Der Schauspieler Michael Gerlinger fühlt sich angesichts der Corona-Hilfen von Land und Bund alleingelassen.  Foto: Andreas Klaer
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Soloselbständige Künstler Die Verlierer der Corona-Pandemie

Vor wenigen Tagen wurde die Antragsfrist für Brandenburgs Mikro-Stipendien bis zum 31. August verlängert. Aber trotz dieser Landeshilfe zählen soloselbständige Künstler zu den großen Verlierern der Corona-Pandemie.

Potsdam - Rief man den Schauspieler Michael Gerlinger Mitte Mai an, traf man auf einen atemlosen Mann. Um in Ruhe telefonieren zu können, ging er spazieren. Er hat fünf Kinder, vier davon noch zuhause. Die wollten beschäftigt, beschult werden. Gleichzeitig ist Michael Gerlinger Künstler. Wenn er in den vergangenen Wochen auch nicht auftreten durfte: Projekte wollten weiterverfolgt, neue erdacht werden. Das und die Kinder: ein Ding der Unmöglichkeit während des Corona-Lockdowns. 

Aber Corona machte Michael Gerlinger nicht nur zu einem atemlosen, sondern auch zu einem wütenden Mann. Er ist soloselbständiger Künstler. Die ersten vier Wochen der erzwungenen Auszeit konnte er noch genießen. Endlich wieder Zeit für die Familie! Bald aber fehlte ihm das, weswegen er den Beruf ausübt: „Wie brauchen den Austausch, wir Bühnenmenschen.“ Und dann ging auch das Geld aus. Damit begann für Gerlinger eine bürokratische Odyssee. Er kann sie Schritt für Schritt wiedergeben, so sehr haben ihn die einzelnen Etappen, der Kreislauf aus Hoffnung und Enttäuschung, aufgeregt.

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„Wieso, euch wird doch geholfen?“

Bekanntlich haben Bund und Länder Soforthilfen bereitgestellt. Aber Michael Gerlinger sagt: „Die Soforthilfe kommt nicht sofort.“ Er sagt auch: „Die Bevölkerung bekommt es gar nicht mit, wie es uns Soloselbständigen geht. Die sagen sich: Wieso, euch wird doch geholfen?“ Bis zum 19. Mai zahlte die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) über 500 Millionen Euro an mehr als 60.000 an Unternehmen, Freiberufler und Soloselbständige aus, wie sie per Pressemitteilung wissen ließ

Michael Gerlinger gehörte zu den 13.900 Antragstellern, die nichts bekamen. Dabei habe er sich schnell beworben, am 2. April bei der ILB einen Antrag über Erstattung von 4500 Euro gestellt. Nach 15 Tagen rief er an, um nachzuhaken. Es werde chronologisch bearbeitet, sagte man ihm. Er wartete. Rief eine Woche später erneut an: „Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie nichts bekommen.“ Die Begründung: „Ausfallhonorare bezahlen wir nicht.“ Am 2. Mai schließlich eine Mail von der ILB: Mit dem 31. März werde die Ankündigung außer Kraft gesetzt, dass auch Einnahmeausfälle geltend gemacht werden können. 

Die ILB-Soforthilfe schloss Soloselbständige erst ein - und dann aus

ILB-Pressesprecherin Ingrid Mattern bestätigt, dass die ursprünglichen Richtlinien der ILB-Soforthilfe verändert wurden. Die ILB folgte darin den Vorgaben des Bundes. „Am Anfang gab es die klare Ansage vom Bund, dass Soloselbständige zu berücksichtigen seien“, sagt Mattern. „Auf das angekündigte Hilfspaket folgte Ende März, Anfang April eine politische Debatte, die zu der Ansage führte: Die Soforthilfe ist eine Wirtschaftshilfe, keine Sozialhilfe.“ Bis das in aller Deutlichkeit in den neuen Richtlinien verankert war, sei es zu viel Verwirrung gekommen - bei Antragstellern, aber auch intern, bei den Mitarbeitern der ILB. Die Konsequenz jedenfalls: Die Hilfe sollte für anfallende Betriebskosten aufkommen. Nicht jedoch für aufgrund der Coronakrise entfallende Honorare. 

Hierin liegt das wesentliche Problem: Viele soloselbständige Künstler haben wie Gerlinger kaum nennenswerte Betriebskosten vorzuweisen. Die Soforthilfe, die auf dem Papier bestand, half ihm in der Realität nicht. „Ich lebe von meinen Honoraren“, sagt Gerlinger. Wenn diese wegfallen, fällt ihm als Künstler die Lebensgrundlage weg. Fragte er nach, wie er sich jetzt verhalten solle, sagte man ihm: „Es gibt ja schon ein Modell für Sie – die Grundhilfe.“ „Realsatire“, sagt Gerlinger dazu. Es gelte zwar inzwischen ein vereinfachter Antrag. Es seien dennoch 30 Seiten. Die habe er ausgefüllt.

Bisher keine wirksame Hilfe für Einzelkünstler

„Wie viel wert sind wir Künstler eigentlich?“, fragte sich Gerlinger irgendwann. Und: „Warum macht sich die Politik keine Gedanken?“ Er steht mit seiner Kritik bei Weitem nicht allein. Inzwischen fordert sogar der Bundesrat eine gezielte Unterstützung von Soloselbständigen in der Coronakrise. Vorgeschlagen wird ein Pauschalbetrag pro Monat, um eine Kompensierung der Ausfälle und Lebenshaltungskosten zu gewährleisten.

„Die Politik hat es bisher nicht geschafft, eine wirksame Hilfe für die Einzelkünstler zu entwickeln“, sagt auch Jutta Pelz vom Brandenburgischen Verband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BVBK). Der in Potsdam ansässige Verband hatte Anfang Mai einen Offenen Brief an Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle veröffentlicht, in dem Brandenburgs Hilfspaket für freie Künstler kritisiert wird. Brandenburgs Strategie: Insgesamt 4 Millionen Euro sollen in Form von Mikro-Stipendien in Höhe von je 1000 Euro an soloselbständige Künstler ausgezahlt werden - als einmalige, projektgebundene Maßnahme. 

Der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun meint: Statt vieler kleiner Förderungen sollte man lieber Kunstwerke ankaufen. Foto: Alberto Novelli Vergrößern
Der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun meint: Statt vieler kleiner Förderungen sollte man lieber Kunstwerke ankaufen. © Alberto Novelli

Brandenburgs Mikro-Stipendium für Künstler? „Inakzeptabel“

Vor wenigen Tagen teilte das Ministerium mit, dass die ursprünglich bis 9. Juni laufende Antragsfrist für das Mikro-Stipendium bis zum 31. August verlängert wurde. Rund 500 Stipendien wurden bislang vergeben. Aber sind sie mehr als der berühmte Tropfen auf einen glühenden Stein? Die Höhe von 1000 Euro sei „inakzeptabel“, sagt der BVBK. Außerdem erfüllten viele der Künstler aufgrund von zu geringen Einnahmen nicht die Voraussetzung, in der Künstlersozialkasse versichert zu sein. Und nicht nur die Bildenden Künstler sehen das so: Unterschrieben haben den Offenen Brief inzwischen 476 Maler, Musiker, Theaterleute, Komponisten. Auch die Star-Violinistin Anne-Sophie Mutter ist dabei.

Und auch Göran Gnaudschun, der vielfach ausgezeichnete Potsdamer Fotograf, hat unterschrieben. Er findet es eigentlich gut, dass es das Stipendium gibt, beantragt hat er auch eins. Natürlich sei jedoch fraglich, „ob die Summe nicht viel zu niedrig ist“. Und er sagt in Hinblick auf die bildenden Künstler: „Die Frage sei aufgeworfen, ob das Land Brandenburg nicht besser beraten wäre, Kunst in großem Stil anzukaufen. Das wäre weniger Gießkanne und alle hätten dauerhaft was davon.“

Peter Eichstädt hat ein Mikro-Stipendium des Landes Brandenburg bekommen. Ob es funktioniert, sei Ansichtssache.  Foto: Martin Müller Vergrößern
Peter Eichstädt hat ein Mikro-Stipendium des Landes Brandenburg bekommen. Ob es funktioniert, sei Ansichtssache.  © Martin Müller

„1000 Euro sind 1000 Euro, aber...“

Einer, der bereits ein Mikro-Stipendium bekommen hat, ist der Potsdamer Produzent Peter Eichstädt. Auf seiner Webseite kann man sehen, was er mit seinen 1000 Euro angefangen hat. Ein professionell produziertes Musikvideo zeigt Jugendliche und Erwachsene, Alte und Junge allein zuhause. Sie alle singen, dem Corona-Alltag trotzend, in die Kamera: „Kommt lasst uns Helden sein!“. Mit dem Stipendiumsgeld hat er die Technik für die Aufnahmen bezahlt. 

Eichstädt ist Musiker, Komponist, Produzent, arbeitet zudem mit Kindern und Jugendlichen. Infolge der Corona-Pandemie fiel ein Projekt für eine Filmkomposition aus, aber es konnte verschoben werden. Er hat unter dem Auftrittsverbot gelitten, aber die Krise bedeutet für ihn keine Existenznot. Er ist finanziell breit und solide aufgestellt. Und er hatte Rücklagen. Aber vielen Musikern aus seinem Bekanntenkreis geht es anders. „Viele hängen ganz schön in den Seilen.“ Er sagt über die Corona-Hilfe: Ob sie funktioniert, sei Ansichtssache. „1000 Euro sind 1000 Euro, aber...“ Nicht alle bekommen sie.

Michael Gerlinger hat inzwischen auch in Mikro-Stipendium erhalten, lässt er im Juni wissen. Damals im Mai hatte er über die Stipendien gesagt, sie erinnerten ihn daran, wie man mit zappelnden Fischen im Matsch umgehe: Man benetzt die, die kurz vor dem Verdursten sind, mit ein paar Tröpfchen Wasser. Als würde man ihnen sagen: Kommt, ein paar Minuten geben wir euch noch.


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