Pfarrer Parris (Stephanie Hauschulz) diskutiert mit John Proctor (Marcel Okrug) über die Existenz von Hexen. Foto: Andreas Klaer
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"The Crucible" an der Uni Potsdam Der Kampf mit Satan

Die English Drama Group der Universität Potsdam bringt Arthur Millers „The Crucible“ auf die Bühne – ein Stück mit aktuellem Grusel.

Potsdam - Der Tanz um das Feuer findet im Geheimen statt. Als Schattenspiel. Die Gesichter der Tänzerinnen bleiben verborgen, Stimmen sind zu hören, ein Rock fällt auf den Boden, es wird gesungen. Ein harmloser Spaß unter Teenagermädchen, die nicht ahnen, dass deswegen bald mehrere Menschen sterben werden.

Mit Arthur Millers „The Crucible“ („Hexenjagd“) hat sich die English Drama Group (EDG) der Universität Potsdam dieses Jahr ein durchaus schweres Thema ausgesucht – aber auch ein hochaktuelles. „Es geht darum, wie schnell sich Gerüchte verselbstständigen können, um das Anschwärzen Unschuldiger“, sagt Benjamin Gaede nach der Premiere am Montagabend. Gemeinsam mit Friedrich Fedder und Clara Skrippek hat er die Regie übernommen. Gerade in Bezug auf die Ergebnisse der Europawahl sei es ein wichtiges Stück, sagt er.

Ein heimlicher Tanz mit weitreichenden Folgen.  Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Ein heimlicher Tanz mit weitreichenden Folgen.  © Andreas Klaer

Ein aktuelles Charakterstück

Angesiedelt ist es im US-amerikanischen Salem des 17. Jahrhunderts. Die jungen Mädchen werden bei ihrer heimlichen Tanzaktion im Wald von Pfarrer Paris erwischt, seine Tochter Betty erschrickt darüber so sehr, dass sie ohnmächtig wird und fiebrig niederliegt. Sofort verbreiten sich Gerüchte im Ort, die Mädchen hätten sich Satan verschrieben und seien Hexen. Ihre verzweifelten Unschuldsbeteuerungen helfen nicht viel, als einzigen Ausweg sehen sie das Anschwärzen von anderen Dorfbewohnern. Verstrickt mit Machtspielen der Kirche, einer heimlichen Affäre und einem dadurch gebrochenen Herzen beginnt eine Hexenverfolgung, deren Ausmaß bald keiner mehr kontrollieren kann.

Bereits im Jahr 2008 hat die EDG „The Crucible“ aufgeführt, nach einigen komödiantischen Stücken in den letzten Jahren, wie Terry Pratchetts „Carpe Jugulum“ oder Don Zolidis’ „The Craving“ wurde es jetzt mal wieder Zeit für ein ernsthaftes Stück, sagt Gaede. Und warum nun ausgerechnet dieses noch mal? „Arthur Miller hat hier ein Charakterstück geschrieben, in dem keine Figur nur gut oder böse ist“, erklärt der 38-Jährige, der zwar schon längst im Berufsleben steht, aber bereits im 19. Jahr bei der Uni-Theatergruppe mitwirkt. Das herauszuarbeiten, sei die besondere Herausforderung gewesen.

Die Mädchen aus Salem fürchten um ihren Ruf.  Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Die Mädchen aus Salem fürchten um ihren Ruf.  © Andreas Klaer

Ungekürzt und in englischer Sprache

Regisseurskollegin Clara Skrippek freut sich über die Stückauswahl besonders: „Ich bin seit fünf Jahren dabei, habe immer die alten Plakate von „The Crucible“ gesehen und wollte das unbedingt mal machen“, erzählt sie. Sie war sogar so begeistert, dass sie sich zwischen Regie und Schauspiel nicht entscheiden konnte – sie macht nun beides. Ihre Rolle Thomas Putnam ist einer der reicheren Bewohner Salems mit großem Landbesitz. Dass seine Frau bereits mehrere Kinder gleich nach der Geburt verloren hat, nimmt er eher sachlich wahr, als es zu bedauern. „Er ist so ein kleiner Politiker, der auch gerne noch das Land seiner Nachbarn hätte“, sagt die 23-jährige Lehramtsstudentin. „Dabei ist er immer auf sich selbst bedacht, von allen Seiten sieht er eigentlich immer nur die eigene.“ Das zu entwickeln, sei sehr spannend gewesen, die Tatsache, dass sie einen Mann spielt, habe gar keine große Rolle gespielt. „Natürlich habe ich mir überlegt, wie ich mich bewegen muss und habe den historischen Kontext berücksichtigt“, sagt sie. Davon abgesehen, habe sie sich vor allem auf den arroganten Charakter konzentriert.

Für Benjamin Gaede war diese Charakterarbeit mit das Schönste an der Regiearbeit. „Sich erstmal mit allen hinzusetzen und darüber zu sprechen, was die jeweilige Figur ausmacht, war sehr intensiv.“ Seit Oktober 2018 hat die EDG an dem Stück gearbeitet, Bedenken, dass die Zuschauer wegen des ernsten Inhalts oder auch der Länge des Stückes wegbleiben, hatten die Regisseure nicht. Denn: „The Crucible“ wird fast ungekürzt – und natürlich in englischer Sprache – auf die Bühne gebracht und geht fast drei Stunden. Aber: „Es ist einfach ein sehr emotionales Stück, das sich um verschiedene Ängste dreht“, sagt Clara Skrippek. „Verurteilt zu werden oder auch nicht dazuzugehören.“ Das spreche viele Menschen an und selbst wer nicht perfekt Englisch versteht, kann die Gefühle auf der Bühne spüren.

Abigail wird von John zurückgewiesen. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Abigail wird von John zurückgewiesen. © Andreas Klaer

Spannung bis zum Schluss

Tatsächlich schafft der Cast es, die insgesamt vier Akte von „The Crucible“ von Anfang bis Ende mit Spannung zu füllen. Die klassische Inszenierung lässt den Darstellern genug Raum, sich zu entfalten und in den Mono- und Dialogen starke Emotionen aufzubauen. Vor allem Harriet Schulz als Abigail Williams und Debby Schmidt als Elizabeth Proctor überzeugen als starke Frauen, die nicht um die Liebe des gleichen Mannes, sondern auch um ihren Stand in der Gesellschaft kämpfen.

Abigail wird nach einer Affäre mit Elizabeths Mann John aus ihrer Position als Dienstmädchen im Haus Proctor entlassen. John Proctor selbst möchte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Wie Harriet Schulz das Schwanken zwischen der gebrochenen Liebenden und der wütend Verschmähten meistert, hat eine enorme Wucht. Ihr immer mehr von Rachegelüsten versteinertes Gesicht entfaltet zum Ende einen Grusel, der noch lange nachhallt. Debby Schmidt wird hingegen als Elizabeth immer weicher, wandelt sich von der kühl enttäuschten Ehefrau zur verzweifelten Kämpferin um ihre Familie. Das mit anzusehen ist herzzerreißend. Ebenfalls beeindruckend: Marcel Okrug als John Proctor, der als untreuer Ehemann eine nicht geringe Mitschuld an der ausufernden Hexenjagd trägt.

>>Weitere Aufführungen am 5., 18., 21., 23., 25. und 27. Juni jeweils um 18.30 Uhr am Neuen Palais in der Oberen Mensa und am 16. Juni um 19.30 im Kabarett Obelisk.

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