"One more thing" von Adi Boutrous (r.) feierte bei den Potsdamer Tanztagen 2021 Deutschlandpremiere. Foto: Ariel Tagar
© Ariel Tagar

Tanztage in der Potsdamer fabrik „One more thing“ feierte Deutschlandpremiere

In sechs Wochen ist die 30. Ausgabe der Tanztage vorbei. „One more thing“ von dem israelischen Choreografen Adi Boutrous leuchtete noch einmal wie ein Lampion in tiefster Herbstnacht.

Potsdam - Wer braucht schon Tanz, in Zeiten wie diesen? Der ketzerische Gedanke ereilte die Rezensentin auf dem Weg zur Vorstellung. Die Inzidenz ist höher denn je, der November unwirtlich, von unnötigen Kontakten wird pandemiebedingt abgeraten. Die fabrik aber feiert weiterhin Geburtstag, knapp sechs Wochen noch – dann ist das Jahr vorbei und mit ihm die längste Tanztage-Ausgabe der Geschichte: Sie begann Ende Mai.

Wer Antwort auf obige Frage sucht, wird in der letzten Erstaufführung fündig, die diese ungewöhnliche Jubiläumssaison der fabrik zu bieten hat. „One more thing“ von Adi Boutrous leuchtet wie ein Lampion in dunkelster Herbstnacht. Das Stück feierte am Mittwoch Deutschlandpremiere, die fabrik war hier gemeinsam mit dem israelischen Choreografen Adi Boutrous und dem Pariser Théâtre de la Ville Koproduzentin. Dass so ein Gemeinschaftsprojekt umgesetzt werden kann: In Zeiten pandemischer Isolation und reduzierter Reisen absolute Ausnahme. Lichtpunkt.

Ein Stück über die Liebe

Das ansteckende Strahlen von „One more thing“ aber hat andere Gründe. Es kommt, wie alles, was wirklich strahlt, von tief drinnen. „One more thing“ ist ein Stück darüber, dass niemand fallen sollte, ohne aufgefangen zu werden. Das ist alles andere als banal. Es ist ein Stück über den Tanz. Es ist ein Stück über die Liebe. Die zwischen Männern, aber nicht nur.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Potsdam und Brandenburg live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die sie hier für Apple und  Android-Geräte herunterladen können.]

Zu Anfang stehen da vier Männer (Ariel Gelbart, Jeremy Alberge, Uri Dicker und Adi Boutrous) auf der Bühne im Viereck. Sehen sich an und klatschen im Rhythmus in die Hände. Ermutigen sich, peitschen sich an, die Gesichter ernst, die Blicke geradezu. Eine Gruppe. Eine Gang? Synchronisierte Schritte kommen dazu, das Klopfen der Füße auf dem Boden. Eine Einheit. 

Kinder, die sich balgen

Dann gehen sie alle in die Knie, werden kleiner, auch jünger? Das Viereck öffnet sich, andere Formationen finden sich, lösen sich auf in angedeutete Bewegungen des Wettkampfes, des Sports. Plötzlich sind das keine Männer mehr, sondern Kinder, die balgen. Sich aufeinanderstürzen, übereinandertürmen, mit leichtem Ächzen. Lachen im Publikum.

Der israelische Choreograf Adi Boutrous sammelt auch Vinyl. Foto: Promo Vergrößern
Der israelische Choreograf Adi Boutrous sammelt auch Vinyl. © Promo

Adi Boutrous, geboren 1989 in der südisraelischen Stadt Be’er Scheva, ist nicht nur preisgekrönter Choreograf, sondern auch Sammler von Vinyl-Platten. „One more thing“ profitiert deutlich davon. Während die Mensch-Maschine aus mal vier, mal zwei Körpern grazil und athletisch über die Bühne wabert, wehen Lieder herein. Tänzerische Melodien in fremden Sprachen, durch die die Bewegungen auf der Bühne einen nostalgischen Touch bekommen, dem man sich nicht entziehen kann. „If this isn’t love, then why do I thrill?“, heißt es einmal. Wenn das nicht Liebe ist, warum dann Gänsehaut?

Austesten utopischer Gemeinsamkeit

Das kindliche Balgen ist so zart choreografiert, dass man den Übergang zum Liebesspiel kaum mitbekommt. Plötzlich geht der Atem stärker, die Nähe wird wieder größer. Gesichter finden sich zum Kuss, aber nur fast. Die Kinder sind wieder Männer – oder irgendetwas dazwischen. Die Körper verknäulen sich ineinander, werden ein einziger Mechanismus, der in ständiger Bewegung über die Bühne rollt. Mal steht einer Kopf, mal rollt einer über die anderen hinweg, mal fällt einer in die anderen hinein. Immer sind Hände da, die aufhalten.

Alles ist von ungeheurer Sanftheit und Anmut getragen. Es gibt keinen Konflikt in dieser Gruppe, dieser Gang, dieser Gemeinschaft, die für so viele stehen könnte. Kein „Die-gegen-die“. „One more thing“ zeigt das Austesten einer geradezu utopischen Gemeinsamkeit. Ein unerhörter Gedanke. Was, wenn man das zur obersten Maxime machte: Dass das Gegenüber nicht fällt? In „One more thing“ geht das, eine Stunde lang. Verspielt, sinnlich, ungemein präzise, füßewippend musikalisch. Darum Tanz.

Wieder am 18.11. in der fabrik, danach legt Adi Boutrous seine Platten auf

Zur Startseite