Das Integrationstheater der Uni Potsdam zeigt Shakespeares als romantische Gender-Komödie. Foto: Manfred Wolf
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Theaterprojekt „Sanssouci avec Shakespeare“ Wo die Liebe hinfällt

Astrid Priebs-Tröger

Das Theaterprojekt „Sanssouci avec Shakespeare“ begeistert mit seiner „Was ihr wollt“-Inszenierung, die einen neuen Blick auf Geschlechterverhältnisse wirft und in acht Sprachen aufgeführt wird

Potsdam - Es sagt viel über Geschlechterverhältnisse aus, wenn man Liebenden beim gegenseitigen Werben zuschaut. In der Inszenierung „Was ihr wollt“ des integrativen Theaterprojektes der Uni Potsdam „Sanssouci avec Shakespeare“, die Donnerstag im Treffpunkt Freizeit Premiere hatte, ist das besonders gut zu beobachten. Während der Herzog qua Stand und Macht über Gräfin Olivia verfügen will, muss sich der junge Cesario richtig Mühe geben, ihr Herz zu erweichen. Vor allem, weil er eigentlich eine verkleidete Frau ist. Und so schmachtet Viola die Gräfin Olivia in italienischer (Mutter-)Sprache und mit reichlich Latin-Lover-Schmelz an und verzaubert sie im Nu.

Regisseur Kaspar von Erffa ist es erneut gelungen, dreizehn spielwütige junge Leute aus sieben Nationen um sich zu versammeln und sich mit ihnen gemeinsam mit der Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ zu befassen. Von Erfas Inszenierung kommt dabei ohne ein nennenswertes Bühnenbild aus. Dafür haben alle dreizehn Laiendarsteller opulente historisierende Kostüme an, die von Manuela Motter stammen. Hier wird geschwelgt in bodenlangen, schwarz-goldenen Seidenkleidern, mit roten brokatenen Umhängen und üppigen Hüten und Baretten mit Federbesatz. Und in wohlklingenden Sprachen: gleich acht verschiedene, darunter Italienisch, Persisch und Hindi. Deutsch und Englisch sind die Leitsprachen, die den roten Faden durchs Liebesgewirr ermöglichen. Die anderen gruppieren sich drum herum und illustrieren die wortreichen Szenen. Hut ab, was diese jungen Leute da leisten. Und wie sie ihre sehr unterschiedlich ausgeprägte Spielfreude ausleben. Die Bewegungsarbeit hat Marita Erxleben angeleitet, für die musikalische Begleitung sorgt Christian Deichstätter.

Ein Blick auf Frauen- und Männerbilder

Shakespeares Komödie trägt im Titel den Zusatz „Twelfth Night“. Dies ist eine Anspielung auf die Epiphaniasnacht, die als Abschluss der sogenannten zwölf Raunächte am 5./6. Januar begangen wird. Zu Shakespeares Zeiten wurde dieser Beginn der Karnevalszeit bereits mit Maskenspielen gefeiert, in denen Menschen durch Verkleidung ihre Identität wechseln. Im schwäbischen Raum oder in Tschechien hat sich dieser Brauch der „Zwölften Nacht“ teilweise bis heute erhalten.

Dies sollte man wissen, wenn man „Was ihr wollt“ anschaut, das vielfach mit Geschlechteridentitäten spielt. Hinzu kommt, dass Viola, eine der beiden weiblichen Hauptfiguren, vor der Insel Illyrien Schiffbruch erleidet. Und weil sie ihren Bruder Sebastian verloren glaubt und jetzt allein dasteht, beschließt sie, sich als Mann verkleidet in den Dienst des Herzogs zu begeben. Was als Schutz vor männlichen Übergriffen gedacht war, führt in der Folge zu einer ganzen Reihe von komischen Liebesverwicklungen. Mit diesen beiden Bedeutungsebenen – Karnevalszeit und (Flucht-)Chaos – spielt auch die als „Genderchaos“ angekündigte Inszenierung und natürlich, durch die verschiedenen kulturellen und sprachlichen Identitäten ihrer Protagonisten bedingt, noch mit einer ganzen Reihe mehr. Denn es geht in „Was ihr wollt“ nicht nur um ziemlich ungezügelte und nicht unbedingt heterosexuell ausgerichtete Verliebtheit von Frauen und Männern, sondern auch um gesellschaftliche Frauen- und Männerbilder.

Kluger Narr, dummer Mann

Zarte, passive Frauen versus starke, herrschende Männer? Weit gefehlt. Shakespeare und damit auch von Erffa zeigen jede Menge „Zwischentypen“. Die entsprechen allerdings vielen Klischees, nach dem Motto: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, bleibt ein Narr sein Leben lang“. Sir Toby (Mohammed Alaadai), Sir Andrew (Khaled Subeh) und Valentin (Melissa Mahmud) sprechen in der Inszenierung kräftig dem Alkohol zu und kommen mit dem Narren auch mehrfach ins Singen. Und wie sie sich – aus Unkenntnis oder Überhebung? – gegenüber Frauen verhalten, ist auch dem heutigen multikulturellen Alltagsleben abgelauscht. Aber es gibt auch den unglücklich liebenden und sich köstlich lächerlich machenden Hofmeister Malvolio (Abdulhamid Kouko) oder den reflektierten Narren (Orhan Özgül), die die trinkfreudige Männerclique kräftig aufmischen und komödiantische Glanzlichter setzen. Wie auch die drei Frauenfiguren, die trotz wallender Gewänder lange die sprichwörtlichen Hosen anhaben. Jeder darf dem eigenen komödiantischen Affen Zucker geben. Viola (Laura Dallari), als Mann verkleidet, sticht da kräftig hervor und sie hat sich auch die typisch raumgreifenden, breitbeinigen Gesten moderner Männer abgeschaut und stellt sie ironisch zur Schau.

Auf dem Höhepunkt der karnevalesken (Liebes-)Verwicklungen – „Nichts ist, wie es ist“ – kommt dann doch wieder Ordnung ins „Genderchaos“. Der verloren geglaubte Bruder Violas kehrt zurück und heiratet an ihrer Stelle die Gräfin Olivia, und Viola selbst kriegt den schon lange von ihr angehimmelten Herzog Orsino.

Ein Glück, dass der Stones-Hit am Ende „You can’t always get what you want“ dann doch ironisch gemeint war. Denn in Zeiten, in denen es zunehmend egal ist, wo die Liebe hinfällt, ist die auch äußerlich „brave“ kleidertechnische Zuordnung Mann-Frau eigentlich hinfällig geworden. Viel Beifall für eine leidenschaftliche Aufführung und eine tolle, geschlossene Ensembleleistung.

>> Heute, 19.30 Uhr und morgen, 18 Uhr, im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 44

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