdamer Seite der Glienicker Brücke. "Galerien werden im aktuellen Gesetz nicht explizit genannt", sagt sie. Aber sagt nicht die Eindämmungsverordnung des Landes etwas anderes? "Alle Werke stehen zum Verkauf", beharrt González. Soll heißen: Wir zählen zum Handel. Das allerdings sah die Landeshauptstadt Potsdam anders. Nach einer Bürgerbeschwerde habe die Villa Schöningen am Samstag (1. Mai) wieder schließen müssen, teilte die Leiterin mit.

Dass bei der aktuellen Ausstellung die Frage der Perspektive eine Rolle spielt, passt bestens zum Thema. "The Seer and the Seen" heißt die Ausstellung: Sehende und Gesehene. Genauer geht es um die Frage, was der männliche Blick mit dem weiblichen Körper macht - und wie dem künstlerisch zu entkommen oder besser: zu antworten ist. Der weibliche, in der Kunstgeschichte oft betrachtete Körper guckt hier gewissermaßen zurück.

"Horny ladies (Group Effort)" von Trulee Hall, zu sehen in der Villa Schöningen. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
"Horny ladies (Group Effort)" von Trulee Hall, zu sehen in der Villa Schöningen. © Ottmar Winter PNN

Wo die Kunst zurückguckt 

Und zwar im Wortsinn. Viele von Trulee Halls Arbeiten sind von collagierten Augen durchsetzt: Aus Bildern, die motivisch auf Alte Meister antworten oder aus einer Blumentapete an der Wand schauen einem ausgeschnittene Augenpaare entgegen. Sie sind verstörend fotorealistische Details in einem Werk, das sich sonst nicht viel um Realismus schert.

Was hier ganz deutlich am meisten zählt, ist die emanzipatorische Geste. Die Frauen, die Trulee Hall zeigt, gucken nicht nur zurück, sie rufen gewissermaßen. Laut. Oft begleitet von Gelächter. Mal ist das plakativ, mal verstörend, mal unterhaltsam. Das dadaeske Video "Boob Dance" von 2018 zeigt zwei Frauen in Ganzkörperanzügen, mit je einer riesigen Brust vorm Bauch. Die Brüste scheinen auf zwei Beinen zu tanzen. 

Schock und Scherz

Das großformatige Acrylbild "Horney Ladies (Group Effort)" geht schon derber zur Sache: Vier nackte Frauen, mit wallenden blauen Haaren, hochhackigen Schuhen und zu schwarzen Löchern aufgesperrten Mündern. Alle haben idealisierte Formen, große Brüste, schmale Taille - und drei von ihnen große erigierte Penisse. Betrachter und Betrachtete, Frage und Antwort, Mann und Frau, Schock und Scherz: all das kommt in diesen verstörenden Wesen zusammen. 

Die Schau knüpft im Thema an eine Ausstellung der Villa Schöningen von 2019 an, die scharf kritisiert wurde: Damals zeigte Springer-Chef Mathias Döpfner erstmals seine private Sammlung, unter dem Titel "Nude", lauter weibliche Akte. "Das nackte Grauen" titelte eine Kunstzeitschrift damals. Der Vorwurf der Pornografie stand im Raum.

Die Kunst des Mäzens wird kritisch beäugt

Döpfner ist Eigentümer der Villa Schöningen, und auch in "The Seer and the Seen" sind fünf Werke aus seiner Sammlung zu sehen. Anders als 2019 hat diesmal aber nicht er selbst kuratiert, sondern Sonia González - und das tut der Schau gut. Nicht nur die Kunst guckt kritisch, augenzwinkernd zurück: Die Kuratorin guckt ebenso auf die Kunst des Mäzens.

"The Seer and the Seen" will dem sexualisierten Blick in den historischen Vorlagen aus Döpfners Sammlung also den multimedialen, kritischen Blick Halls gegenüberstellen. Albrecht Dürers Holzschnitt "Der Sündenfall" ist hier etwa zu sehen - und daneben Halls Replik "Tempting Eden" von 2021. Adam und Eva in einem so lustvollen wie lustigen Zoo mit Äffchen, Vögeln, Schaf und Schmetterling. 

Sonia Gonzalez, Leiterin des Ausstellungshauses Villa Schöningen, in der aktuellen Schau von Trulee Hall. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Sonia Gonzalez, Leiterin des Ausstellungshauses Villa Schöningen, in der aktuellen Schau von Trulee Hall. © Ottmar Winter PNN

Brüste, Penisse, klaffende Löcher

Oder Diana de Rosas "Lucretia" von 1630: eine tugendhafte Märtyrerin mit leidvoll rollenden Augen, blasser Brust und spitzem Dolch. Hall zeigt 2021 lieber Judith, die das Schwert statt gegen sich selbst gegen Holofernes richtet - mit rausgestreckter Zunge. Und nennt das Ganze "Means to an End" (Mittel zum Zweck). Humorvoll, und auch ziemlich plakativ. Brüste, Penisse, klaffende Löcher: Wird nicht der sexualisierte Blick auf Frauen, den Hall eigentlich kritisieren will, hier im Grunde wieder zementiert? 

Frauen als Huren oder Heilige: Auch dieses jahrhundertalte Klischee wird hier ausführlich bemüht - in dem raumgreifendsten Stück der Schau, dem Video "Two Tongues Duel the Corn Whores, An Opera" (2020). Weißgewandete, engelsgleiche Frauen und laszive Gestalten in hautengen Goldanzügen. Es wird mit Farnen gewedelt und mit vergoldeten Schlangen gespielt. Auch die tanzenden Brüste bekommen nochmal einen Auftritt. Und am Ende lösen sich alle Dichotomien (Hure - Engel, gut - böse) in einem Bild auf, das doch wieder arg eng wirkt: ein orgiastisches Fruchtbarkeitsfinale.

"The Seer and the Seen", 30. April bis 29. August in der Villa Schöningen.


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