Für freiberuflicher Musiker ist die aktuelle Situation mit durch das Coronavirus abgesagten Auftritten existenziell.   Foto: Michael Reichel/dpa
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Potsdams Kulturschaffende in der Coronakrise „Es ist richtig, richtig schwierig“

Keine Rücklagen, wenig Hilfe und manchmal sogar Unverständnis: Freiberufliche Künstler trifft die Coronakrise hart. Zum Teil fehlen Einnahmen in fast sechsstelliger Höhe.

Potsdam - Es sei gerade sehr deprimierend. „Ich sehe zu, wie reihenweise Mails mit Konzertabsagen reinflattern“, sagt Juliane Esselbach am gestrigen Montag am Telefon. Die freiberufliche Sopranistin aus Potsdam stellt nicht in Frage, dass das jetzt unumgänglich ist. Aber dass die meisten Schreiben mit floskelhaften guten Wünschen für die weitere Zusammenarbeit enden und keinerlei Angebot eines Ausfallhonorars enthalten, das empfindet sie als unsolidarisch. „Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die uns gebucht haben, zumindest eine kleines Angebot machen würden.“ Manche bieten Nachholtermine an, aber wenn der erst im kommenden Jahr liegt, bringe der auch keine Entlastung für die jetzige Notlage. Immerhin zahlen die Mitglieder ihrer drei Chöre, die nun nicht proben können, weiterhin Beiträge, das freue sie sehr.

Die Passions- und Osterzeit ist für die Solistin die wichtigste Einnahmezeit des Jahres, Passionsmusiken sind zudem nicht Monate später nachzuholen. Dass jetzt viele freischaffende Künstler aber auch Techniker in eine existenzbedrohende Lage geraten, sei dabei zum Teil auch ein hausgemachtes Problem. „Die Honorare oder Gehälter der Kunst- und Kulturbranche sind generell zu niedrig. Da kann man sich kaum Rücklagen für Notsituationen ansparen.“ Das habe nicht zuletzt auch mit der Wertschätzung dieser Branche zu tun. Unterschwellig schwinge immer der Vorwurf mit, man sei selber Schuld, man hätte ja auch was Anständiges lernen können, so Esselbach. „Auch wir haben jahrelang studiert und uns weitergebildet, sollen uns aber mit viel weniger Einkommen als beispielsweise jemand aus der Wirtschaft zufrieden geben.“

"Dass man nichts planen kann, ist eine Katastrophe“

Eine, die doppelt betroffen ist vom Stillstand des kulturellen Lebens, ist Hanna Weissgerber. Sie spielt als Akkordeonistin in verschiedenen Ensembles und Projekten und arbeitet außerdem als freiberufliche Tontechnikerin. Nun hat sie keine Aufträge, weder als Musikerin noch als Technikerin hinter der Bühne, und bereits gebuchte Veranstaltungen fallen erstmal aus. Das bedeutet, es wird auch keine Honorare oder Ausfallzahlungen geben. „Verträge enthalten oft ungenaue Formulierungen. Und Veranstalter berufen sich darauf: Geld nur gegen Leistung.“ Kaum einer sehe sich in der Pflicht, Schadenersatzleistungen zu zahlen. Das betreffe leider nicht nur kleine Auftraggeber wie Vereine, sondern auch große städtische Häuser. 

Weissgerber möchte aber keine nennen. Es gehe ihr wie anderen Kollegen: Man möchte sich die künftige Zusammenarbeit mit Auftraggebern nicht verderben. Jetzt lebe sie von Ersparnissen und dem Gehalt ihres Mannes. Kurzarbeitergeld kommt für Freie nicht in Frage. Nur im Quarantänefall bekommen Selbstständige einen Teil ihres durchschnittlichen Einkommens erstattet. Diese Regelung wünscht sich Weissgerber bereits beim Verbot von Veranstaltungen. „Das wäre super.“ Die aktuellen Sorgen werden zudem von der Ungewissheit, wann es weitergeht, verstärkt. „Dass man nichts planen kann, ist eine Katastrophe.“

Hat gerade nicht viel zu lachen. Andreas Hueck vom Poetenpack. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Hat gerade nicht viel zu lachen. Andreas Hueck vom Poetenpack. © Ottmar Winter

„Uns fehlen dann Einnahmen in fast sechsstelliger Höhe"

Wie und wann es weitergeht, wüsste auch gerne Andreas Hueck, Leiter des Theaters Poetenpack. Das freie Potsdamer Theater gilt als ein kulturelles Aushängeschild der Landeshauptstadt. Sie treten Deutschlandweit auf und sind in Potsdam vor allem für den Theatersommer im Heckentheater am Neuen Palais bekannt. Auch er verbringt derzeit Stunden am Rechner und am Telefon, um wenigstens einige Ausfallhonorare zu bekommen. Meist ist es vergebliche Mühe. „Es ist richtig, richtig schwierig“, so Hueck. „Die Veranstalter sagen, sie seien nicht zu Zahlungen verpflichtet, wenn wir nicht spielen. Aber wir dürfen nicht spielen.“ 

Sechs feste Mitarbeiter und ein Pool von 40 freien Schauspielern gehört zum Ensemble. Von denen habe die meisten noch andere Projekte, die nun alle wegbrechen. Das Poetenpack hätte in Frühjahr bis zum Sommer Goethes „Faust“ aufgeführt, außerdem „Mein Kampf“ und ein Kinderstück. Alle 19 Vorstellungen, darunter zwei mit angehängten Workshops für Jugendliche, werden aller Voraussicht nach ausfallen. Das sei auch völlig richtig. Allerdings: „Uns fehlen dann Einnahmen in fast sechsstelliger Höhe. Wir fragen uns auch, wie lange der Zustand anhalten wird. Wird es ein Sommertheater am Neuen Palais geben?“ Derzeit dürfen nicht mal Proben stattfinden, und sollte es dann irgendwann weitergehen, wird die Probenzeit fürs Sommerstück extrem knapp. Er hofft, dass sich das Ensemble auf die Hilfsangebote der ILB für Kleinunternehmer bewerben kann und dafür in Frage kommt.

Die Potsdamer Band Subway to Sally musste ihre Tour absagen, die Rechnungen für bestellte Transportautos müssen trotzdem bezahlt werden. Foto: Alexander Schlesier/promo Vergrößern
Die Potsdamer Band Subway to Sally musste ihre Tour absagen, die Rechnungen für bestellte Transportautos müssen trotzdem bezahlt werden. © Alexander Schlesier/promo

Die Hoffnung, dass es bald weitergeht

Hilfen der Stadt richten sich derzeit nur an freie Träger mit einem festen Veranstaltungsort. Dazu fand in der vergangenen Woche ein Termin vom Kulturamt mit Trägern statt. Das Poetenpack zählt nicht dazu, der Verein besitzt keine Spiel- oder Probenstätte. Zuletzt probte man in der Freien Bühne in der Zimmerstraße. Nachdem der Eigentümer die Miete erhöhte, kam das für sie nicht mehr in Frage. Geplant ist, künftig den Klosterkeller zu nutzen, aber der muss zunächst saniert werden und das Genehmigungsverfahren sei noch am Laufen. „Wir hängen im Augenblick in der Luft“, so Hueck.

Jetzt versucht er herauszubekommen, welche Fördertöpfe und Hilfsfonds eventuell für sie als Verein in Frage kommen - und verfolgt vor allem ständig die Meldungen der Infektionsraten vom Robert Koch Institut. „Die Zahlen gingen am Wochenende runter“, sagt er. Er würde so gerne hoffen, dass es bald weitergeht. Und dass die Leute dann im Mai oder Juni wieder Lust auf Geselligkeit und Kultur haben und ins Theater gehen. „Wir spielen ,Der Ritter von der flammenden Mörserkeule', eine großartige Komödie von Francis Beaumont und John Fletcher über das Shakespeare-Theater“, sagt Hueck mit ungebrochener Begeisterung in der Stimme.

Die Potsdamer Gambenspielerin Christiane Gerhardt, hier mit Kollege Tilman Muthesius, muss sich Vorwürfe anhören, weil sie keine Konzerte mehr gibt. Foto: promo Vergrößern
Die Potsdamer Gambenspielerin Christiane Gerhardt, hier mit Kollege Tilman Muthesius, muss sich Vorwürfe anhören, weil sie keine Konzerte mehr gibt. © promo

Subway to Sally bleibt auf Rechnungen sitzen

Michael Boden, Künstlername Bodenski, Mitglied der Potsdamer Band Subway to Sally, versucht derzeit, seine Begeisterung auf Gartenarbeit umzulenken. Die erfolgreiche Folk-Rock-Metal-Band mit sieben Mitgliedern konnte ihre Frühjahrs- und Sommertour nicht antreten. 16 Konzerte von Wilhelmshaven bis Wien sind abgesagt. Die Band befindet sich quasi im Leerlauf, auch Studioaufnahmen und Probenarbeiten sind unmöglich, weil die Mitglieder in verschiedenen Bundesländern mit verschiedenen Ausgangsregelungen leben. Man soll ja sowieso nicht reisen, so Boden. Er lebt in Potsdam. „Jetzt ist Gartenarbeit angesagt“. Die Zwangspause wird allerdings sehr teuer. Die Band ist eine GbR, die Mitglieder zahlen sich Gehälter. Die Einnahmen stammen hauptsächlich von Touren und dem großen Konzert zur „Eisheilgen Nacht“ im Dezember. Davon zehren sie derzeit, aber das langt nicht ewig, so der Gitarrist. Sie konnten die meisten Konzerte umbuchen auf die Herbstsaison und hoffen, dass die Fans das mitmachen und trotzdem kommen. 

Sollte allerdings das große Metalfestival Wacken nicht stattfinden können, wäre das sehr bitter. „Wacken kann man nicht verlegen, das gibt es dann dieses Jahr gar nicht“. Die Tourabsage erwischte sie zudem im denkbar ungünstigsten Moment. Die Lkw waren bestellt, vieles schon eingepackt. Jetzt müssen also Rechnungen bezahlt werden, obwohl nichts reinkam. Boden hat gehört, dass es von der GVL, der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, Hilfen geben soll. Vermutlich nur wenige Hundert Euro – eine kleine Geste. Ihnen bleibe, wenn die Rücklagen aufgebraucht sind, nur der Gang zum Jobcenter. „Oder wir gehen Regale aufstocken“, sagt Boden mit Galgenhumor.

Alle genannten Musiker und Schauspieler sagen, dass sie die politischen Maßnahmen gutheißen und mittragen. Christiane Gerhardt, Gambenspielerin und Lehrerin aus Potsdam, die ebenfalls keine Konzerte mehr geben kann und nur noch per Skype unterrichtet, erlebte allerdings auch, dass man ihr vorwarf, der Panikmache zur erliegen und jetzt „coronafrei“ zu machen. „Das ist für mich völlig unverständlich“, so Gerhardt. Sie hofft, dass sich alle an die Maßnahmen halten und sich die Lage bald für alle bessert.



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