"Jetzt sind wir dran", unter dem Motto startete das Hans Otto Theater in seine Corona-Saison. Gespielt wurde nur bis Ende Oktober. Foto: Manfred Thomas
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Rückblick auf Potsdams Kultur im Corona-Jahr Ein Jahr des Dennoch

Auch in Potsdams Kultur war 2020 nichts wie sonst. Vieles, erstaunlich vieles ging aber trotzdem, wurde der Krise abgerungen. Ein Kehraus.

Potsdam - Am Ende eines Jahres steht normalerweise der Versuch, aufzuräumen. Auch in der Kulturberichterstattung. Sie wissen schon: Was war gut, was nicht, welche Entdeckungen gab es? Der kritische Kehraus am Jahresende reinigt, nicht nur die Kritikerseele. 

Aber nichts war normal. Am Ende des Jahres 2020 steht nicht der Wunsch auszusortieren in Gut und Schlecht. Am Ende des Jahres 2020 steht der Wunsch zusammenzukehren, was überhaupt war. Kurz innezuhalten, dankbar. Denn seit dem 13. März, dem Beginn des ersten Kultur-Lockdowns, war nichts mehr selbstverständlich. 

Jedes Konzert, jedes Theaterstück, jede Ausstellung, jede Filmvorführung war eine Geste des Dennoch. Akte der Selbstbehauptung, der Selbstvergewisserung. Für die Kulturschaffenden, aber auch für die, die erst im Betrachten, Zuhören, Nachdenken zu sich selbst finden. Reden wir also vom Dennoch, in Auszügen.

Rekorde im Potsdam Museum und Museum Barberini 

Das Potsdam Museum zum Beispiel hatte trotz Pandemie und Schließzeit seine erfolgreichste Sonderausstellung seit dem Umzug ins Alte Rathaus: „Karl Hagemeister: ...das Licht, das ewig wechselt“. 19 000 Besucher sahen die Schau zwischen Februar und September.  Auch im Museum Barberini wartete man 2020 wieder mit Rekorden auf. „Monet.Orte“ war die größte Monet-Ausstellung Deutschlands, mit einer Kaufsumme von 111 Millionen Dollar im Gepäck hielt der teuerste „Heuschober“ Monets Einzug in Potsdam. Seit September ist er hier zuhause. Als Teil der neuen Dauerausstellung, der größten Sammlung französischer Malerei in Deutschland.

Kunst brauchte jedoch gar keine Rekorde, um zu beeindrucken. Im Potsdam Museum war eine großartige Retrospektive zu dem Fotografen Frank Gaudlitz zu sehen: Werkzyklen zwischen DDR, Russland, Schwarzem Meer und Anden. Das Atelierhaus Panzerhalle feierte sein 25-jähriges Bestehen, der Offene Kunstverein widmete der Malerin Barbara Raetsch eine retrospektivenhafte Ausstellung. Villa Schöningen und Kunstraum Potsdam halfen mit zeitgenössischen, wohltuend widerspenstigen Schauen ein Jubiläum verdauen, das ohne die Pandemie für noch viel mehr Gesprächsstoff gesorgt hätte: 30 Jahre Deutsche Einheit.

Geburtstage: Rechenzentrum, Nikolaisaal und Collegium musicum

Und noch mehr Jubiläen konnten begangen werden. Das Rechenzentrum feierte seinen fünften Geburtstag. Das Kreativhaus beging ihn am 1. September mit einer Ausstellung, einem Fensterkonzert und einer Kuchentafel – in dem Baufeld, wo 2019 die Rechnerhalle abgerissen wurde. Einen Monat später waren Künstler aus dem Rechenzentrum erstmals im Rohbau der Garnisonkirche zu Gast: in der Ausstellung „Blickwinkel 1.0“. Ein spannender Versuch der Annäherung. 

Auch der Nikolaisaal feierte Jubiläum: 20 Jahre. Begangen, wenn auch vor coronagemäß vermindertem Publikum, gebührend facettenreich: mit der Kammerakademie Potsdam und Artist in Residence Jörg Widmann, dem Filmorchester Babelsberg, der Band Keimzeit. Und auch Potsdams ältestes Orchester hatte Geburtstag: Das Collegium musicum wurde 75

Der Festivalsommer 2020: ein Triumph, dass es ihn gab

Was einen extra Applaus verdient: Der Nikolaisaal war nach dem Lockdown im Frühjahr, nachdem die Galerien bereits wieder geöffnet hatten, als erster Veranstaltungsort Potsdams wieder zur Stelle. „Echtjetzt?!“ hieß das Foyerprogramm, Dota Kehr gab den schillernden Auftakt, war digital nachholbar. Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci wagten sich mit einem Frischluftkondensat vor, Katharsis inklusive: Hitze, Gewitter, Regen. Im Waschhaus gab es Sommerkino.

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Überhaupt, dieser Festivalsommer: Allein, dass es ihn gab, ist ein Triumph. Das Literaturfestival Lit:Potsdam holte Matthias Brandt, Peter Sloterdijk, Christian Petzold, Kübra Gümüsay und die Fotos von Orhan Pamuk nach Potsdam. Das T-Werk brachte seine Schirrhofnächte mit Premieren von teatreBlau, Theater Nadi und Ton & Kirschen über die Bühne. Das Festival Localize zog nach vier Jahren Pause wieder durch das Stadtgebiet und versorgte die künstlerisch verunglückte Feierei zum Einheitsjubiläum mit leichtfüßigen Sidekicks. 

Zwei Festivaljubiläen, ein Theater, das die Digitalität entdeckt

Auch unter den Festivals waren zwei Jubilare: Die Intersonanzen, Festival für Neue Musik, feierten die 20. Ausgabe. Die Internationalen Tanztage stemmten statt der anstehenden 30-Jahr-Feier eine Ausgabe 29,5. Die fabrik hob zudem einen Festivalneuling aus der Taufe: Kunst und Klima, der interdisziplinäre Versuch, sich dem Klimawandel zu stellen.

Der große Tanker Hans Otto Theater entdeckte in den fünf Monaten Zwangspause Digitalität. Streamte, filmte. Und startete stark in die Spielzeit: mit „Vögel“ von Wajdi Mouawad, „Die Jury tagt“, dem Theaterdebut von Julia Schoch, der Bühnenadaption von Peter Richters „1989/90“. Mit einer „Maria Stuart“, die kurz vor dem neuen Lockdown nochmal ahnen ließ, was danach fehlen würde.

Und sonst? Solidarität bleibt das Motto der Stunde

Und sonst? 2020 brachte Potsdam sein Demokratiedenkmal. Dem Poetenpack die Ehre, das sanierte Schlosstheater nach siebenjähriger Schließzeit mit einem „Faust“ wiederzueröffnen. Dem Literaturladen von Carsten Wist den Deutschen Buchhandlungspreis. Der Filmuni drei First Step Awards, den Deutschen Kurzfilmpreis und die Einsicht, dass man die Sehsüchte auch digital abhalten kann. Es brachte die Möglichkeit, sich digital im Museum Barberini umzusehen, kostenlos. Solidarische Aktionen mit lokalen Künstlern. Und Potsdams Kulturschaffenden brachte es mit #KulturMachtPotdam ein neues Netzwerk: Solidarität als Motto der Stunde.

Sehen Sie? Es war durchaus nicht alles schlecht.

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