Das Neues Globe Theater bringt im T-Werk Shakespeares "Sturm" auf die Bühne. Foto: Philipp Plum
© Philipp Plum

Shakespeare in Potsdam Himmel oder Hölle?

Astrid Priebs-Tröger

Das Neue Globe Theater kehrt zu seinen Wurzeln zurück und bringt Shakespeares „Sturm“ im T-Werk zur Premiere.

Potsdam - Am Anfang war ein Bild: ein dreimastiges Segelboot auf hoher See. Und diese drei Gestalten auf einer Insel, auf der zu diesem Zeitpunkt noch alles eindeutig erscheint: Macht und Ohnmacht, Wahrheit und Lüge oder auch Freund und Feind. Ein männlicher Mikrokosmos, in dem Prospero donnernd sagt: alles läuft, wie ich es will. 

Doch der Sturm, den der entthronte König in der gleichnamigen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theaters mit magischen Kräften entfacht, lässt nicht nur auf dem Schiff seines brüderlichen Todfeindes kein Brett mehr auf dem anderen, sondern er schüttelt auch das Leben und die Anschauungen Prosperos und seiner Gefährten durcheinander. 

Eine komprimierte Inszenierung

Dies in einer 90-minütigen Fassung, die auf der Theaterfassung von Joachim Lux beruht, im T-Werk in diesen gesellschaftlich bewegten Zeiten zu erleben, ist ein besonders überbordendes Theatererlebnis. Und: Joachim Lux’ Fassung wurde in der Regie Barbara Freys in Wien ein zehnjähriger Kassenschlager. 

Denn in dieser komprimierten Inszenierung, die am Donnerstagabend Premiere feierte, spielen nur drei Schauspieler sowohl den König Prospero, den Luftgeist Ariel und den wilden Caliban als auch die Tochter des Königs, die gestrandete Schiffsmannschaft mit Königen und Prinzen, betrunkenen Kellermeistern und Narren und wilden Harpyien. 

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung.

Und als würde man bei Shakespeare nicht schon gehörig sprachgewaltig und stilistisch durchgeschüttelt und vom sogenannten vernünftigen, sprich: rationalem Denken befreit und mit allerlei magischem Zauber umgarnt, setzt diese Inszenierung durch den ständigen Figurenwechsel, der sich nahezu nahtlos vor den Augen der Zuschauer:innen vollzieht, noch einen oben drauf.  

Andreas Erfurth als tief gekränkter Herrscher Prospero

Da kann Andreas Erfurth als tief gekränkter Herrscher Prospero sich sowohl cholerisch in seine Macht(-losigkeit) steigern als auch überaus komisch als betrunkener Kellermeister austoben. Und Marius Mik, der ganz in weiß als wunderbare Projektionsfläche den wilden Wilden gibt, braucht nur ein Glitzer-Kleid, um die liebreizende Prospero-Tochter Miranda mit echter innerer Sanftheit zu verkörpern. Und Laurenz Wiegand als Ariel, der bei Shakespeare als rätselhaftestes Wesen gilt, hat hier als freiheitsliebender Luftgeist, der fesch über den glatten Boden schlittert, noch nicht genug zu tun, sondern brilliert auch als Prinzgemahl mit glitzernder Uniformjacke – und zudem grotesk als frauenfleischgewordene Harpyie. 

Kurz und gut: es vergehen einem Hören und Sehen, es schwindelt einem geradezu bei dieser überbordenden Spiel- und auch immer wieder Sangeslust der drei Akteure unter der flotten Regie von Kai Frederic Schrickel, die auch wieder mit den unterschiedlichsten Facetten von Männlichkeit spielt. Und man folgt ihr auch bereitwillig in die philosophischen Verästelungen des Stücks, das als letztes des großen britischen Dramatikers und sozusagen als sein Vermächtnis gilt. 

Tröstliche Botschaft in schwierigen Zeiten 

„Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht, und unser kleines Leben beginnt und schließt ein Schlaf“ wird da fast am Ende gesagt. Und zu den anfänglich gesetzten Eindeutigkeiten mischen sich durch das fortwährend produzierte Chaos viel Fantasie und Traum, Wahn und (Alkohol-)Rausch – und beinahe alles zerrinnt ihnen respektive einem zwischen den Fingern oder auch den Zeilen, die dies festzuhalten versuchen.  

Das ist irgendwie tröstlich in dieser, unserer Zeit, in der so viele scheinbare Gewissheiten auch gerade jetzt von der Weltgeschichte brutal zermahlen werden. Und neben viel heißer (Theater-)Luft setzt sich auch die bohrende Erkenntnis fest, dass man/frau fast immer die Wahl hat zwischen selbstgemachter Hölle oder ebensolchem Paradies. 

Mit „Sturm“ kehrt das Neue Globe jetzt wieder zu seinen Wurzeln zurück – und es zeigt auch nach zwei stürmischen Pandemiejahren, dass seine Spiellust ungebrochen ist. Der Herbst und Winter 2021/22 sind für die Potsdamer Theatertruppe eine heftige Wackelpartie gewesen, sagte Schauspieler und Regisseur Andreas Erfurth im PNN-Gespräch.  

Im Herbst folgt die nächste Premiere

Zwar durften nach dem ersten Lockdown Theateraufführungen unter Einschränkungen wieder stattfinden, doch in den Gastspielhäusern blieb das Publikum zögerlich. Fast überall und bundesweit zeichneten sich eine zu geringe Zahl an Zuschauern und oft sogar ein Rückgang der Abonnenten ab. Mehrere Veranstalter hatten die geplanten Gastspiele im vergangenen Winter komplett abgesagt, weil zu wenige Karten verkauft wurden. Das war und ist herber Schlag für uns, so Erfurth, weil das Globe als Tourneetheater auf die Einnahmen durch die regelmäßigen Gastspiele angewiesen ist. 

Doch die Potsdamer Mimen haben zum Glück nicht den Boden unter den Füßen verloren, sondern die Flucht nach vorn angetreten; auch ihre Probenraumsituation hat sich durch einen Verwalterwechsel ein Stück weit entspannt. Sie bringen 2022 gleich zwei neue Produktionen heraus, neben der „Sturm“-Premiere feiert das Kinderstück „Max und Moritz – Da ist noch was im Busch!“ von Bernhard Studlar im Herbst Premiere. Außerdem wird das Globe im Juni zum ersten Mal im Heckentheater von Sanssouci zu erleben sein. 

Zur Startseite