Rita Feldmeier in ihrer letzten Hauptrolle im Festengagement am Hans Otto Theater: „Harold und Maude“, Regie Bettina Jahnke. Foto: Thomas M. Jauk
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Rita Feldmeier verlässt das Festengagement am Hans Otto Theater „Ab 50 war mir egal, was man über mich sagte“

Sie hört es nicht gern, aber: Rita Feldmeier ist eine Ikone des Hans Otto Theaters. Nach 44 Jahren verabschiedet sie sich nun vom Festengagement. Zeit für einen Blick zurück auf Rollen, Intendanten - und darauf, wie sie wurde, wer sie heute ist.

Potsdam - Schuld daran, dass Rita Feldmeier zum Theater kam, ist ein Geruch. In der siebenten Klasse war das, im Clubhaus der Rostocker Neptunwerft. Ein Singspiel sollte aufgeführt werden. Rita, willst du nicht mal?, hatte die Lehrerin gesagt, und sie mit der Aussicht auf kleine Rollen gelockt. Kobolde. Es wurde kein Kobold, es wurde die Rolle des Hänsel. Eine Hauptrolle. Wenn Rita Feldmeier heute darüber spricht, dann nicht über die Bühne, den Applaus. Sondern über den Moment danach. Als es vorbei war, und ihr in der Umkleide der fette Geruch der Abschminke in die Nase stieg, da wusste sie: Das ist es. Das will ich.

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Vielleicht ist es kein Zufall, dass Rita Feldmeier das Schauspielerinnendasein so, gewissermaßen hintenherum und unausweichlich zugleich, ereilt hat. Denn auch wenn das keiner glauben mag, der sie später je auf der Potsdamer Bühne gesehen hat, diese Marlene, Medea, Maria-Stuart-Antagonistin Elisabeth, den „Cabaret“-Star Sally Bowles, diese kraftstrotzende, unbeugsame, widerborstige Haifa: Als Kind war sie schüchtern. Ein Mädchen, das beim Vokabelnaufsagen einen roten Kopf bekam und ins Stottern geriet. Und noch heute sagt sie: „Auf der Bühne war ich immer selbstbewusster als privat.“ Lange hatte sie mit Ängsten zu kämpfen, auch vor Interviews. Angst davor, dass andere denken: Das ist doch blöd. „Angst vor Dummheit.“

Die Schauspielerin Rita Feldmeier ist seit 1976 am Hans Otto Theater engagiert. Jetzt geht sie in den Unruhestand. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Die Schauspielerin Rita Feldmeier ist seit 1976 am Hans Otto Theater engagiert. Jetzt geht sie in den Unruhestand. © Manfred Thomas

 

Glamourös und glitzernd, herrisch und egoman, mädchenhaft und übermütig

Auf der Bühne, in Kostüm und Schminke, war das schon immer anders. Hier kann sie glamourös und glitzernd (Marlene) sein, mondän und frech („Cabaret“) herrisch und egoman („Fritz!“), suchtaffin und abgründig (Welche Droge passt zu mir?), zart und zerbrechlich („Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“), mädchenhaft und übermütig („Harold und Maude“), lebensah und überlebensstark („Occident Express“) – und allzu oft auch vieles davon im virtuos fliegenden Wechsel. Mit einer Stimme, die schnarrt und schmeichelt, kommandiert und sich mockiert; die peitschenhart sein kann und samtig weich. Und die auch singen kann, das hat sie oft bewiesen. In „Cabaret“, in mehreren Rollen der „Dreigroschenoper“, die sie insgesamt viermal gespielt hat. Und natürlich: als Marlene.

Dennoch, als sie damals beim Schularzt vorstellig wird, Berufswunsch Schauspielerin, sagt der: „Ihre Stimme reicht nicht mal zur Lehrerin.“ Dass es doch etwas wurde mit der Schauspielerei, lag nicht zuletzt an den Eltern, beide Doktoren der Pharmazie. „Ein Intelligenzkind“. „Ich bin sehr behütet aufgewachsen“ – mit vier Geschwistern. Sie ist die Zweitälteste. Von der Mutter bekommt sie das Gefühl der Wärme mit, das Da-Sein. Das sie später auch selber als Mutter leben wird: Bis zum Schulabschluss ihrer beiden Kinder steht sie morgens um sechs auf, kocht oft zuhause Mittag. Zwischen Probe und Abendvorstellung.

Lebensnah und überlebensstark: Rita Feldmeier in ihrer Rolle als Haifa in "Occident Express" (Regie: Esther Hattenbach), 2018 am Hans Otto Theater. Foto: Thomas M. Jauk Vergrößern
Lebensnah und überlebensstark: Rita Feldmeier in ihrer Rolle als Haifa in "Occident Express" (Regie: Esther Hattenbach), 2018 am Hans Otto Theater. © Thomas M. Jauk

Mit dem Theater erwachsen geworden

Vom Vater hat sie das Talent für die Bühne, trotz aller Scheu. Die Eltern sind es auch, die ihr als Jugendliche ein Treffen mit einem erfahrenen Schauspieler in der Rostocker Nachbarschaft vermitteln. In dessen Stube sitzt sie irgendwann, in der Ecke eine Madonna, und denkt, wie später noch oft vor aufregenden Situationen im Leben: „Ich sterbe.“ Ob Führerschein, Rollen, Behördengänge: „Man hat mich oft zu Dingen gezwungen“, sagt Rita Feldmeier und meint vor allem ihren Mann, den Schauspieler Achim Wolff. „Und später war ich dafür dankbar.“

Sie bewirbt sich an der Rostocker Schauspielschule und wird sofort genommen, mit sechzehn. Das Abitur hat sich damit erledigt. Mit 19 ist sie ausgebildete Schauspielerin, hat einen Vertrag mit dem Rostocker Theater und bald auch die Angst, hier bis zur Rente zu bleiben. „Ja, ich bin damals mit dem Theater erwachsen geworden“, sagt sie. Sie spielt in Rostock fünf Stücke im Jahr, neben ihren ehemaligen Dozenten. Sie ist das Küken, alle kennen sie. Sie will mehr, anderes. Sie bewirbt sich in Berlin am Deutschen Theater, es wird nur beinahe etwas. Dann der Ruf vom Hans Otto Theater: „Für 700 Mark können Sie kommen.“ Hundert weniger als vorgesehen. Jetzt auch egal, denkt sie sich, und geht 1976 nach Potsdam. Sie ist 22 Jahre jung.

Rita Feldmeier als Anna Politkowskaja in der gleichnamigen Inszenierung von 2007 (Regie: Petra Luisa Meyer). Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Rita Feldmeier als Anna Politkowskaja in der gleichnamigen Inszenierung von 2007 (Regie: Petra Luisa Meyer). © Manfred Thomas

Aus dem behüteten Rostock ins unwirtliche Potsdam

Dass sie 44 Jahre später als „Grande Dame“ des Theaters in den so genannten Ruhestand verabschiedet werden würde – ein Titel übrigens, den sie selbst nicht gelten lässt: Das war damals alles andere als ausgemacht. In Potsdam weht ein anderer Wind als in Rostock. „Ich hatte überhaupt kein Selbstbewusstsein“, sagt sie über die Rita Feldmeier von damals. Günter Rüger, einer der führenden Regisseure am Haus, hat ein Gespür für Schwäche, auch bei ihr. Und er nutzt es aus – so sehr, dass sie in den frühen Potsdamer Tagen sogar mit dem Gedanken spielt, den Beruf aufzugeben.

Und die Konkurrenz ist zu allen Zeiten stark. „Eigentlich hatte ich immer gegen andere Lieblingsfrauen von Regisseuren zu kämpfen“, sagt Rita Feldmeier beim Blick zurück. Was für Günter Rüger Gertraud Kreißig war, war für  Rolf Winkelgrund Anne-Else Paetzold, für Wilfried Mattukat Gisela Leipert, für den Intendanten Uwe-Eric Laufenberg waren es die Stars Angelika Domröse und Katharina Thalbach. Und, jüngstes Beispiel, für Tobias Wellemeyer seine Frau Andrea Thelemann. Oftmals die Zweite zu sein tat weh – und bleibt ein Schatten über den viereinhalb Jahrzehnten am Potsdamer Theater. Wie auch – trotz „Clavigo“, „Familie Schroffenstein“, „Maria Stuart“ – dass sie so wenig in klassischen Rollen besetzt wurde.

Rita Feldmeier als Béline in Molières "Der eingebildete Kranke" (Regie: Philippe Besson), 2004 im Schlosstheater. Foto: Stefan Gloede Vergrößern
Rita Feldmeier als Béline in Molières "Der eingebildete Kranke" (Regie: Philippe Besson), 2004 im Schlosstheater. © Stefan Gloede

Nicht immer nur nett sein: eine Lebensaufgabe

Die Sonnenseite aber überwiegt, auch das wird deutlich. „So wie es gekommen ist, ist alles richtig gewesen“, sagt Rita Feldmeier. Die erste Potsdamer Rolle war noch „Dornröschen“, bei Rüger erkämpft sie sich Respekt, lernt, dass Freundlichkeit allein auf Dauer wenig bringt. „Ich habe hart an mir gearbeitet, auch mal nicht nett zu sein.“ Für eine, die von Natur aus freundlich auf die Welt schaut, eine Lebensaufgabe. Mit Mitte 40 erst hat sie es wirklich verinnerlicht, „ab 50 dann war es mir egal, was man über mich sagte“. Heute hat sie den Ruf einer Frau, die sagt, was sie denkt. Eine, die mit offenem Visier durchs Leben geht.

Sieben Intendanten hat Rita Feldmeier in Potsdam erlebt. Viele Provisorien, einen gescheiterten Theaterneubau, einen tatsächlich umgesetzten, dazwischen jahrelanges Spielen in einer blechernen Büchse auf dem Alten Markt. Und eine Zeitenwende. Diese Zeit, am Potsdamer Theater personifiziert von dem neuen, 1991 aus Dortmund kommenden Intendanten Guido Huonder, war die schwerste, sagt Rita Feldmeier – wenn sie auch begleitet war von ihren größten Filmerfolgen. „Die Architekten“ von Peter Kahane. „Das Mädchen aus dem Fahrstuhl“ von Herrmann Zschoche. „Der Hut“ von Evelyn Schmidt. Trost in theaterarmer Zeit.

Rita Feldmeier als Marlene Dietrich in dem Solo-Abend „Allein in einer großen Stadt“ in der Regie ihres Mannes Achim Wolff. Foto: Stefan Gloede Vergrößern
Rita Feldmeier als Marlene Dietrich in dem Solo-Abend „Allein in einer großen Stadt“ in der Regie ihres Mannes Achim Wolff. © Stefan Gloede

Sieben Intendanten, viele Provisorien, eine Zeitenwende

Privat machen ihr in der Nachwendezeit die Alteigentümer ihres Hauses in Stahnsdorf zu schaffen. Der bereits begonnene Theaterneubau in Potsdam wird wieder abgerissen, geprobt wird plötzlich in Babelsberg, der neue Intendant tauscht fast das gesamte Ensemble aus und im Theater herrscht plötzlich dieser neue, ewig-fröhliche Ton, mit dem Rita Feldmeier nichts anzufangen weiß. Diese Fremdheit im eigenen Haus verschwindet erst mit Stephan Märki als Intendant langsam wieder, der ihr die Titelrolle der „Lola Blau“ gibt. Ralf-Günter Krolkiewicz schließlich kann in ihren Augen das am besten, was Intendanten können müssen: fördern. Rita Feldmeier nennt es: „liebevolles Entwickeln“.

Nichts sei schlimmer, sagt sie, als mit der Unzufriedenheit mit sich selbst allein gelassen zu werden. Denn: „Zum Leuchten komme ich als Schauspielerin nur, wenn der Rest stimmt.“ Bühne, Kostüme, Inszenierung. Sie sagt auch, nach fast 50 Jahren Bühnenerfahrung: „Diese Abhängigkeit finde ich schlimm.“ Friedrich den Großen in „Fritz!“ aus dem Jahr 2012 zum Beispiel hat sie gern gespielt (und wie: als grimmige Diva, auf Pumps) – und doch auch gespürt, dass die Inszenierung von Tobias Wellemeyer nicht gut ankam.

Ein guter Moment, um zu gehen

Mit welcher eleganten Standfestigkeit Rita Feldmeier inzwischen das Nicht-nur-Nettsein beherrscht, zeigt eine Anekdote aus der Ära Tobias Wellemeyers: Er hat sie, als einzige im Ensemble, bis zu seinem Weggang 2018 gesiezt. Ihr kam das entgegen. Erst bei der Berliner Wiederaufnahme der Bühnenfassung von Juli Zehs „Unterleuten“ ging sie auf ihn zu: „Jetzt sind Sie nicht mehr mein Chef, jetzt sagen wir Du.“

Nun wird also Schluss sein mit der Abhängigkeit von Chefs, Chefinnen und Probenplänen. Und Rita Feldmeier sagt: Es ist ein guter Moment, um zu gehen. „Occident Express“, „Gehen oder der zweite April“, „Harold und Maude“ – sie hatte in den ersten zwei Spielzeiten von Bettina Jahnke so viele große Rollen wie davor lange nicht. Und Rita Feldmeier wird bald wieder eine spielen: Leah in „Vögel“ von dem kanadischen Autor Wajdi Mouawad, die Eröffnungsinszenierung der neuen Spielzeit. 

Im Dezember folgt eine Komödie in Braunschweig – nach „Fisch zu viert“, 2011 in der Komödie am Kurfürstendamm, spielt sie darin erstmals wieder an der Seite ihres Mannes Achim Wolff.  Dazwischen wird sie Großmutter werden, was ganz und gar kein Detail ist für Rita Feldmeier. Und auch „Allein in einer großen Stadt“, ihr großes Marlene-Dietrich-Solo, soll wieder in Potsdam gezeigt werden. Es bleibt also zu konstatieren – und zu hoffen: Was hier begangen wird, ist kein Abschied. Es ist ein Schritt in die Freiheit. Ein Neuanfang.


„Vögel“ von Wajdi Mouawad, Regie Bettina Jahnke, eröffnet am 11. September die neue Spielzeit des Hans Otto Theaters



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